Stasi gegen Juden

EU zeigt Ausstellung über Judenverfolgungen in der CSSR

 

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Spricht man in deutschen Medien von «der Staatssicherheit» meint man im Allgemeinen den Staatsicherheitsdienst der ehemaligen DDR. Weniger bekannt ist indes, dass auch in den wesentlich liberaleren Ländern des ehemaligen Ostblocks Staatssicherheitsdienste nach dem gleichen «tschekistischen Vorbild» agierten. «Tscheka» war die Abkürzung der 1917 von Lenin gegründete sowjetrussischen Geheimpolizei, ausgesprochen «Außerordentliche Allrussische Kommission zur Bekämpfung von Konterrevolution, Spekulation und Sabotage».

Mit den Einzelheiten einer Aktion der tschechoslowakischen kommunistischen Staatssicherheit unter der Bezeichnung «Pavouk», zu deutsch «Spinne», können sich derzeit die Besucher der Ausstellung «Juden in Böhmen und Mähren» informieren, die kürzlich im Yehudi-Menuhin-Saal im Europäischen Parlament in Strasbourg eröffnet wurde. Neben dieser Sonder-Aktion, die mehrere Jahre lang zahlreiche Mitarbeiter der tschechoslowakischen «Stasi» beschäftigte, werden weitere weniger bekannte Fälle der Verfolgung von Juden während des Kommunismus dokumentiert. Die Exposition zeichnet darüber hinaus die tragischen Schicksale der tschechoslowakischen Juden während des Zweiten Weltkriegs und deren Betrag für die europäische Kultur nach. Denjenigen, denen die Flucht gelang, ist ebenfalls Raum gewidmet: Die Besucher erhalten Einblicke in Erinnerungen jener Juden, die den Zweiten Weltkrieg dank rechtzeitiger Emigration aus dem von den deutschen Nationalsozialisten errichteten «Reichsprotektorat Böhmen und Mähren» überlebten. Erzählt werden Einzelschicksale von Exilanten, die, wie zahlreiche andere, auch nichtjüdische tschechische Emigranten, die erzwungene Auswanderung in den Diensten der britischen Royal Airforce verbrachten.

Jan Kratochvil, einer der Kuratoren der Ausstellung, erläutert auf der offiziellen Website der Tschechischen Republik, warum die Ausstellung sich auf die Verfolgung der Juden in der Tschechoslowakei während des kommunistischen Regimes konzentriert: «Über die Zeit des Krieges weiß man viel. Aber darüber, dass die Juden in ihren Ländern auch in der Zeit des Kommunismus verfolgt wurden, wird fast gar nicht gesprochen.»

Exemplarisch wurde eine Aktion der tschechoslowakischen kommunistischen Staatssicherheit aus der Zeit der «Normalisierung» dokumentiert. Dabei erfasste die Staatssicherheit der CSSR in einer Liste diejenigen Juden, die verschiedene bedeutende Positionen in Wirtschaft, Schulwesen, Gesundheitswesen, Wissenschaft oder in den Medien innehatten. Im Jahr 1973 enthielt auf diese das Register der Staatssicherheit ein Verzeichnis mit den Namen von mehr als 17.000 Personen jüdischer Herkunft. Bei mehreren Hundert von ihnen ging die Geheimpolizei zu einer intensiveren Überwachung über und ergriff verschiedene «polizeiliche Maßnahmen».

Die Ausstellung «Juden in Böhmen und Mähren» zieht Anfang Dezember aus dem Europäischen Parlament in Straßburg in die Räume der Ständigen Vertretung der Tschechischen Republik bei der Europäischen Union in Brüssel um. Später wandert sie durch weitere diplomatische Auslandsvertretungen Tschechiens. Auf Termine in Deutschland werden wir rechtzeitig aufmerksam machen.

Ludwig Beer

«Jüdische Zeitung», Dezember 2007