Insolvenz in Hamburg?

 

Beschimpft seinen Nachfolger: A.Wankum F.:HLL

Der Jüdischen Gemeinde Hamburg droht die Insolvenz. Wenn sie nicht binnen kurzer Zeit den Finanzhaushalt umbaut, muss sie spätestens im Frühjahr 2009 Konkurs anmelden. Das erbrachte ein Gutachten der Deutschen Warentreuhand BDO, eines der renommiertesten deutschen Wirtschaftsprüfungsunternehmen. Das Defizit soll mehr als eine Viertel Million Euro pro Jahr betragen. Der größte Minus-Posten würde sich aus einem Kredit über fünf Millionen Euro ergeben, den der alte Vorstand für die Sanierung der Talmud-Tora-Realschule und drei weiterer Häuser aufgenommen hat. Die Berichterstattung über die drohende Insolvenz artete zudem in einen juristischen Schlagabtausch zwischen dem neuen Vorsitzenden Ruben Herzberg (56) und seinem Vorgänger Andreas C. Wankum (52) aus.

«Der alte Vorstand hat kurz vor seiner Abwahl Verpflichtungen übernommen, die uns in die Insolvenz treiben, wenn wir diese Verpflichtungen nicht rasch umbauen können», sagt Herzberg, seit 22. August neuer Vorstandsvorsitzender der Gemeinde mit rund 3.000 Mitgliedern. Herzberg macht drei Kosten-Schwerpunkte aus: Erstens: «Für den Kredit über fünf Millionen Euro müssen wir jährlich an Zinsen und Tilgung 400.000 Euro aufbringen.» Zweitens: Der alte Vorstand habe für die Leitung der Jugendarbeit in der Gemeinde einen Honorarvertrag über jährlich 150.000 Euro pro Jahr abgeschlossen. Ein Drittel der Summe würde als Honorar an die Leitung der Jugendarbeit fließen, der Rest solle in Sachmittel investiert werden. Die Leistungen, die dafür erbracht werden sollen, seien aber in keiner Weise definiert. Der Leitung sei somit freie Hand in der Gestaltung der Jugendarbeit, insbesondere der inhaltlichen und religiösen Arbeit gegeben worden. Intensive Gespräche mit dem Vertragspartner sollen nun zu einer Lösung führen und den «dicken Posten» (Herzberg) auf der Soll-Seite der Finanzen tilgen. Und drittens: Der alte Vorstand hat für die jüdische Grundschule Lehrkräfte mit Verträgen auf Angestellten-Basis eingestellt. «Diese Verträge schlagen mit 3.000 Euro pro Schüler und Jahr zu Buche», sagt Herzberg. «Das müssen wir jetzt dringlich mit der Schulbehörde erörtern und neue Lösungen finden.» Zudem würden mit Vorstand und Beirat weitere Einspar-Möglichkeiten diskutiert. Außerdem sei der Vorstand mit jüdischen Organisationen und Stiftungen im Gespräch, um der drohenden Zahlungsunfähigkeit zu entgehen.

Aufgrund der Finanz-Debatte hat Wankum (Foto), der vier Jahre Vorstandsvorsitzender der Gemeinde war, Herzberg öffentlich als «Lügner» beschimpft. «Heute [am 28. November] ist ihm per Gerichtsvollzieher eine einstweilige Verfügung auf Unterlassung zugegangen (Amtsgericht Hamburg, 27.11.07, Geschäftsnummer 23A C 402/07). Bei Zuwiderhandlung droht Wankum eine Strafe bis zu 250.000 Euro», sagte Herzberg zur Jüdischen Zeitung. Wankum legt nach: «Herr Herzberg hat von Wirtschaft keine Ahnung und fügt der Gemeinde großen Schaden zu», und schiebt seinerseits seinem Vorgänger Misswirtschaft zu: «Ich habe die Gemeinde vor vier Jahren mit einem Defizit von 1,2 Millionen Euro übernommen, die sich in den acht Jahren davor aufgebaut haben.» Die Ursache für die Schulden macht der Kreisschatzmeister der CDU-Hamburg-Nord in der Zuwanderung der Juden aus den ehemaligen GUS-Staaten aus. Außerdem habe er zu allen Entscheidungen die Zustimmung des Beirats erhalten. Gemeinsam habe man das «strukturelle Defizit deutlich reduziert», und auch der Kredit über fünf Millionen Euro zur Sanierung der Häuser und der Talmud-Tora-Realschule sei finanztechnisch abgesichert aufgenommen worden, zumal durch die Sanierung wieder Wohnraum für bedürftige Gemeindemitglieder entstehen würde.

Wankums Schelte geht weiter: «Ich kenne das BDO-Gutachten nicht, es liegt mir nicht vor.» Das wiederum sieht Herzberg anders: «Das Ergebnis des Gutachtens wurde der Gemeinde in einer öffentlichen Versammlung in einer eineinhalbstündigen Präsentation vorgestellt. Herr Wankum hätte das Gutachten einsehen können, doch Herr Wankum war nicht da.» Herzberg möchte endlich inhaltlich arbeiten. So wurde beispielsweise die Gedenkfeier zur Reichs-Pogromnacht ein voller Erfolg. 300 Menschen, darunter zahlreiche Vertreter aus Politik, Gesellschaft und Wirtschaft, nahmen an der Feier mit Podiumsdiskussion über neue Formen des Gedenkens teil. «Diese neue Formen des Gedenkens sollen vor allem die Jugend erreichen», so Herzberg.

Heike Linde-Lembke

«Jüdische Zeitung», Dezember 2007