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Eine israelische Wein-ErfahrungEs gibt zwar keine Steilhänge, dennoch ist Israel auch des Weines wegen eine Reise wert
Liad strahlt mit der Sonne und den bunten Bougainvillea-Blüten um die Wette. Charmant führt die junge Mitarbeiterin des Weinguts Binyamina ihre Gäste durch den Winzerbetrieb und lädt im Hof-Bistro zur Weinprobe und zu regionalen Leckereien ein. Das Weingut im gleichnamigen Ort ist eines der ersten und größten Israels. Die Flächen drum herum liegen in einer Ebene und sind problemlos mit Rebstöcken zu bestellen. Es gibt keine steilen Hänge wie in klassischen europäischen Weinanbaugebieten, die die Weinlese in ein wahrlich halsbrecherisches Abenteuer verwandeln. Doch auch Israel hat mittlerweile malerische Weinregionen, die sich zudem durch hohe Gastlichkeit auszeichnen - auf den zwischen Israel und Syrien umstrittenen Golanhöhen. Dort etablieren sich immer mehr Wein-Boutiquen, deren Winzer Jahre in Deutschland, Italien und Frankreich, in Kalifornien und am südafrikanischen Kap den Weinanbau studiert haben. Heute werden in Israel bis zu 90.000 Hektoliter Wein pro Jahr produziert. Vergnüglichere Touren als die von Weingut zu Weingut bieten allenfalls noch Streifzüge durch die Bars, Discos und Restaurants in Tel Aviv, Haifa und durch Jerusalems aufblühende Nachtszene. In jedem Fall ist es ratsam, einen Fahrer zu buchen, denn in Israel gilt: 0,1 Promille am Steuer. Das Weingut Eliaz Binyamina möchte die Gäste gern mit einer malerischen Umgebung verführen. Doch weithin sichtbare Stahltanks weisen auf Massenproduktion hin. Für weinseliges Ambiente sorgt indes der Besuch im großen Weinkeller, in dem die besten Gewächse in Eichenfässern ausgebaut werden. Koscher sind sie auch. Das bezeugt schon die Anwesenheit des Rabbiners, der das Weingut betreut und der lächelnd mit Argusaugen darüber wacht, dass die Eichen-Weinfässer von Unbefugten nicht berührt werden. Liad kredenzt ihren Gästen erst einen lieblichen Gewürztraminer zum Auberginen-Mousse. Viele Israelis bevorzugen liebliche Tropfen. Doch Liad merkt schnell, dass die deutschen Gäste auf trocken stehen und zieht einen Sauvignon blanc auf, geblendet, verschnitten mit einem Cabernet. Auch das Verschneiden ist, im Gegensatz zu europäischen Weingütern, in Israel eine weit verbreitete, aus den USA übernommene Technik. Oft jedoch wird der Wein, besonders Weißwein, dadurch beliebig. Verblüffend delikat dagegen der Verschnitt eines roten Shiraz' mit einem roten Cabernet Sauvignon - eine Wein-Erfahrung auf israelisch. Weiter geht die Tour nach Zichron Ja'akov, der Stadt Baron de Rothschilds, der den Wein 1882 wieder nach Israel brachte. Im Altertum führte die Weinstraße, die historische «Traubenstraße», von Mesopotamien nach Ägypten durch Israel. Schon damals wurde auf dem Golan, in Ober- und Unter-Galiläa und in der Wüste Negev Wein angebaut. Die Winzer in der Wüste profitierten von den großen Temperaturunterschieden. Hitze am Tag und Kälte in der Nacht bringt viel Säure in die Trauben. Die Trockenheit der Wüste verhindert zudem Krankheiten. Die unterschiedlichen Böden Israels, von Basalt- und Tuffsteinböden über harte Dolomite bis hin zu Kalkgestein, Mergel und Lehm, Lößböden und Schwemmsand dürften auch heute noch viele, für Israel neue Gewächse hervorbringen. Bereits die Hebräer bauten Wein an und verkauften ihn über die Mittelmeerhäfen in alle Welt. Vor allem bei religiösen Festen wurde Wein getrunken, als Shabbat-Wein, zu Pessach, zu Rosh Hashana und Purim, bei Geburten, Bar Mizwa und Hochzeiten bis hin zur Shiva. Doch der Siegeszug des Islam drehte dem Wein den Hahn zu. Die erste Weinkellerei Israels wurde 1848 in Jerusalem von Rabbiner Shore gegründet. 1882 half Baron Edmond de Rothschild dem Einwanderer Michael Chamiletzki in Zichron Ja'akov die erste Weinkellerei Israels aufzubauen. Rothschild ist in einem Landschaftsgarten bei Ramat HaNadiv begraben, sein Denkmal steht am Ortseingang. Nach Querelen mit den türkischen Besatzern wurde 1890 bereits Wein auf 3.900 Hektar Land angebaut - auf dem Gelände des heutigen Weinguts Carmel in Zichron Ja'akov. Die alte Rothschild-Stadt lockt mit vielen kleinen Ateliers, Boutiquen und Künstlerläden, mit Cafés und Restaurants. Gleich nebenan ist die Kellerei des Wein-Pioniers Michael Chamiletzki, heute Tishbi, zu Hause. Auch dort stehen hohe Weintanks, auch dort werden die besten Weine in Eichenfässern bei genau austarierter Temperatur in dunklen Räumen ausgereift. Doch Tishbis Weine sind klarer als die Binyamina-Weine gleicher Preiskategorie. Der Charakter der Rebsorten bleibt erhalten.
«Als mein Urgroßvater Michael Chamiletzki nach Zichron Ja'akov kam, empfahl ihm Baron de Rothschild, Wein anzubauen und unterstützte ihn bei der Gründung des Betriebs», erzählt Jonathan Tishbi. Der heutige Inhaber des Familienbetriebs pflanzt auch Rebstöcke in Obergaliläa und im Negev. «1925 hat der Dichter Chaim Nachman Bialik meinen Urgroßvater besucht. Er hebraisierte seinen Namen, und seitdem heißt die Familie Tishbi", erklärt Jonathan Tishbi den Familiennamen. Der Mann entpuppt sich nicht nur als Spezialist seines Fachs, sondern auch als Brandy-Brenner und aufmerksamer Gastgeber. Im Tishbi-Restaurant werden Köstlichkeiten aus frischem Gemüse, Käse und selbst gebackenem Brot zu den Weinen serviert, alles ebenso streng koscher wie die Weine und Brände. In der Wein-Boutique gibt es ausgewählte Olivenöle und edle Accessoires rund um den Wein. Allerdings ist bei Tishbi auch Achtung geboten: Sitzt man erst einmal auf der Terrasse inmitten der Reben, mag man gar nicht mehr weg von diesem idyllischen Fleck. Doch es gilt, die kleine Konkurrenz der großen Weinkellereien kennen zu lernen, die Winzerinnen und Winzer, die oft nur an ihre nähere Umgebung verkaufen, dafür aber delikate Gewächse in Fässern und Flaschen hegen und pflegen. Auf kleinen Straßen quer durch Ober-Galiläa geht es ins Moshav Kerem Ben Zimra. Kleine Büsche wachsen wild an den lang gestreckten Hängen und geben der Landschaft das Aussehen von Drei-Tage-Stoppelbärten. In Kerem Ben Zimra haben sich Amalia und ihre Kinder Ashtar und Oz 1984 mit der Gründung ihrer «Miles»-Weinkellerei einen Traum erfüllt. Die türkische Einwanderer-Familie startete mit Cabernet-Sauvignon- und Sauvignon-blanc-Trauben, die sie auf dem Basalt-Boden der 870 Meter über dem Meeresspiegel gelegenen Dalton-Höhen anbaut. Es folgten ein Merlot-Gewürztraminer und Shiraz. Die ersten Ernten verkauften sie noch an andere Kellereien. Doch 2001 konnten sie ihren Wein endlich selbst keltern, in aus Frankreich importierten Eichenfässern reifen lassen und abfüllen. «Wir glauben, dass der Entstehungsprozess des Weins bereits mit den Pflanzen der Reben beginnt», sagt Amalia und verweist darauf, dass alle Arbeiten vom Pflanzen über die Lese bis zum Abfüllen und Etikettieren der Flaschen von ihrer Familie geleistet werden. Weiß- und Rotwein wird aus den Eichenfässern behutsam auf Flaschen gezogen, darunter ein fruchtiger Sauvignon blanc, ein Gewürztraminer als Dessertwein und Rotweine mit reichem Bouquet. In sieben Jahren soll der erste Portwein aufgezogen werden. «Der schmeckt intensiv nach reifen Pflaumen», prophezeit Tochter Ashtar. Einmal quer durchs Moshav lädt Yossi Ashkenazi in seine «Ben Zimra Winery» ein, die er vor drei Jahren gründete. Nur zwei Rotweine baut er an, die aber haben es in Bouquet, Charakter und Geschmack in sich. Sein Cabernet Sauvignon Reserve reift bis zu 14 Monaten in Eichenfässern, sein Cabernet Sauvignon zehn Monate. Kellermeister Assaf Kedem studierte bei Peter Silberberg an der Davis-Universität in Kalifornien und in Südafrika. Der Moshav Ben Zimra bietet genügend kuschelige «Zimmerim» bis zu kleinen Chalets mit Whirl-Pool und ländlich-deftigem Frühstück.
Wer puren Luxus sucht, fährt in die Stadt der Kabbala und der Mystik - nach Safed. Dort im «Palacio» hat schon Madonna gewohnt und Inhaber Jean-Yves Mastey, selbst an Kaliforniens Küste als Maler, Bildhauer und Regisseur kein Unbekannter, strahlt noch heute über den kapriziösen Besuch. Er selbst suchte vor Jahren das selbst bestimmte Landleben: «Los Angeles war ich überdrüssig, Tel Aviv wollte ich nicht, aber als ich Safed besuchte, überkam mich ein unglaublich prickelndes Gefühl und ich wusste, hier gehöre ich her.» Mastey kaufte einen verfallenen Palast im Künstlerviertel Safeds, schaufelte den Schutt aus dem 750 Jahre alten Gemäuer, restaurierte es behutsam und richtete es mit antiken Möbeln im französischen und orientalischen Stil ein. Keine Suite, kein Raum ist wie ein anderer eingerichtet, alle sind kostbar, groß - und teuer. Auch das Restaurant ist in verschiedene Suiten unterteilt, die zwar Verbindung miteinander haben, trotzdem aber Intimität wahren. Wer mag, kann den Köchen in Töpfe und Tiegel gucken, der Wein ist exzellent, das Essen gut. Auf dem Weg zum Weingut «Chateau Golan» im Moshav Eliad stoppt die Weintour vorher in der «Golan Heights Winery» in Katzrin. Die Wein-Genossenschaft, an der vier Kibbuzim und vier Moshavim beteiligt sind, wurde 1984 gegründet. Sie bringt die Marken «Golan», «Gamla» und «Yarden» auf den Markt und bietet eine Bandbreite von prämierten Weinen bis zu verschnittenen und kaum trinkbaren Gewächsen. 20 Prozent des «Golan»-Weines werden in 25 Länder in aller Welt exportiert. Alle Weine sind koscher. Die ersten Rebstöcke wurden in der Region in den 1970er Jahren gepflanzt. Der Weinshop indes bringt Spaß, ein Rundgang durch die Kelleranlage ebenfalls und die Weinprobe allemal. Noch mehr Spaß indes bringt ein Besuch im «Chateau Golan» im Moshav Eliad. Das ländlich-romantische Ambiente, das prächtige Tor, der breite Kiesweg über gepflegtem Rasen zur Weinkellerei, das Entree mit Bistro, das Restaurant inmitten von Eichenfässern, erinnern an die Weingüter der Toskana und der Provence. Keine fabrikmäßige Stahltank-Ansammlung wie bei der «Golan Heights Winery», wie bei «Binyamina» und «Tishbi», trübt die Wein-Romantik. Kaum betreten die Gäste das Chateau, werden sie mit Aperitif, Weinproben und dazwischen mit neutralisierenden Leckereien umsorgt. Auch hier, am besten auf dem grünen Rasen, ließe sich gut ein Nachmittag verträumen. Im Restaurant feiern Firmen, große Freundeskreise oder auch Delegationen, wie die israelischer Piloten, ihre Zusammenkünfte und Feste - eben ein Platz zum Genießen. Über 50 Weinkellereien von der großen Genossenschaft bis zum kleinsten Familienbetrieb gibt es heute in Israel und jedes Jahr werden neue gegründet. Höchste Zeit, sie zu entdecken.
Information: Weingut Eliaz Binyamina, Binyamina
Weingut Jonathan Tishbi, Zichron Ja'akov
Wein-Boutique «Miles», Moshav Kerem Ben Zimra 13815,
Ben Zimra Winery, Moshav Kerem Ben Zimra
Weingut «Golan Heights», Katzrin
Weingut «Chateau Golan», Moshav Eliad, Ramat Hagolan |