Versöhnungsgesten

 

Nachdem die «Jüdische Zeitung» in ihrer Oktober-Ausgabe auf Seite 3 über die Synagogengemeinde zu Halle e.V. berichtete, bat der Vorsitzende des Landesverbandes Jüdischer Gemeinden Sachsen-Anhalt, Max Privorozki, um ein Gespräch mit der Redaktion, dem wir gerne nachkamen. Der Landesverband sieht sich seit Jahren in eine Auseinandersetzung um Staatsleistungen und Gerichtsverfahren mit der Synagogengemeinde zu Halle e.V. verstrickt. Die liberal geführte Synagogengemeinde mit ihrem Vorsitzenden Karl Sommer ist der Auffassung, sie erhalte zu wenige Leistungen aus den nach dem Staatsvertrag beschlossenen Vereinbarungen. Da fragt man sich, wie es die Gemeindemitglieder an der Basis der orthodoxen und der liberalen Gemeinschaften in Halle aushalten, dass ihre Vertreter und der Landesverband derart im Zwist liegen?

Das könne man «leicht» beantworten, meint Privorozki, doch müsse man dazu etwas ausholen: «Im Repräsentantenausschuss der jüdischen Gemeinde Halle gibt es neun und im Landesvorstand vier Mitglieder. Mehr als 50 Prozent der Zeit, die dieser Ausschuss tagt, wird für die Themen „Herr Sommer" und „Synagogengemeinde" verwendet. Was aber die Gemeindemitglieder betrifft, die keine Funktionsträger im Sinne des Repräsentantenausschusses sind, die interessiert das Thema kaum. In den Gemeindeversammlungen tauchen vonseiten unserer Mitglieder fast nie Fragen zu diesem Thema auf.»

Soziale Betreuung und Integrationsmaßnahmen in der Jüdischen Gemeinde zu Halle funktionieren einwandfrei, so der Landesvorsitzende, deren Vorsitzender er zugleich ist. Die Zahl der Gemeindemitglieder in Halle stagniere, «es gibt hier keine Zuwanderung mehr». Vor etwa zwei Jahren hatte die Jüdische Gemeinde zu Halle noch gut 750 Mitglieder. Heute liege die Mitgliederzahl unter 700. Die Leistungen für die jeweiligen Gemeinden richten sich nach deren Mitgliederzahlen. «In der Beschlussbegündung des Verwaltungsgerichts Magdeburg wird betont, dass der Landesverband, der für die Auszahlung der Landeszuschüsse an die einzelnen Gemeinden zuständig ist, auch dazu berechtigt sei, die Grundlagen für diese Auszahlungen nachzuprüfen», so Privorozki.

Wir als Landesverband sind jedenfalls auf allen Ebenen, also gemeinsam mit der Landesregierung, dem Zentralrat und Herrn Sommer, jederzeit für Gespräche zur Aussöhnung bereit. Wir hätten uns wirklich lieber außergerichtlich geeinigt. Im Übrigen sollten wir uns dahingehend wieder als Juden zusammenschließen und einen gemeinsamen Weg finden, denn wenn wir uns streiten, freuen sich nur die Rechtsradikalen. Aber vor allem werden so der Anschein und das Vorurteil geweckt, Juden stritten sich nur um Geld. Oberflächlich betrachtet sehe ich die Gefahr, dass dieses alte Vorurteil Nahrung bekommt und eine Art von Anti-Anti-Antisemitismus aufkommen könnte. Das müssen wir verhindern. Dafür werde ich mich jederzeit einsetzen.»

Desweiteren berichtete der Landesvorsitzende, er wolle sich gerne mit der jüdischen Gemeinde von Halberstadt in Verbindung setzen. «Ich selber kenne die jüdischen Mitglieder in Halberstadt nicht, auch wenn es dort eine Vereinigung gibt, die sich Jüdische Gemeinde nennt. Diese Vereinigung hat allerdings bis heute noch keinen Antrag gestellt, um in den Landesverband aufgenommen zu werden. Wir sind zu deren Gründung vor ein paar Jahren nicht eingeladen worden. Ich begrüße es aber außerordentlich, dass es diese Vereinigung gibt. Sollte ich von der Gemeinde Halberstadt, insbesondere von Herrn Faber, zu einem Treffen eingeladen werden, stehe ich sofort zur Verfügung.» Diese sehr erfreuliche und versöhnliche Geste brachte Privorozki auch gegenüber der Synagogengemeinde Halle e.V., insbesondere gegenüber Karl Sommer, zum Ausdruck: «Ich persönlich bin dafür, dass die Synagogengemeinde, die bislang nur ein „eingetragener Verein" ist, Mitglied des Landesverbandes werden kann. Das dürfen, laut unserer Satzung, bislang nur „Körperschaften des öffentlichen Rechts", was Herrn Sommers Gemeinde nicht ist. Ich werde in Absprache mit der Landesregierung alles tun, um diese Regelung zu ändern, damit auch dieser „e.V." in unseren Landesverband aufgenommen wird, wenn Herr Sommer das wünscht.» Die «Jüdische Zeitung», die Werner Media Group und ihr Verleger Nicholas Werner unterstützen diese versöhnliche Geste des Landesverbandes Jüdischer Gemeinden Sachsen-Anhalt und bieten in diesem Zusammenhang für weitere Gespräche zwischen der Synagogengemeinde Halle e.V., dem Zentralrat und dem Landesverband einen «runden Tisch» in unserem Verlagshaus an. Kön

 

«Jüdische Zeitung», Dezember 2007