Zweierlei Integration

Eine Duisburger Tagung untersucht die Parallelen von jüdischer und muslimischer Minderheit

 

Im «Jahr der Geisteswissenschaften 2007» stehen Einrichtungen der Geschichtsforschung mehr als sonst im Blickpunkt der Öffentlichkeit. Umgekehrt sind sie selbst aufgerufen, aus ihrem akademischen Elfenbeinturm herauszutreten. Entsprechend öffentlichkeitswirksam war der Ansatz einer Tagung des Salomon Ludwig Steinheim-Instituts für deutsch-jüdische Geschichte am 11. und 12. November in Duisburg. Ihr ambitionierter Titel lautete: «Zweierlei Integration: Vom Großen Sanhedrin zur Deutschen Islamkonferenz 1807-2007».

Carsten Wilke, Judaist, Historiker und wissenschaftliche Mitarbeiter des Instituts, versammelte einen kleinen, aber bemerkenswerten Kreis von Referenten, die in ihren Vorträgen europäisch-jüdische Geschichte mit deutsch-islamischer Gegenwart verknüpften. In der Auseinandersetzung um beide Integrationsprozesse, so der Ausgangspunkt des Veranstalters, sei die Triebfeder der Mehrheitsgesellschaft in der Auseinandersetzung mit der Minderheitskultur die gleiche, nämlich ein diffuses Bedrohungsgefühl: Der damaligen Furcht vor einem «Staat im Staate» entspreche heute die Furcht vor einer «Parallelgesellschaft». Dies galt es zu beleuchten, und zwar aus unterschiedlichsten Perspektiven. Zur Diskussion standen dementsprechend nicht nur theoretische und historische Deutungsmuster, sondern auch konkrete politische Konzepte und deren Umsetzung. Für Institutionen wie das Steinheim-Institut sei dies ein vergleichsweise neuer Ansatz, hob Institutsleiter Michael Brocke zur Eröffnung der «zugleich internationalen wie interreligiösen und interdisziplinären Tagung» hervor.

Als Referenten waren geladen: aus dem Elsass der Großrabbiner des Konsistoriums von Straßburg und dem Departement Bas-Rhin, René Gutman; Dominique Bourel, Historiker der Pariser Universität Sorbonne und Forscher am Centre National du Recherche Scientifique (C.N.R.S.); Wolf D. Ahmed Aries, ehemaliger wissenschaftlicher Berater des Islamrats aus Hannover, Günther Bernd Ginzel, freier Journalist aus Köln sowie Gabriel Goltz, Islamreferent im Bundesministerium des Inneren. Carsten Wilke ergänzte das Programm.

Wilke spannte in seinem Vortrag über die «Einbürgerung der jüdischen Religion in Europa» den großen historischen Bogen von der Französischen Revolution bis in die Gegenwart. Ein Schlüsselereignis war die zweihundert Jahre zurückliegende Proklamation der Verfassung des Königreichs Westfalen am 15. November 1807, der ersten in Deutschland, die juristisch die Gleichberechtigung von Juden als Staatsbürger ermöglichte. Sie war nur eine der Folgen des «Großen Sanhedrin», jener denkwürdigen Versammlung jüdischer Autoritäten, die Napoleon im Februar und März 1807 nach antikem Muster einberief. Der Sanhedrin habe die europäisch-jüdische Geschichte von Grund auf umgestaltet und seine Strahlkraft nicht verloren, so Wilke. Er sei «europäisches Projekt und Paradigma». Der Argumentation ist leicht zu folgen: indem es eine theologische Neupositionierung vornahm und eine zentralisierte Gemeindeordnung formulierte, schrieb das Programm des «Großen Sanhedrin» die Integration der Juden in den säkularen Rechtsstaat fest und wurde so beispielhaft für die Beziehung zwischen Staat und religiöser Minderheit. Parallelen zum Integrationsprozess der Muslime in die deutsche Gesellschaft der Gegenwart lägen auf der Hand, viele Fragen, viele Probleme seien einander ähnlich. Anders als Dan Diner plädierte Wilke nicht für einen europäisch-islamischen «Weg zu einer nicht-sakralen Weltdeutung», sondern für die Vereinbarkeit von Religion und Staat.

Die historische Nachhaltigkeit der Sanhedrin-Beschlüsse für die französisch-jüdische Geschichte belegte Großrabbiner René Gutman. Eine rein weltliche Identität, losgelöst vom jüdischen Religionsgesetz, der Halacha, könne zwar tragfähig sein, habe aber in Frankreich nie einen Rückhalt gehabt. Ohne eine gemeinsame religiöse Organisation seien Juden im Staatsgebilde ebenso wenig sichtbar wie gegenwärtig die Muslime. Ein konfessionelles wie bürgerliches Selbstverständnis sei die stabile Basis des CRIF, des heutigen jüdischen Dachverbands Frankreichs, den er mit einem Haus verglich, einem «Haus, dessen Mieter ihr eigenes Leben führen und ihre Fenster nach draußen öffnen, das aber ein Mauerwerk aus gemeinsamen Symbolen und kollektiven Vorstellungen besitzt.»

Als Historiker wies Dominique Bourel nach, dass der Sanhedrin zu einem europäischen Bewusstsein der Juden beigetragen habe. Mit der Französischen Revolution, so Bourel, sei der Große Sanhedrin Teil eines deutsch-französischen Kulturtransfers, der sich vor allem in der jüdischen Memoirenliteratur beider Länder nachweisen lasse. Auf beiden Seiten des Rheins hätten jüdische Orientalisten, Philosophen und Literaturwissenschaftler Franzosen wie Deutsche mit der Kultur des Nachbarn vertraut gemacht.

Wolf D. Ahmed Aries sprach als «deutscher intellektueller Moslem», wie er sich selbst bezeichnet, über «Gläubige Bürger in pluraler Gesellschaft» und damit im Wesentlichen über Gegenwartsprobleme. Parallelen zur jüdischen Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts sah er vor allem in der Asymmetrie des Diskurses zwischen Minderheits- und Mehrheitsgesellschaft. Während in der deutsch-jüdischen Geschichte des 19. Jahrhunderts eine Tendenz zur Theologisierung der Debatte folgte, müssten heute andere Antworten gesucht werden im Bewusstsein der Tatsache, dass der Islam, ähnlich wie das Judentum, eine auf religiöse Praxis und nicht auf Kirche und Theologie gegründete Religion sei. Doch mangele es allenthalben an politischen und sozialwissenschaftlichen Konzepten für «Ali Normalverbraucher». Entsprechend deutlich resümierte er: «Wir brauchen Diskurse um Menschenrechte, keine Theologisierung des Diskurses».

Wie lange es dauert, bis staatliche Grundlagen geschaffen sind, die Kleinschrittigkeit und Problematik dieses Prozesse, zeigte Günther Bernd Ginzel am Beispiel des «Staatsvertrags der Bundesrepublik Deutschland mit dem Zentralrat der Juden». Er zeigte auf, dass dieses außergewöhnliche Vertragswerk Ergebnis eines besonderen Verantwortungsbewusstseins der deutschen Politik nach der Schoa sowie einer Jahrzehnte langen Geschichte der Entschädigungszahlungen sei.

Gabriel Goltz stellte die Konzeption der Deutschen Islamkonferenz aus der Perspektive des politisch Verantwortlichen dar. Er verwies vor allem auf die Tatsache, dass die Islamkonferenz schon aufgrund der Kultushoheit der Länder nur als beratendes Gremium agieren und daher nicht in einen Staatsvertrag münden könne. Allerdings spiele die Bundesregierung eine Rolle als internationaler Vermittler, insbesondere im Rahmen der Berufung islamischer Religionsgelehrter.

Diese internationale Dimension war auch Thema der Abschlussdebatte. Die beiderseits auf eine Immigrationsgeschichte zurückblickenden muslimischen und jüdischen Gemeinden Deutschlands stünden jede für sich vor der Notwendigkeit, eine europäische Diaspora-Kultur zu entwickeln, die selbstbewusst an die Seite der islamischen Staaten bzw. Israels treten könne.

Die Duisburger Tagung war mutig und notwendig. Deutsch-jüdische und deutsch-islamische Integration sind zweierlei, historische Parallelen sind gleichwohl nicht zu übersehen. Die Kenntnis darüber in den gegenwärtigen gesellschaftlichen Diskurs miteinzubeziehen, wäre sicherlich hilfreich. «Der Trialog zwischen Juden, Christen und Muslimen», fasst Carsten Wilke als Fazit der Veranstaltung zusammen, «sei nicht nur politischer Anspruch, sondern gesellschaftliche Notwendigkeit.» Doch hat die Tagung auch gezeigt, dass interkonfessionelle Verständigung allein wenig bewirkt. Und dass es manchmal zu bemerkenswerten Antworten führt, wenn man nicht nur nach Unterschieden fragt, sondern auch nach gemeinsamen Herausforderungen.

Marina Sassenberg

«Jüdische Zeitung», Dezember 2007