«Schalom, wir sind die Mischpoche»

Im thüringischen Nordhausen hat sich eine Gemeinde etabliert

 

Miteinander zu Sukkot Foto:privat

Wir möchten uns vorstellen: Jüdische Landesgemeinde Thüringen, Außenstelle «Schalom Nordhausen». Endlich ist unser Traum in Erfüllung gegangen. Das Integrationsprojekt «Jüdische Kulturinitiative Schalom», das seit April 2004 beim Verein Schrankenlos e.V. existierte, mausert sich nach Kinderkrankheiten und Aufbauschwierigkeiten zur Außenstelle «Schalom Nordhausen» der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen. Seit Dezember 2005 verfügen wir über eigene Räumlichkeiten. Und die Worte «unsere jüdische Gemeinde» bekamen für uns einen konkreteren und tieferen Sinn. Das hier ist wortwörtlich unser Haus. Das Haus, wo man Rat und Hilfe holen, seine Freude oder Sorgen mit anderen teilen kann, wo man gute Freunde und Bekannte trifft oder sich einfach beim Domino oder einem anderen Spiel entspannt.

Unsere «Initiative Schalom» wurde gestartet, um das kulturelle Leben der jüdischen Bevölkerung von Nordhausen zu aktivieren. Die Idee, eine eigene Gemeinde zu gründen, entstand aus der Bestrebung, im Kreise der jüdischen Gemeinden in Deutschland als gleichberechtigt anerkannt zu werden. Wir möchten uns nicht allein und verlassen fühlen, sondern dazugehören. Und wenn es irgendwann dazu kommt, dass wir unsere Rechte verteidigen müssen, so können wir immer mit Verständnis und Unterstützung rechnen. Das Gefühl der Zugehörigkeit weckt unser Selbstbewusstsein und führt uns zu unseren jüdischen Wurzeln zurück.

Eine der wichtigsten Aufgaben der Gemeinde ist es, den Juden unserer Stadt dabei zu unterstützen, sich in die deutsche Umgebung zu integrieren. Wir helfen unseren Mitgliedern, sich bei Behördengängen und Arztbesuchen zu verständigen. Wir beraten sie in verschiedenen Fragen, unterstützen sie beim Papierkram: wir tippen, kopieren, übersetzen. Einmal wöchentlich findet ein Deutschkurs statt. Jeden Monat werden Filme in Russisch oder Deutsch über das jüdische Leben, jüdische Tradition und Kultur gezeigt. Zu einer populären Einrichtung versprechen unsere Kulturtreffs zu werden: Wir haben bereits Veranstaltungen mit Vertretern der ZWST, mit den Mitarbeiter der Stadtverwaltung und mit Sprechern anderer Religionsgemeinschaften organisiert. Wir haben eine Bibliothek mit den Rubriken Israel, Antisemitismus, Rassismus, Religion, Schöne Literatur, Geschichte, Lehrliteratur, Kochen, Basteln, Spielen eingerichtet. Auch Zeitungen werden bezogen. Daneben besitzen wir auch eine Mediathek mit Spiel- und Dokumentarfilmen und jüdischer wie israelischer Musik. Ständig kommen weitere Materialien in hebräischer, jiddischer, russischer und deutscher Sprache dazu.

Wir geben uns Mühe, unsere freie Zeit interessant und sinnvoll zu gestalten, indem wir verschiedene Ausstellungen, Vorträge und Fahrten organisieren, und zwar im In- und Ausland, nach Polen und Italien, Magdeburg und Berlin, Magdeburg. Wir treffen uns zu Barbecues, zu gemeinsamen Geburtstagsfeiern und begehen weltliche und jüdische Feiertage. Und selbstverständlich kommen wir am Schabbat zusammen. Wir sind für alle offen. Seit einiger Zeit haben wir eine eigene Webseite ins Internet gestellt, auf der über unsere Arbeit informieren. Die Infos werden ständig auf den neusten Stand gebracht. Man kann auf unserer Internetseite viel Interessantes über uns und unsere Veranstaltungen erfahren sowie sich unser Fotoalbum anschauen. Sehr interessant sind auch unsere Radiosendungen «Von Alef zu Tav» im Offenen Kanal Nordhausen (100,4 FM OKN). Wir berichten in Russisch und Deutsch über aktuelle internationale und politische Ereignisse; in der Rubrik «Gut zu Wissen» berichten wir über jüdische Traditionen, Kultur, Feiertage und Küche. Näheres über die Sendungen findet man unter: www.ok-nordhausen.de .

Auch gemeindeextern sind wir aktiv in unserer Stadt und im Landkreis. Wir sind Mitglieder des: Frauennetzwerkes, des Netzwerk zur Integration von Menschen mit Migrationshintergrund, im Rat der Vertreter der Menschen mit Migrationshintergrund, im Bündnis gegen Rechtsextremismus, im Interreligiösen Gesprächskreis (mit Vertretern der christlichen und muslimischen Gemeinschaften). Wir laden andere Migranten zur unserem Deutschkurs ein. Demnächst möchten wir auch Kurse für Russisch, Hebräisch und Englisch anbieten. Wir veranstalten wir internationale Kochkurse, und besonders wichtig ist uns, dass wir vor kurzem mit der Hilfe der örtlichen Kommune ein Projekt gegen Antisemitismus starten konnten..

Einiges ist getan worden, wir haben Schwierigkeiten und Enttäuschungen einstecken müssen und uns über Erfolge und Siege gefreut. Wir haben noch vieles vor, Hauptsache, die Richtung stimmt. Wir hoffen, neue Freundschaften schließen zu können und auch einige Partnerschaften mit andere jüdischen Gemeinden auf dem Wege zu bringen, denn Angehörige einer «Mischpoche» sollten zusammenhalten. Uns ist wichtig zu zeigen, dass auch kleinere jüdische Gemeinschaften etwas tun. Unsere Internetadresse lautet www.schalomndh.sc.ohost.de .

Elena Gluzer und Philip Egbune

«Jüdische Zeitung», Dezember 2007