„Die Krone unseres Hauptes“

Gedenkfeier für Ernst Ludwig Ehrlich z’’l in Berlin

 

Foto:T.Barniske

«Ich liebe nicht die Deutschen, ich liebe nicht die Schweizer... Ich liebe meine Freunde», zitierte Ernst Ludwig Ehrlich vor über 20 Jahren Anette Kolb, um diesen Satz dann auf sich und sein Verhältnis zu Deutschland zu beziehen. Und: «Wenn man älter wird, kehrt man an seine geistigen Ursprünge zurück». Am 18. November, dem Volkstrauertag, erinnerten sich auf Initiative des Abraham Geiger Kollegs im Centum Judaicum gut 150 Freunde zusammen mit Ehrlichs Witwe Sylvia an ihren «Lutz», der 1921 in Berlin geboren worden war, sich 1943 in die Schweiz retten konnte und am 21. Oktober in Riehen bei Basel verstarb.

«Wir haben die Krone von unserem Haupt verloren»: so beschrieb Rabbiner Henry G. Brandt den großen Verlust. Die deutsche Bundeskanzlerin Merkel hatte in ihrem Kondolenzschreiben Ehrlichs Gabe betont, Brücken zwischen Religionen und Kulturen zu bauen; was es mit diesem unbeirrten Engagement auf sich hatte, wurde in der Begrüßung durch den Hausherrn Hermann Simon und in drei Gedächtnisreden von Rabbiner Brandt, vom Präsidenten von B'nai B'rith Europe, Reinold Simon, sowie von Rabbiner Walter Homolka deutlich. Sie erinnerten an einen «talmid chacham», der mit seiner religiösen Liberalität die Brücke zum deutschen Judentum der Vorkriegszeit geschlagen hatte und dabei die Tradition in moderne Formen hineinzuholen verstand: «Er hat dazu beigetragen, dass es mit dem Abraham Geiger Kolleg wieder einen Ort für Rabbinerausbildung in Deutschland gibt.» Der Sekretär der Deutschen Bischofskonferenz, Pater Hans Langendörfer, der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Hans Joachim Meyer, und Hubert Frankemölle vom Deutschen Koordinierungsrat skizzierten, wie Ehrlich über 30 Jahre lang dem jüdisch-christlichen Dialog in Deutschland seinen eigenen theologischen Stempel aufgedrückt hat.

Lutz Ehrlich setzte sich stets für ein solidarisches Miteinander ein, und diesen Nachmittag hatte sich eine wirkliche Gemeinschaft gefunden: christliche Theologen und die Mitglieder der liberalen Allgemeinen Rabbinerkonferenz Deutschlands, Publizisten und Politiker. Unter den Freunden und Weggefährten aus der Berliner jüdischen Gemeinde waren George und Ruth Lippmann, die Gemeindeältesten Inge Marcus und Nathan Milgrom, Rabbiner Nathan Peter Levinson und Ernst Cramer. Cramer befand: «Er war einer derjenigen, die Leo Baeck nicht nur kannten und bei ihm lernten, sondern sein ganzes Leben lang in seinem Sinne wirkten.»

Der Außenpolitische Sprecher der SPD, Gert Weisskirchen, der nordrhein-westfälische Staatssekretär Michael Mertes und der Generalsekretär der Konrad-Adenauer-Stiftung, Wilhelm Staudacher, schilderten Ehrlich als geschätzten Berater etwa von Willy Brandt und Roman Herzog, der über Parteigrenzen hinweg Initiativen für die Erneuerung jüdischen Lebens förderte und die Beziehungen zu Israel und der jüdischen Gemeinschaft in den USA festigen half. All die Worte der Erinnerung fügten sich zu einem Lebensbild, bei dem man nur die offiziellen Stimmen der Jüdischen Gemeinde zu Berlin und des Zentralrats der Juden in Deutschland vermisste. Um so mehr wurde es begrüßt, dass der scheidende Kulturdezernent der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Peter Sauerbaum, und der Generalsekretär des Zentralrats, Stephan J. Kramer, ebenso wie Feliks Byelyenkow und Heiner Olmer vom Präsidium beziehungsweise Direktorium des Zentralrats unter den Trauergästen waren. Auch für den Berliner Gemeinderepräsentanten Benno Bleiberg war es ein ganz persönliches Anliegen, an der Gedenkfeier teilzunehmen: ««Professor Ehrlich war Ende der 80-er und Anfang der 90-er Jahre zu den Hohen Feiertagen regelmäßig als Prediger in der Synagoge Fraenkelufer eingesetzt und vertrat mit seiner Persönlichkeit den rationalen aufklärerischen Geist des Judentums.»

Die Berliner Gedenkfeier, die die Mezzosopranistin Anne-Lisa Nathan mit Liedern der Romantik umrahmte, wurde mit dem «El male rachamim» und dem Kaddisch beschlossen Die Trauergemeinde ging mit einem Appell von «Tachles»-Chefredakteur Yves Kugelmann (Zürich) auseinander: dem Weg des Gerechten nun selbst gerecht zu werden. Ehrlichs rationaler und aufklärerischer Geist wird in jedem Fall auch weiterhin Impulse vermitteln: Ende März soll in der Katholischen Akademie Freiburg eine Wochenendtagung «Ernst Ludwig Ehrlich und der jüdisch-christliche Dialog» stattfinden: der Verlag Walter de Gruyter, dem Ehrlich 50 Jahre lang verbunden war, will im Herbst 2008 eine Auswahl seiner Aufsätze zum Judentum veröffentlichen, und das Katholische Seminar an der Freien Universität Berlin kündigte bereits die Einrichtung eines «Ernst-Ludwig-Ehrlich-Masterstudienganges zur Geschichte, Theorie und Praxis der jüdisch-christlichen Beziehungen» an. Und schon am 11. März wird in Berlin erneut an ihn erinnert werden, wenn B'nai B'rith Europe zu einem Gala-Dinner einlädt, um Bundeskanzlerin Merkel zu ehren - ein Ereignis, das der Vermittlung von Ernst Ludwig Ehrlich zu verdanken ist

Hartmut Bomhoff

«Jüdische Zeitung», Dezember 2007