Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() Regenmacher und Vater der sexuellen RevolutionSex! Pol! Energy! Das Jüdische Museum Wien erinnert an Wilhelm Reich
«Befreien Sie mich von Reich!» Der Aufschrei von Sigmund Freud aus dem Jahre 1937 markiert den Bruch in der Karriere des brillianten Psychoanalytikers Wilhelm Reich (1897-1957), der schon als 23-Jähriger in Wien Patienten hatte und in die Psychoanalytische Vereinigung aufgenommen wurde. Der Briefwechsel von Freud und Reich, der jetzt als Teil der Ausstellung «Sex! Pol! Energy»in Wien gezeigt wird, gleicht einem Austausch von Selbstporträts und einem Szenario von Liebe und Entfremdung. «Freud ist der wohlwollende, aber rätselhafte Vater, Reich der schillernde, sinnliche Sohn», schreibt Elizabeth Ann Danto im Begleitband zur Ausstellung. Reich hatte in seiner Arbeit stärker noch als der Freud die Sexualität ins Zentrum der Psychoanalyse gerückt: «Der Patient muss durch die Analyse zu einem geordneten und befriedigten Sexualleben kommen.» Er formulierte seine Orgasmustheorie, die ihn in den 1960-er Jahren zum Vater der sexuellen Revolution machen sollte, und verneinte zugleich die Todestriebstheorie. Bei ihrem Luzerner Kongress schloss ihn die Internationalen Psychoanalytischen 1934 aus bis heute nicht restlos geklärten Gründen aus ihren Reihen aus. Das Jüdische Museum Wien hat es sich zum Anliegen gemacht, die Lebenswege jüdischer Österreicher wieder in Erinnerung zu rufen. Im Falle Wilhelm Reichs, der 1897 als Sohn einer jüdischen Gutsbesitzerfamilie in Galizien geboren wurde, konnte das Museum dabei auf bislang nie gezeigte Dokumente, Filme und Fotografien aus dem bis 3. November gesperrten Nachlass Wilhelm Reichs zurückgreifen, die gerade auch die psychoanalytische Phase sowie die Ära der Sexpol umfassen.«Sexpol» bezeichnet Reichs Synthese von Marxismus und Psychoanalyse auf theoretischer wie praktischer Ebene sowie die Phase seiner sexualpolitisch Tätigkeit insbesondere in Berlin (1930-34), die so umstritten war, dass er 1933, als sein Buch «Die Massenpsychologie des Faschismus» erschien, auch aus der KPD ausgeschlossen wurde. «Das Soziale macht krank», ist ein Kernsatz aus der «Charakteranalyse» (1933), seinem zentralen Werk. Reichs Antwort auf diese Erkenntnis lautet: «Natur soll heilen». In der Emigration, zunächst in Dänemark und Norwegen, nach Kriegsausbruch in den USA, experimentiert er mit Bakterien und sieht in ihnen eine neue Form der Energie, die er in Anlehnung an den Orgasmus «Orgon» nennt. Für die einen wird er damit zum Genie, für andere zum Scharlatan. In den USA bildet er Ärzte zu «Orgontherapeuten» aus und hat großen Einfluss auf Schüler wie Alexander Lowen und Fritz Perls und Psychotherapeuten wie Ronald D. Laing. Beachtung findet Reich seinerzeit vor allem mit seiner Beschreibung psychischer Blockaden, die er als «Charakterpanzer» bezeichnet und die sich in der Verspannung bestimmter für die praktische Arbeit abgrenzbarer Muskelgruppen («Muskelpanzer») äußern sollen. Er übernimmt von dem damals zu den führenden Physiologen zählenden Friedrich Kraus das Konzept der «vegetativen Strömung» und entwickelt so seine Charakteranalyse weiter zur Vegetotherapie. Später, in den USA, sichtet er dieselbe Energie in der Bläue des Himmels. Er will sie sammeln und damit Krebs bekämpfen. In seinen «Orgon-Akkumulatoren», Faraday'schen Käfigen mit abgedichteten Wänden, nehmen Besucher wie Norman Mailer Platz. Albert Einstein führt die positiven Messergebnisse Reichs auf Fehler bei der Versuchsanordnung zurück und schreibt am 7. Februar 1941: «Ich hoffe, dass dies ihre Skepsis entwickeln wird, dass sie sich nicht durch eine an sich verständliche Illusion trügen lassen.» Reich baut schließlich auch Regenmacher: Er richtet seinen selbstgebauten «Cloudbuster» auf den Himmel über den Dürregebieten im Süden der USA, um den Wolken damit gleichsam zu einem Orgasmus verhelfen. Kurzum, Reich versucht so unvoreingenommen wie nur möglich und entlang der Grenze zwischen Wissen und Nichtwissen zu neuen Erkenntnissen zu gelangen. Am Ende der Ausstellung, die in ihrem Aufbau den drei Leitmotiven Neurosenprophylaxe, Körperpanzer und Lebensenergie folgt, steht ein alter Mann: Reich, noch keine 60 Jahre alt, auf einem Photo auf der Veranda einer Farm in den USA, in den Händen ein Gewehr, rundherum Polizei. Die Diagnose: Paranoia. Schließlich schreitet die Food und Drug Agency (FAD) schreitet gegen ihn ein. Sie zwingen Reich und seinen zwölfjährigen Sohn Peter, alle Orgonakkumulatoren mit der Axt zu zerhacken.. Im März 1957 tritt Reich eine zweijährige Zuchthausstrafe wegen Missachtung des Gerichts an. Er stirbt am 3.November1957 im Gefängnis. «2007 wird die Menschheit reif sein für meine Arbeit», meinte Reich, als er seinen Nachlass für 50 Jahre sperren ließ. Die Ausstellung, die auf zahlreichen Leihgaben basiert, präsentiert diese außergewöhnliche Wissenschaftsbiografie quasi in Laboratmosphäre, ist aber trotz Filmeinspielungen und zahlreicher Fotos so textreich geraten, das man getrost gleich zum gut gelungenen Begleitbuch «Wilhelm Reich Revisited» greifen kann, das im Wiener Verlag Turia und Kant erschienen ist und einen umfassenden Eindruck diesem unbändigen Geist vermittelt. Ob guter Sex wirklich die Welt heilt, bleibt dabei offen. Ergänzt wird die Ausstellung noch um die Installation «GottTeufelÄther» von Oz Almog, der sich damit «auf eine Reise von Reich und mir durch die sieben Departments der Hölle»" begeben hat.
«Wilhelm Reich: Sex! Pol! Energy!» im Jüdischen Museum in Wien bis zum 9. März 2008, jeweils von Sonntag bis Freitag, 10-18 Uhr. |