Der Schabbat als Stolperstein

Getrenntes Gedenken in Aschaffenburg

 

Die alljährlichen Gedenkfeiern zur Reichspogromnacht vom 9. November 1938 haben im Laufe der letzten Jahrzehnte eine erstaunliche Wandlung erfahren. Zunächst noch von den örtlichen jüdischen Gemeinden initiiert, gelangte die Erinnerung an den Tag, an dem in ganz Deutschland die Synagogen brannten und viele Juden ihre Heimat, ihr Hab und Gut oder gar ihr Leben verloren, inzwischen in das allgemeine öffentliche Bewusstsein. Seit 1978 gilt der 9. November bundesweit als fester Erinnerungstag. Art und Ablauf der Gedenkfeiern veränderten sich von Zeit zu Zeit, doch ein wesentlicher Punkt blieb Instanz: Juden und Deutsche gedenken diesem Tag gemeinsam, eine Unterscheidung gab es nie und wäre schon gar nicht Sinn der Sache.

Eine andere Situation herrschte am 9. November 2007 im unterfränkischen Aschaffenburg am Main. Dort wurde im Rahmen von gleich zwei separaten Veranstaltungen gedacht - aufgrund mangelhafter Kommunikation. Bereits am Freitagmittag traf sich die örtliche Initiative zur Neugründung einer Jüdischen Gemeinde Aschaffenburg am Wolfsthalplatz. Auf dem Programm standen eine Ansprache von Micha Brumlik (Frankfurt am Main) zum Thema «Gedenken an eine vernichtete Gemeinde und Hoffnung auf eine erneuerte Gemeinde», Musikbeiträge unter der Leitung von Roman Kuperschmidt sowie «El male rachamim» und

Kaddisch. Die Initiative hat sich bereits wiederholt öffentlich für die Erneuerung jüdischen Lebens in Aschaffenburg engagiert, so etwa zu Purim und mit Beiträgen zum «Israel-Tag» als ein couragiertes Zeichen für Demokratie, Menschenrechte und eine friedliche Entwicklung im Nahen Osten.

Die Stadt setzte ihrerseits einen eigenen Termin auf Freitagabend, 19.00 Uhr, um den Berufstätigen entgegenzukommen. Dadurch war es den in Aschaffenburg lebenden Juden selbst aber nicht mehr möglich, in offizieller Weise daran teilzunehmen, schließlich begann mit Sonnenuntergang um 16.20 Uhr begann der Schabbat. «Dies hätte die Stadt bedenken müssen», so Daniel Hofmann von der Initiative zur Neugründung einer jüdischen Gemeinde in Aschaffenburg. Doch die Stadt schob ihrerseits den schwarzen Peter weiter an die Israelitische Kultusgemeinde Würzburg und Unterfranken: Dieser ist nämlich auch Aschaffenburg zugehörig, und man hätte dort «grundsätzlich nichts» gegen den Abendtermin gehabt. Die Schabbat-Problematik würde in Kauf genommen, wenn im Gegenzug die Bevölkerung einheitlich gedenken kann. Doch dazu kam es schlussendlich nicht.

In Aschaffenburg wurde den Verbrechen der Reichspogromnacht also in doppelter Form gedacht - doch nur mit halber Zusammengehörigkeit. Ein Blick «über den Tellerrrand» beweist, dass es auch anders geht. Dort fand die offizielle Gedenkfeier mit dem Regierenden Bürgermeister mit Blick auf den Schabbat bereits am Abend des 8. Novembers im Jüdischen Gemeindehaus statt. Und auch in Würzburg wurde nicht etwa am Schabbatabend, sondern am Sonntag darauf mit einer Gedenkstunde an die Pogromnacht von 1939 erinnert. JZ

 

«Jüdische Zeitung», Dezember 2007