Von Rom nach Potsdam

Francesca Yardenit Albertini ist Professorin für jüdische Religionsgeschichte in Potsdam

 

Zurzeit lernt sie Chinesisch. Denn es ärgerte sie, dass sie sich während einer Urlaubsreise durch China kaum verständigen konnte. Dabei kann Francesca Yardenit Albertini bereits elf Sprachen, nicht gezählt die Grundkenntnisse in Spanisch und Sanskrit. Ungewöhnlich erscheint ihr dieses Talent keineswegs. «Ich spreche doch immer nur Italienisch», sagt sie lächelnd und verweist auf ihren, kaum hörbaren, Akzent. Das Erlernen von Fremdsprachen sensibilisiert oft für die Bedeutungsebenen der Worte. Und so sind es im Gespräch eher die ganz wenigen, doch dann ganz prägnanten semantischen Verschiebungen, die den fremden Blick auf die deutsche Sprache verraten. Gerade diese ungewohnten Wortbedeutungsakzente, zeigen, mit welcher Sorgfalt Francesca Yardenit Albertini ihre Worte wählt.

Seit diesem Wintersemester ist die Italienerin Professorin für jüdische Religionsgeschichte an der Universität Potsdam. Vielleicht ist keine Stadt in der Bundesrepublik so durchtränkt von der Sehnsucht der Deutschen nach Italien. Francesca Yardenit Albertini gibt lachend zu, dass sie den guten italienischen Kaffee vermisse und natürlich ihre Freunde, aber nicht das Land als solches. Ein Freund habe ihre Entscheidung, nach Deutschland zu gehen, mit den Worten kommentiert: «Du warst ja immer schon eine Deutsche!»

Was sage schon ein Pass über einen Menschen aus: «Jeder ist eine eigene Geschichte, auch wenn natürlich kulturelle Prägungen des Heimatlandes prägend sind.» Das Sprechen von Chinesen, Italienern, Deutschen impliziere, dass es möglich sei, eine sehr große Gruppe von Menschen unter je ein Label zu packen. «Ist das nicht der Anfang von Rassismus?», gibt Albertini zu bedenken. Ihr Interesse an dem Erlernen von Fremdsprachen scheint eine unbewusste Strategie gegen dieses Unbehagen zu sein.

Es war ihr Großvater, der sie ermahnte, viele Sprachen zu lernen. Je mehr Sprachen ein Jude könne, umso mehr Chancen habe er zu fliehen. Fremdsprachen als Lebensversicherung. Weil er kein Englisch konnte, gelang ihm die Flucht in die USA nicht. Dass er dennoch den Faschismus überlebte, verdankte er einem Kloster, das ihn versteckt hielt. Die Enkelin hat den pragmatischen Rat befolgt, jedoch aus einem noch ganz anderen Antrieb. Denn Sprachen sind nicht nur ein Vehikel der Verständigung, sondern auch ein wertvoller Schlüssel für das Verstehen fremder Kulturen. Die Erkenntnis, dass die eigene Kultur auch von anderen Kulturen geprägt ist und immer war, wurde zu einem Leitfaden des akademischen Werdegangs der Religionsphilosophin.

Der führte sie von Rom nach Freiburg und schließlich nach Potsdam, mit zahlreichen Abstechern in Form von Lehraufträgen und Forschungsreisen u.a. in die USA und nach Israel. 1993 schloss sie das Abitur mit der höchsten Punktzahl ab, die überhaupt vergeben wird. Vier Jahre später gelang ihr dasselbe an der Universität, wo sie zunächst Religionswissenschaft, später auch Ägyptologie, Judaistik, Geschichte und Kunstgeschichte studierte. Die jüdische Religionsphilosophie wurde ihr Hauptfach.

Was ihr fehlte, war christliche Theologie. Die Geschichte des Christentums hätte sie an der Universität studieren können, nicht aber Liturgie und theologische Grundlagen. Es waren aber gerade solche inhaltlichen Aspekte, die die junge Studentin umtrieben. Jede Religion habe eigene religiöse Aussagen, die Differenz wahrzunehmen, helfe auch die eigene Religion besser zu verstehen. Schließlich sei auch das Judentum kein isoliertes kulturelles Phänomen. Francesca Yardenit Albertini strebt den größtmöglichen intellektuellen Überblick über die Vielfalt religiöser Ansichten an, um dann vergleichen zu können und um das Urteilen aus nur einer Perspektive zu vermeiden.

Dafür, sich wissenschaftlich mit dem Christentum auseinanderzusetzen, scheint keine Stadt idealer zu sein als Albertinis Heimatstadt Rom. Schließlich gibt es in dieser Stadt die Gregoriana, eine der päpstlichen Universitäten. Die hätte sie als Jüdin aber nur als Gasthörerin besuchen dürfen. Das genügte ihr nicht. Auf der Suche nach einer Institution, die ihr ein Theologiestudium ermöglichen würde, schlug sie im Telefonbuch nach - und fand zu ihrer eigenen Überraschung im Stadtzentrum die Theologische Fakultät der Waldenser. Im 12. Jahrhundert von christlichen Laien gegründet, wurden die Waldenser alsbald als Häretiker verfolgt - im säkularen Sprachgebrauch hätten sie als Dissidenten gegolten - heute sind sie eine reformierte evangelische Kirche. Mit Sondergenehmigung zwar, aber sonst ohne Probleme konnte Francesca Yardenit Albertini dort ihr Diplom in evangelischer Theologie ablegen.

Das war 2001. Im selben Jahr promovierte sie in Freiburg mit einer Arbeit über den jüdischen Neukantianer Hermann Cohen. Den Einflüssen islamischer Philosophie auf den frühmittelalterlichen Philosophen Moses Maimonides widmete sie 2007 ihre Habilitation. Während der Philosoph des späten 19. Jahrhunderts «Die Religion der Vernunft aus den Quellen des Judentums» zu begründen versuchte, wollte der jüdische Gelehrte aus dem 12. Jahrhundert Theologie und naturwissenschaftliche Erkenntnis in Einklang bringen. Beide lassen sich in verkürzter Darstellung als Aufklärer beschreiben, als akademische Lehrer des Judentums. Auf dem Weg von dem einen zum anderen stieß Francesca Yardenit Albertini auf Breslau, wo Mitte des 19. Jahrhunderts das Jüdisch-Theologische Seminar, eines der bedeutendsten Rabbinerseminare in Europa gegründet wurde. Die Gelehrten dort, zu denen zeitweise auch Hermann Cohen gehörte, interessierten sich in besonderer Weise für die mittelalterliche Religionsphilosophie. Warum das so war, ist eine der Fragestellungen, denen Francesca Yardenit Albertini in ihrem aktuellen Forschungsprojekt nachgeht.

Es ist Herbst. Bei heißem Tee aus der Thermoskanne diskutieren wir über die jüdische Religionsphilosophie und die Position der Jüdischen Studien in Potsdam. Ihr geräumiges Büro am Park Sanssouci, wo ein Teil der Universität Potsdam untergebracht ist, beherbergt Regale bis zur Decke. Noch sind sie leer, weder Ordner noch Bücher verraten etwas über die Person, die hier arbeitet. Ein Garderobenständer, eine kleine Sitzecke, auf dem Schreibtisch ein moderner Computerbildschirm - und der Lieferzettel eines großen schwedischen Möbelhauses. Es sieht nach einem Anfang aus.

Tatsächlich ist die Gründung des Instituts für Jüdische Studien, die im Juni 2007 beschlossen wurde, der Grund, warum Francesca Yardenit Albertini den Ruf an die Universität Potsdam annahm und einen Ruf nach Frankfurt am Main ausschlug. Seit zehn Jahren gibt es den interdisziplinären Studiengang Jüdische Studien, jetzt erst entsteht ein institutionelles Fundament. Gemeinsam mit Professuren aus den Bereichen Geschichte, Rabbinische Studien, Philosophie und Literatur böte das Institut ein angemessen breites Spektrum, um jüdische Kultur und Geschichte in Europa zu erforschen, und eine wunderbare Vorraussetzung, die Jüdischen Studien als wichtigen Forschungszweig in Deutschland zu etablieren. Das hat sich auch unter den Studienanfängern herumgesprochen: allein für das laufende Semester gab es für den Studiengang an die 200 Neueinschreibungen.

Francesca Yardenit Albertini wird vermutlich oft selbst für eine Studentin gehalten. Nicht nur, weil sie Begeisterung statt Arroganz ausstrahlt, sondern auch, weil sie mit gerade 33 Jahren eine außerordentlich junge Professorin ist. Der Aufgabe, die Jüdischen Studien auszubauen, stellt sie sich mit viel Engagement und mit einem realistischen Blick auf die notwendigsten Forderungen. Denn bislang waren die Jüdischen Studien ein Studiengang, der interdisziplinär nicht nur von der Philosophischen Fakultät getragen wurde. Wobei das Zauberwort «interdisziplinär» verschiedene Aspekte hat: In der Forschung und auch in der Lehre kann die Verknüpfung verschiedener wissenschaftlicher Perspektiven zu innovativen neuen Erkenntnissen führen, etwa wenn Historiker und Literaturwissenschaftler gemeinsam gesellschaftliche Debatten der Vergangenheit analysieren. Auf der praktischen Ebene bedeutet Interdisziplinarität jedoch oft die Einsparung von finanziellen Mitteln, was schönrednerisch mit «Synergieeffekte nutzen» umschrieben wird. Die Jüdischen Studien in Potsdam waren bislang davon getragen, dass Professoren und Professorinnen, die ihre Lehrstühle in anderen Instituten fest verankert hatten, einen Teil ihrer Lehre der jüdischen Kultur und Geschichte widmeten. Auch der Lehrstuhl von Francesca Yardenit Albertini ist so dem Institut für Religionswissenschaft zugewiesen.

Doch inzwischen gibt es auch eine Stiftungsprofessur für Rabbinische Studien, das Rabbinerkolleg Abraham Geiger hat sich in Potsdam angesiedelt und etabliert. Das Institut für Jüdische Studien sichert einen Teil der Ausbildung vor allem in den Bereichen Geschichte und Philosophie der zukünftigen Rabbinnen ab. Die strukturellen Fundamente, um eine Kontinuität der Lehre zu sichern, müssen aber erst noch geschaffen werden. Mit Drittmitteln sei das nicht zu schaffen, auch die vielfältigen internationalen Kooperationen etwa mit israelischen Universitäten, seien außerordentlich hilfreich für die Ausbildung, doch die Grundlagen, etwa der Sprachausbildung, müssen in Potsdam geschaffen werden. Francesca Yardenit Albertini will in den nächsten Monaten mit ihren Kollegen erst einmal sondieren, was für den Ausbau des Instituts getan werden muss. Widerstände, etwa von Seiten der Universitätsleitung, habe sie noch keine gespürt, im Gegenteil, gerade konnte sie einen weiteren Lehrauftrag für - natürlich - den Sprachunterricht durchsetzen.

Erst im März 2007 hatte sie ihre Habilitationsschrift eingereicht, noch im selben Monat erhielt sie den Ruf nach Potsdam. Die Zielstrebigkeit ihrer akademischen Laufbahn lässt sich kaum zusammen denken mit der Vielfalt der Forschungsinteressen der jungen Professorin, die zudem auch noch als Lektorin und Übersetzerin gearbeitet hat. Die jüdische Religionsphilosophie interessiert sie von der Antike bis zur Gegenwart. In ihrer umfangreichen Publikationsliste sind mit Walter Benjamin, Martin Buber, Emmanuel Levinas und Franz Rosenzweig jüdische Philosophen des 20. Jahrhunderts zu finden. Im laufenden Semester hingegen bietet sie sowohl Veranstaltungen zu dem griechisch-jüdischen Philosophen Philo von Alexandrien wie zu den mittelalterlichen Denkern Isaak Abravanel, Jehuda ha-Lewi und Maimonides an.

Es sind immer zwei Aspekte die sie immer wieder interessieren: wie wurde jüdische Philosophie von anderen religiösen Kulturen beeinflusst und wie haben wiederum Religionen auf kulturelle und politische Entwicklungen eingewirkt. Und wie geschieht das noch heute. Francesca Yardenit Albertini versteht Wissenschaft als gegenwartsbezogenes Handeln. Wenn sie untersucht, welche Antworten die verschiedenen Religionen oder Religionsströmungen auf aktuelle Fragen, wie der Bioethik, geben, dann bietet komparatistische Religionswissenschaft Argumentationshilfen für gesellschaftliche Debatten. Ein Beispiel dafür ist ihre vergleichende Einführung zum Thema Sterbehilfe in der Novemberausgabe der Jüdischen Zeitung.

Wenn Albertini ihr wissenschaftliches Credo umreißt, klingt das, trotz des hohen Anspruches, bescheiden. Enthusiastisch erzählt sie von ihren Forschungsreisen in die Universitätsbibliotheken von Jerusalem und Cincinnati, wo sie in den Archiven der Bibliotheken des Breslauer Rabbinerseminars forschte. «Eigentlich ernten wir Wissenschaftler doch nur den Ruhm, der den Bibliothekaren gebührt, die all das Material zur Verfügung stellen.» Ihre Aufgabe als Professorin sei es, Wissen zur Verfügung zu stellen und strukturiertes Denken zu lehren. Eine Arbeitstechnik also, aber auch eine Arbeitsethik: «Studierende sind keine leeren Vasen, in die ich meine Wahrheit hineingieße. Sie haben selbst denkende Köpfe.» Das klingt sehr nach den Idealen der Aufklärung - und nach einem Glücksfall für die Potsdamer Studierenden. Von denen spricht Francesca Yardenit Albertini mit Respekt und Sympathie. Der Mut, mit dem sich viele von ihnen, die im säkularen Brandenburg ohne jede Vorkenntnis aufwuchsen, dem Wissensfeld der Religionen stellen, imponiert ihr, gerade weil sie selbst in einer konservativ-religiösen Familie und in einer Stadt aufwuchs, die wie kaum eine andere in Europa von der Religion geprägt ist.

Als Mittzwanzigerin entdeckte Francesca Yardenit Albertini das Reformjudentum für sich, in Berlin habe sie sich auch schon einige Synagogen angesehen. Welches «ihre» wird, weiß sie noch nicht. Die Frage nach dem Berliner jüdischen Gemeindeleben kommentiert sie mit einem zurückhaltenden Lächeln. Sie sei noch nicht lang genug in der Stadt. In ihrer wissenschaftlichen Arbeit sollte ihre persönliche konfessionelle Ausrichtung keine Rolle spielen. Die sei Privatsache. Nicht nur, weil sie als Person unmöglich das Judentum in all seinen Facetten repräsentieren könne, sondern auch, weil die Universität nicht der Ort für konfessionelle Bekenntnisse sei.

Lene Zade

«Jüdische Zeitung», Dezember 2007