Musik für eine bessere Welt

Das internationale Debüt des israelischen Musikerkollektivs «Idan Raichel Project»

 

«Unsere Fähigkeit miteinander in Frieden zu leben, hängt in erster Linie von unserer Fähigkeit ab, das zu akzeptieren, was uns unterscheidet. Ich möchte dir näher kommen, aber lass mich der sein, der ich bin. Wenn du dich mir nähern willst, heiße ich dich willkommen und respektiere wer du bist. Auf unseren individuellen Wegen sind wir alle auf der Suche nach Brot, Wasser, Spiritualität und einem würdigen Leben - und wir sehnen uns nach Liebe.» Mit diesen Sätzen begrüßt der israelische Musiker Idan Raichel die Besucher seiner Website. Auch wem diese Zeilen des Pathos zu viel sind, mit seinem Projekt realisiert Reichel musikalisch den von ihm postulierten Anspruch des sich aneinander Annäherns unter Achtung und Wertschätzung der Identität und Individualität des jeweiligen Anderen. Dabei hat seine Musik eine Qualität und innere Tiefe, die sie heraushebt aus der Vielzahl der Veröffentlichungen von wohlklingendem Ethnokitsch. Mit sphärischen Synthesizerklängen unterlegte Computerbeats im harmonischen Miteinander mit entspannten Reggae-Rhythmen, äthiopischer Folklore und traditionellen jemenitischen Gesängen; Sequencerloops und dahingleitende Ambientsounds im Zusammenspiel mit orientalischen akustischen Instrumenten; karibische Leichtigkeit, arabische Poesie und biblische Psalmen kontrastiert mit von einschmeichelnder Stimme erzählten Alltagsszenen des modernen Israels - mit diesem bunten Kaleidoskop der Weltmusik unternimmt der 30-jährige Keyboarder, Komponist, Arrangeur und Sänger Idan Raichel sowohl den Versuch des Ausbruchs aus der Enge des eigenen Landes als auch die Besinnung auf die vielfältigen kulturellen Wurzeln des einen Volkes Israel.

Im Jahr 2002 startete Idan Raichel in einem kleinen Kellerstudio in Kfar Saba seine Suche nach einem eigenen, neuen Sound. Inmitten einer Batterie von Keyboards, Computern und Effektgeräten experimentierte er mit Klangfarben und Stimmungen und sammelte als gefragter Sessionmusiker erste Erfahrungen auf der Bühne. Den Entscheidenden Impuls für seine weitere musikalische Entwicklung bekam Raichel, als er nach Ableistung seiner dreijährigen Wehrpflicht in einem Internat für Einwanderer und Problemkinder zu arbeiten begann. Dort kam er mit der Musik und der Kultur äthiopischer Juden, einem der «verlorenen Stämme Israels», in Kontakt. Fasziniert von deren Klängen suchte und fand er in äthiopischen Clubs in Tel Aviv und auf äthiopischen Hochzeitsfesten Zugang zu ihrer Musik. Zunehmend interessierte sich Raichel für die ethnische Vielfalt und den kulturellen Reichtum seines Heimatlandes. Neben der Musik der äthiopischen Juden waren es die Gesänge der jemenitischen Juden, die von spanischen Wurzeln geprägte Musik der Sepharden, aber auch die Musik der in Israel lebenden arabischen Bevölkerung, die ihn in den Bann zog und inspirierte.

Für sein zunächst nur vage konzipiertes Projekt lud Idan Raichel über 70 Freunde und Kollegen aus der vielfältigen israelischen Musikszene ein, um bei den Aufnahmen mitzuwirken. Die Musiker bildeten die Basis zu einem offenen, kreativen Kollektiv, das fortan unter dem Namen «Idan Raichel Project» firmierte. Raichel schreibt die Songs und produziert die Musik, lässt aber jedem der beteiligten Musiker Raum, sich in das Projekt mit einzubringen. So gelang eine organische Melange der verschiedenen Stilrichtungen aus den im Ensemble vertretenen Kulturkreisen. Zunächst erwies es sich als schwierig, das erste Demoband bei einer lokalen Plattenfirma unterzubringen. Das offene Konzept, ohne Fixierung auf einen leicht zu vermarktenden Star, erschien den Verantwortlichen als zu riskant. Anfang 2002 besuchte Gadi Gidor von Helicon Records ein Konzert der Gruppe, erkannte ihr Potential und nahm sie unter Vertrag. Die Reaktionen auf das noch im selben Jahr veröffentlichte erste Album «Ha'project shel Idan Raichel» («Das Projekt von Idan Raichel») waren überwältigend. Es begann eine beeindruckende Erfolgsgeschichte der israelischen Popmusik! Schnell hatten die Verkaufszahlen der Platte dreifachen Platinstatus erreicht. Die erste Single «Bo'ee» («Komm mit mir») hatte einen ungewohnten und aufregenden Klang und dominierte mit ihren eindringlichen äthiopischen Gesängen das Radioprogramm und den lokalen Videokanal «Music 24». Die Auftritte der mit wechselnder Besetzung aufspielenden Band wurden zu gefeierten Happenings, bei denen sich Idan Raichel oft im Hintergrund hält und seinen Musikern die vordere Bühne überlässt. 2004 absolvierte das «Projekt» erste Konzerte im Ausland. Als die Musiker im Jahr 2005 in Äthiopien auftraten war es für zwei der Bandmitglieder das erste Mal seit ihrer Kindheit, dass sie das Land ihrer Herkunft wieder sahen. Im selben Jahr erschien das zweite Album «Mi Ma'amakin» («Aus der Tiefe»), das den Status der Gruppe als bedeutendste Innovativkraft der israelischen Musikszene festigte. Aufmerksamkeit und Anfragen aus dem Ausland nahmen zu und in Folge erschien Ende 2006 das internationale Debüt «The Idan Raichel Project» - eine Zusammenstellung der besten Songs aus den beiden ersten Alben - auf dem Weltmusik-Label Cumbancha. Das ganze Jahr 2007 war das Ensemble um Idan Raichel auf ausgedehnter Konzertreise. Neben gefeierten Auftritten in der Heimat standen ausgedehnte Auslandsaufenthalte auf dem Programm. Nach Auftritten in Afrika, Mexiko und England tourte das Idan Raichel Project im Herbst durch die USA, am 21. November waren sie im Volkshaus Zürich beim Schweizer «Concert For Water» zu sehen und zu hören. Eine Fortsetzung der Tour für das kommende Jahr ist bereits in Planung. Während tagtäglich die Schlagzeilen dominiert werden von Nachrichten über Konflikte und Kriege im Nahen Osten und in anderen Regionen der Welt und die Bedrohungskulisse eines «Kampfes der Kulturen» heraufbeschworen wird, steht die Musik des «Idan Raichel Projects» für die gelebte Utopie eines harmonischen Miteinanders, ohne Aufgabe individueller und kultureller Eigenständigkeit und Tradition. Schön, vielleicht zu schön für diese Welt.

www.idanraichelproject.com

Werner Lott

«Jüdische Zeitung», Dezember 2007