Alle Gewalt ging vom Volk aus

Michael Wildts überzeugende Studie über die alltägliche Gewalt gegen Juden

 

Mehr als sechzig Jahre nach dem Erkalten der Krematoriumsöfen in den Vernichtungslagern der Nazis gilt die Judenverfolgung als gut erforscht. Standardwerke über die Verbrechen der Nationalsozialisten, Monographien, Biographien und Detailstudien füllen ganze Bibliotheken und doch stellen sich den Historikern immer neue Fragen, entdecken bislang Übersehenes, wählen einen anderen Blickwinkel. Neue Begrifflichkeiten wie «Volksgemeinschaft», (Hans-Ulrich Wehler; Norbert Frei) «Volksstaat» (Götz Aly) oder «Zustimmungsdiktatur» (Frank Bajohr) bestimmten zuletzt die Debatte um die politische Ordnung des Nationalsozialismus neu. Einen Perspektivwechsel, oder wie Michael Wildt es nennt, «Drehung» der Perspektive auf die «ordnende» Gewalt, hat der Verfasser in seiner auf solider jüdischer wie NS-staatlicher archivalischer Quellenbasis («Sonderarchiv» Moskau/Yad Vashem, Jerusalem) stehenden Studie vorgenommen, in der er die scheinbar sicheren Eindeutigkeiten aufgibt, nicht nach den «Tätern», sondern nach Akteuren, Beteiligungen, Teilnahmen und ihren Veränderungen fragt, wobei er die «Volksgemeinschaft» nicht als gegeben voraussetzt, sondern den Prozess ihrer Herstellung untersucht.

Innerhalb der insgesamt 430 gegen das deutsche Judentum getroffenen Maßnahmen stehen, um ein lokales Beispiel anzuführen, in Duisburg (wie in anderen Orten) zu Anfang der NS-Gewaltherrschaft «Judenumzüge» (März 1933). Und es steht am Ende die Polizeiverordnung vom 13. November 1944, in der den Juden die primitivste menschliche Hilfeleistung, der Aufenthalt in öffentlichen Wärmeräumen verwehrt wurde. Ein Beispiel für Gewalt gegen Juden, das Wildt - pars pro toto - anführt, sei näher beschrieben und weitererzählt: Die chassidische Gemeinde in Duisburg hatte sich einen eigenen Rabbiner, Mordechai Bereisch, gewählt. Dieser Mann ist im März 1933 von der SS in aller Öffentlichkeit vor den Augen einer Menschenmenge vor dem Duisburger Stadttheater auf spektakuläre Weise misshandelt worden und konnte aufgrund des internationalen Aufsehens, den dieser barbarische Akt ausgelöst hatte, aus Duisburg fliehen. Von dieser ersten öffentlichen Misshandlung eines Juden, dem man zunächst seinen langen wallenden Bart auszureißen, dann anzuzünden versuchte, um ihn schließlich mit einer Schere abzuschneiden, gelangten Fotografien ins Ausland. In einem Pressebericht war durch eine fatale Ungenauigkeit die Titulatur von Bereisch als der Duisburger Rabbiner bezeichnet worden. So wurde der eigentlich Duisburger Rabbiner Manass Neumark unfreiwillig von der Gestapo zu Propagandazwecken missbraucht, in dem er die «Gräuelmärchen» von den «angeblichen» Judenverfolgungen widerlegen musste.

In einem seiner Bücher gibt Bereisch in seiner Vorrede einen Eigenbericht von den Misshandlungen. Die schmerzlichen Erinnerungen lesen sich - einschließlich der darin enthaltenen Verwünschungen - in vollem Wortlaut so: «Ich danke G'tt (Gott) von ganzem Herzen für die große Gnade, die er mir erwiesen hat, dass er mich im Jahr 5693 [= 1933], als ich noch Rabbi in Duisburg am Rhein war, vor den Deutschen (der Name der Frevler möge verwesen!) gerettet hat, als das Reich des Frevels (sein Name möge ausgelöscht sein!) anbrach und das Land sich in ein Land des Blutvergießens verwandelte. Am Ausgang des Sabbath, am 21. des Monats Adar [= 18. März 1933] kamen zu mir fünf Boten der Hölle, Kriegsleute der SS (ihr Name sei ausgelöscht!), mit Waffen in der Hand, und schlugen und verwundeten mich mit solcher Grausamkeit, daß sie vermeinten, ich sei bereits an die Tore des Todes gelangt; und wirklich war nur eine Haaresbreite zwischen mir und ... [der Rest des Satzes ist, offensichtlich absichtlich, ungesagt geblieben].

Und am 25. desselben Monats [= 23. März 1933] um 10 Uhr morgens kamen wieder Kriegsleute der SS, ein noch größerer Haufen, holten mich heraus und schleppten mich, unter Begleitung der verruchten Frevler, durch alle Straßen hindurch, Menschen zu Hunderten und Tausenden liefen hinter ihnen her, und es war keiner unter ihnen, der protestiert hätte, als sie die Demütigungen, Beleidigungen und auch Schläge sahen, die sie mir auf dem ganzen Weg antaten. Als eine Stunde vergangen war, als ich zu dem weiträumigsten Platz in dieser Stadt, am Theater, ankam und Tausende von Menschen mich umringten, rissen sie mir Haare vom Kopf und vom Bart aus und warfen sie mit Flüchen und Verwünschungen unter die Volksmassen. Es gab allerlei Schläge, und dann war da neben mir eine große Feuerflamme, und es sah so aus, als ob sie mich vor der ganzen Volksmasse auf den Scheiterhaufen werfen würden, und hätte sich G'tt nicht meiner erbarmt, so hätten sie mich gewiss später in das verruchte Todeslager von Dachau abgeführt. G'tt ließ Seine Gnade nicht ausbleiben. Er bestellte unter die Volksmasse einen hohen Beamten, der die verruchten Frevler anflehte, mich freizulassen. Es war ein reines Wunder, dass ich den Zähnen der Bestien in Menschengestalt entging und den Kiefern der Raubtiere. Ich verließ sofort das bluttriefende Land Deutschland...» Dieser einzigartige Bericht bedarf keiner weiteren Kommentierung.

Mit Götz Aly definiert Wildt die NS-Volkgemeinschaft als Prozess sozialer Inklusion, die durch Gleichheitsversprechen, ökonomische Bereicherung und symbolische Anerkennung getragen wurde. Volksgemeinschaft war aber auch durch Gewalt bestimmt, wobei sich staatliche Gewalt und Gewalt von «unten» wechselseitig bedingten. Kurz, in dem rassistischen Volksgemeinschaftsprojekt nahm die antisemitische Politik den zentralen Platz ein. Auch war Gewalt öffentlich: Sie sollte die Ohnmacht der Opfer und die Macht der Täter zur Schau stellen. Aus dieser Gemengelage ergab sich, wie Wildt es treffend benennt, eine «Unrechtssicherheit». Die Menge, die sich im März 1933 vor dem Duisburger Stadttheater keineswegs nur spontan versammelt hatte, um die Inszenierung zu verfolgen, vereinigte komplizenhaft alle am Gewaltprozess Beteiligten - Neugierige, Gaffer, Bystanders, Voyeure, Zustimmende, Duldende oder Billigende, Schweiger und Ablehnende. Erst das Gewährenlassen verlieh dem Rechtsbruch den gewollten Erfolg. Oder anders - zynisch - ausgedrückt: Im nationalsozialistischen Deutschland ging alle Gewalt vom Volk aus.

Gewiss, auch im kaiserlichen Deutschland und in den Weimarer Jahren gab es militanten Antisemitismus, der sogar pogromähnliche Ausprägungen ausweisen konnte, die Nazis mussten also nichts neu erfinden. Ihr Antisemitismus, und das war das eigentlich Originäre, hatte eine andere, eliminatorische Dimension, den sie praktisch umsetzten. Ihr Antisemitismus unterschied sich von den Vorläufern allein in einem Punkt - im Rigorismus. Das gewalttätige Handeln war im Nationalsozialismus konstitutiv: Gewalt bildete für die Nationalsozialisten, deren Ordnungsprinzip sich auf Volk und Rasse gründete, kein bloßes Mittel der Politik, sie war Politik, resümiert Wildt. Das NS-Regime «vergemeinschaftete» die Gewalt und ließ die Volksgenossen an ihr partizipieren - Volksgemeinschaft als Selbstermächtigung.

Gewalttätigkeiten gegen Juden, Gleichgültigkeit und Apathie gegenüber der antijüdischen Politik und damit gegenüber dem Schicksal der jüdischen Nachbarn war die weitverbreitetste Haltung. Die Straße nach Auschwitz, so die denkwürdige Metapher, war vom Hass gebaut, aber mit Gleichgültigkeit gepflastert. Doch zu der Gleichgültigkeit kam, wie Wildt überzeugend dar- und das obige Beispiel aus Duisburg belegt, die alltägliche Gewalt. Dazu gesellte sich eine Art nationale Verschwörung des Schweigens.

Vor allem in der Provinz, also in Dörfern und kleineren Ortschaften unterschiedlichster deutscher Region, wo die Nazis machtpolitisch noch nicht omnipotent waren, bestand ein überschaubares und auswegloses Feld, in dem alle Akteure sichtbar und kenntlich waren. Die Provinz war sozusagen die Politarena, auf der erfolgreich die politische Ordnung, wie sie die Nazis propagierten, vor Ort umgewandelt werden konnte. Wildts Anspruch war es, Transformationen, Kontinuitäten wie Diskontinuitäten aufzuspüren, um Optionen für die Radikalisierung aufzuklären, die in die Praxis der Vernichtung münden konnten - oder nicht. Die Entrechtung der Juden und ihre schließliche systematische Ermordung fanden statt, doch niemand war daran beteiligt, noch hat die Bevölkerung cum grano salis später von den Verbrechen gewusst.

 

Wildt, Michael, Volksgemeinschaft als Selbstermächtigung. Gewalt gegen Juden in der deutschen Provinz 1919 bis 1939. Hamburger Edition; Hamburg 2007. 412 S., 28 Euro.

L. Joseph Heid

«Jüdische Zeitung», Dezember 2007