Ein Farbtupfer im November

Die Jüdischen Kulturtage München – ein Rückblick

 

Seit Jahren - und man könnte schon fast von Tradition sprechen - erhält das kulturelle Leben Münchens in der zweiten Novemberhälfte einen kräftigen Farbtupfer: Über rund zwei Wochen finden die alljährlichen Jüdischen Kulturtage statt, veranstaltet von der als gemeinnützig anerkannten Gesellschaft zur Förderung jüdischer Kultur und Tradition. Selbstredend werden diese Tage auch immer wieder einem Motto unterlegt, um die einzelnen Veranstaltungen gewissermaßen unter einen gemeinsamen Nenner einzubetten. So konzentrierte man sich etwa 2002 auf «Ein neues Leben: Jüdische Immigranten aus der ehemaligen Sowjetunion in Deutschland», 2003 auf das Motto «Vom Ba'al Shem-Tov zur goldenen Medine», 2004 auf die «Jiddischkajt in Wort un Lid» und 2005 wie übrigens auch schon 1992 auf «Sfarad», also auf die Juden (und deren Nachkommen) der iberischen Halbinsel. Heimatlich wurde es 2006, als man sich der «Geschichte der Juden in Bayern» widmete, und dieses Jahr war es schließlich «Die Frau im Judentum». Sicherlich ein umfangreiches Gebiet, kann man doch über biblische Gestalten wie die Stammmutter Sara, über sozial Engagierte wie Henrietta Szold (1860-1945) oder Politikerinnen wie Golda Meir (1898-1978) berichten, nicht zu vergessen Regina Jonas (1902-1944), die in Deutschland ordiniert wurde und weltweit als erste Rabbinerin amtierte. Selbstverständlich kamen all die genannten Persönlichkeiten in mindestens einem der insgesamt fünf Vorträge zu diesem Thema zur Sprache, ergänzt durch eine separate Podiumsdiskussion mit Rachel Heuberger, Sophie Mahlo, Viola Roggenkamp und Rachel Salamander. Ob die Anzahl der Vorträge wohl ausreiche, um die gewählte Thematik einigermaßen zufriedenstellend abzuhandeln? Frau Ilse Ruth Snopkowski, Initiatorin der Kulturtage und seit 2001, dem Jahr des Todes Ihres Ehemannes und Arztes Simon Snopkowski (gleichzeitig Gründer des Vereins), erste Vorsitzende des Vereins, räumte auf direkte Anfrage ohne zu zögern ein, dass man sich der Problematik des eigentlichen Umfanges durchaus bewusst war. Aber man versuchte, innerhalb des vorgegebenen Mottos weitere Schwerpunkte zu setzen, etwa in Form eines historischen Überblicks der Frau im Judentum oder durch eine Darstellung der jüdischen Frau im muslimischen Umfeld wie der iberischen Halbinsel bis Ende des 15. Jahrhunderts bzw. danach im Osmanischen Reich.

Ein Höhepunkt der diesjährigen Kulturwochen war zweifelsohne das Konzert der (nichtjüdischen) Kölner Gruppe «A Tickle in the Heart», die sich in der zweiten Hälfte ergänzt durch drei weitere Musiker aus Moldawien und Großbritannien «Klezmer Alliance» nannte, bereits schon 2006 die Kulturtage bereicherte und laut Eigenwerbung die «heißeste jiddische Musik Europas» spielte. Die Münchener Sängerin Andrea Pancur (ansonsten Gründungsmitglied des Sextetts «Massel-Tov») ergänzte schließlich das Septett. Die Musiker versäumten es natürlich nicht, ihr gerade erst vor wenigen Wochen veröffentlichtes Album «Mir Basaraber» vorzustellen. Bereits Tage zuvor war der Carl-Orff-Saal im Gasteig ausverkauft und mit knapp 600 Besuchern bis auf den letzten Platz gefüllt. Von der Qualität unabhängige Faktoren wie Heimvorteil und Bekanntheitsgrad, so Snopkowski, müssten immer wieder berücksichtigt werden. Denn durchaus weniger Glück, zumindest was die Nachfrage betraf - der Saal war bestenfalls zur Hälfte gefüllt, hatte das bereits 1998 hier gastierende US-amerikanische Sextett «Klingon Klezmer» mit dem ehemaligen Kantor Jack Kessler. Deren, neben zweifelsohne Traditionellem, mit viel Jazzanleihen präsentierte Musik entsprach zum einen sicherlich dem Titel des aktuellen Albums, namentlich «Klezmer from the Future», wurde zum anderen aber eben nicht von allen traditionsbewussten (oder eher traditionssuchenden?) Besuchern goutiert, wenngleich die einzelnen Musiker allgemein als «ausgezeichnet» bewertet wurden.

Selbstredend gibt es neben den Vorträgen und Konzerten, die bei Weitem nicht nur Klezmermusik einschließen (eine zu häufig gemachte Fehleinschätzung, Snopkowski: «Wir sind definitiv kein Klezmerfestival»), auch weitere berücksichtigte Bereiche. Schließlich, so eine Werbebroschüre der Gesellschaft, «hat sich die Institution bemüht, die verschiedensten Facetten jüdischer Kultur und Geschichte der [Münchener] Bevölkerung näher zu bringen». So gibt es jedes Jahr etwas aus dem Bereich des Theaters, etwa dieses Jahr das Stück «Immerwahr», in dem Clara Immerwahr (1870-1915), die erste Frau, die an einer deutschen Universität einen Doktortitel erwarb, von Anja Leußen dargestellt wird. Für jiddisches Kabarett sorgte «mit scharfer Zunge» die aus Israelin stammende Sarale Feldman. Schließlich gibt es immer wieder ein Filmprogramm während der Kulturtage sowie etliche Ausstellungen. Etwas zu kurz scheint der Tanz zu kommen. Zwar gab es 1989, als man noch von einer (genauer der zweiten) «Kulturwoche» sprach, einige Monate später «Israel Tanz- und Theater-Tage». Dann wurde es in diesem Bereich eher ruhig - Ähnliches wäre interessanterweise über jüdische Kulturtage bzw. -wochen in anderen deutschen Städten zu berichten, sieht man «traditionellen jüdischen Hochzeitstänzen» (1991) und einem Tanzworkshop für israelische Folkloretänze (2005) ab, die notabene beide regen Zuspruch beim Publikum fanden.

Übrigens legt der Verein Wert darauf, ganz entgegen weitläufig kursierenden Gerüchten, eine absolut unabhängige Institution zu sein, was sich in einer zwar existierenden, aber doch im Umfang eher geringen Zusammenarbeit mit der IKG widerspiegelt. Sicher wäre dabei dem Umstand Rechnung zu tragen, dass der IKG bis November 2006, nämlich mit dem Einzug sämtlicher «Filialen» unter ein Dach in das neue Zentrum am St.-Jakobs-Platz, nicht immer die notwendigen Räumlichkeiten zur Verfügung standen, so dass es meist nur die eine oder andere Lesung in Zusammenarbeit mit dem Kulturzentrum der IKG gab. Genau so sicher gab es jedoch einen ursprünglich zweiten Grund, denn gezielt und somit durchaus beabsichtigt hatte man bereits mit den ersten Kulturtagen, die sich damals, ab 1987, in den ersten beiden Jahren noch «Kulturwoche» nannten und gar nicht durchgezählt waren, Abstand vom «jüdischen Establishment» gesucht. Es sollte, so Snopkowski, das «selbstgewählte jüdische Ghetto» verlassen und vor allem ein breites Münchener Publikum angesprochen werden. Daher hatte man sich für fast sämtliche Veranstaltungen das stadteigene Kultur- und Bildungszentrum Gasteig am rechten Isarufer ausgesucht; pikanterweise der Ort, an dem zuvor der Bürgerbräukeller stand, in welchem am 8. Nov. 1939 Hitler dem Attentatsversuch Johann Georg Elsers entkam. Bereits seit Beginn übernahm die Landeshauptstadt sämtliche Kosten, begonnen von der Technik bis zur Raummiete, und kommt somit bis heute für rund ein Drittel des gesamten Festivalbudgets auf. Obwohl der Verein keine konkreten Zahlen mitteilen wollte, konnte in Erfahrung gebracht werden, dass die Förderungsmittel des Bayerischen Staatsministeriums für Unterricht und Kultus rund ein weiteres Drittel des Gesamtbudgets einnehmen, während der Rest durch die Eintrittsgelder finanziert wird. Nach den Worten Snopkowskis sind die dankbar erhaltenen Vereinsspenden als Größenordnung eher zu vernachlässigen.

Immerhin eine Veranstaltung gab es während der letzten Kulturtage in den Räumlichkeiten der IKG zu verzeichnen, und es sollte gleich die Eröffnungsveranstaltung sein: Die Kammeroper «Der Kaiser von Atlantis» von Viktor Ullmann (1898-1944). Diese Produktion entstand in Kooperation zwischen der Bayerischen Staatsoper und dem Orchester Jakobsplatz, einer Gemeinschaft junger professioneller jüdischer und nichtjüdischer Musiker unter dem Dirigenten Daniel Grossmann. Ullmann komponierte dieses Werk 1943 in Theresienstadt, die Uraufführung fand erst rund 30 Jahre später statt. Die Konversion seiner jüdischen Eltern zum Katholizismus half letztlich nichts, auch er wurde von den Nazis ermordet. Mit knapp 400 Besuchern, die gespannt der Eröffnungsrede von Charlotte Knobloch, Präsidentin des Zentralrates und zugleich der IKG München und Oberbayern sowie Vizepräsidentin des Jüdischen Weltkongresses, lauschten, war übrigens ein volles Haus zu verzeichnen.

Immer wieder ist zu beobachten, dass - nicht nur in München - derartige jüdische Kulturtage hauptsächlich von einem nichtjüdischen Publikum zu Information und Unterhaltung genutzt werden. Was letztendlich auch zumindest einem Teilziel des Gründungszweckes des Vereins entspräche, nämlich «jüdisches Leben in München und Bayern wieder präsenter werden zu lassen». So antwortete Snopkowski auf eine diesbezügliche Frage, dass selbstverständlich auch das jüdische Publikum willkommen sei, «soweit es interessiert ist». Diese als Nebensatz eher beiläufig gemachte Bemerkung mag sicherlich berechtigt sein, vergleicht man den durchaus als äußerst mager zu bezeichnenden Anteil jüdischer Besucher mit dem jüdischen Bevölkerungsanteil Münchens von mindestens 10.000 Einwohnern. Dabei kann es kaum an den Eintrittspreisen liegen: Konzertkarten sind ab 16 Euro zu haben, während für die Vorträge lediglich jeweils 5 Euro zu berappen gewesen wären. Letztlich arbeitet der Verein auch aktiv mit dem Sozialwerk der IKG zusammen und bietet etwa für sozial Bedürftige weit ermäßigte Eintrittskarten für ausgewählte Konzerte, also sprachlich unabhängigen Veranstaltungen, an. Aber auch das mag den jüdischen Besucheranteil an den Kulturtagen nicht wesentlich erhöhen. Ähnlich bedauert Snopkowski, dass ebenso aus Israel stammende Musikgruppen so gut wie keine Resonanz bei der in München lebenden «israelischen Kolonie», immerhin nahezu 900 gemeldete Bürger, fänden. Eine Erklärung dafür hat sie bislang nicht parat.

Nie hätte Snopkowski bei Beginn ihrer Kulturarbeit daran gedacht, zwanzig Jahre lang für einen Großteil der jüdischen Kultur in München verantwortlich zu sein. Weitere zwanzig Jahre werde sie wohl kaum weiter machen, aber bis ein kompetenter Nachfolger gefunden werde, bliebe ihr wohl kaum etwas anderes übrig, als das Amt weiter zu tragen. Dankend wies sie abschließend darauf hin, mit der Jüdischen Zeitung endlich und zum ersten Mal einen zuverlässigen Medienpartner und gleichzeitigen Sponsor gefunden zu haben.

Matti Goldschmidt

«Jüdische Zeitung», Dezember 2007