Wo das Wort lebt

Hilde Domin öffnet in «Ich will Dich» ihre Welt

 

Man ist bezaubert von dieser kleinen, weißhaarigen Frau, die einen voller Elan durch ihre Räume führt. Vorbei an hohen Bücherregalen - wie kommt sie nur an die obersten Bücher heran? -, an einem Schreibtisch voller Arbeit und unzähligen Bücherstapeln gibt sie den Blick frei in ihr Leben. Mittelpunkte bilden das Zimmer ihres verstorbenen Mannes Erwin Walter Palm, Rosensträuße, deren Duft man durch die Leinwand zu spüren glaubt und die Taube über ihrem Bett - eine Taube aus Holz mit gebrochenem Flügel, die mit ihr beerdigt werden soll. Dies ist die erste Begegnung mit Hilde Domin, nicht nur des Kinozuschauers, sondern auch der jungen Filmemacherin Anna Ditges. Sie hat die bedeutende Dichterin zwei Jahre regelmäßig besucht und mit der Kamera begleitet. Aus diesen Begegnungen ist der sehr private, nahe Film «Ich will Dich - Begegnungen mit Hilde Domin» entstanden, der im vergangenen Monat in den deutschen Kinos angelaufen ist.

In einer Buchhandlung ist Ditges auf den Namen Domin gestoßen, wie sie im Interview erzählt, die Buchhändlerin bat sie ein Stück zur Seite, «um die Domin einzusortieren». Die Neugier war geweckt und so «kaufte ich mir ihren ersten Gedichtband „Eine Rose als Stütze"». Berührt von «ihrer klaren und einfachen Sprache, suchte ich im Telefonbuch Heidelberg nach ihrem Namen» berichtet Anna Ditges, «und ich war ganz überrascht, dass ich sie selber gleich am Telefon hatte, als ich anrief». Dem Telefonat folgt der erste Besuch in Heidelberg, wo Hilde Domin seit ihrer endgültigen Rückkehr aus dem dominikanischen Exil 1961 lebt. Die Kamera ist von Anfang an dabei. Alltags- und Arbeitsleben der Domin werden von Ditges in den einzelnen Szenen miteinander verflochten. Es gibt die Rituale des Vogelfütterns auf dem kleinen Balkon der Wohnung, das tägliche intensive Zeitungslesen, die ausgiebige und liebevolle Rosenpflege ebenso wie das Schreiben oder die Lesereisen. Entstanden sind diese Szenen aus einer großen Nähe. Sie bildet die Grundlage des Films, aus ihr heraus begegnet auch der Zuschauer der Lyrikerin. Für Ditges ermöglichte diese Nähe, entsprungen aus «den Spaziergängen miteinander, Ausflügen und Konzertbesuchen», das Drehen intensiver Alltagsszenen, die «sonst so nicht entstanden wären». Oftmals entspann sich ein Gespräch zwischen den beiden, zu dem die Kamera dann hinzugeholt wurde. In den Gesprächen werden die einzelnen Lebensabschnitte Domins berührt, die Emigration mit ihrem Mann 1932 nach Italien, der 1940 die «unfreiwillige» Auswanderung in die Dominikanische Republik folgte. Erst 1951, nach dem Tod der Mutter, begann sie zu schreiben, «da stand ich auf und ging heim in das Wort. [...] Das Wort aber war das deutsche Wort. Deswegen fuhr ich wieder zurück über das Meer, dahin wo das Wort lebt.»

Parallel zu der wachsenden Vertrautheit kommt das Gesicht der Filmemacherin im Laufe des Films immer mehr in den Blick. Dies war eine ganz bewusste Entscheidung Ditges: «Im Laufe unserer Zusammenarbeit habe ich gemerkt, dass unsere Beziehung Bestandteil dieses Films ist. Es wurde mir klar, dass ich in irgendeiner Form mit in den Film muss.» Störend wirkt dies keineswegs, vielmehr ist man erleichtert, den Gegenüber Domins endlich zu sehen.

Der Film macht aber noch eine andere Ebene sichtbar: die Beschäftigung mit Einsamkeit, Alter und Tod. Hilde Domin ist sich ihres Alters bewusst, wenn sie der Filmemacherin verbietet, sie von Nahem aufzunehmen, da sie nicht mehr zwanzig oder vierzig ist, sondern über neunzig. Darüber setzt sich Ditges mitunter hinweg, wenn sie mit der Kamera zurückweicht, das Gesicht aber heranzoomt. Ein Lacher fürs Publikum, aber etwas respektlos der Protagonistin gegenüber. Domins manchmal müde wirkende, tief liegende warme Augen blicken einem da voller Offenheit entgegen und spiegeln zugleich ihre Erfahrungen der Zeit wider. Man spürt ihre Einsamkeit, wenn sie durch ihre Wohnung geht, allein am Küchentisch die Zeitung liest oder sich zum Ausgehen fertig macht. Es ist auch die Einsamkeit der Zurückgebliebenen, die noch achtzehn Jahre nach dem Tod des Lebenspartners seine Nähe ersehnt, aber sein Grab auf dem Heidelberger Friedhof nicht mehr wiederzufinden vermag. Manchmal hätte man sich mehr Schutz von Seiten der Filmemacherin gewünscht, gerade auch aufgrund der entstandenen Nähe zwischen den beiden. An einigen Stellen wird der Zuschauer zum Voyeuristen gemacht, wenn er Domins Hilflosigkeit beim Anblick eines stummen Filmdokuments ihres Mannes sieht. Die Sehnsucht nach ihrem Mann begleitet den gesamten Film und selten ist man so einer tief gelebten Liebe begegnet, die in ihren Gedichten nachzulesen ist. Aber man möchte ihr auch ein Stück dessen lassen. Ein Stück Privatheit hält Hilde Domin aber doch zurück. Auf einige Fragen, etwa zu ihrem Exil in der Dominikanischen Republik und welches Gefühl es war, von einer Diktatur in eine andere zu gehen, verweigert sie die Antwort. Ein Recht, welches ihr zusteht, was Ditges aber nur schwer einhalten kann.

Begleitet werden die Bilder des Films durch Gedichte und Prosastücke der Dichterin. Sie stellen Zusammenhänge zu den einzelnen Interviewpassagen her, erzählen dort weiter, wo sie nicht weiter spricht. Bisweilen hätte man sich noch mehr Gespräche mit der Domin gewünscht, da einiges nur angerissen wird und ihr Erzählen voller Lebendigkeit ist.

Der Tod von Hilde Domin im Februar 2006 beendete die Filmaufnahmen. Für Ditges ein Schock, sie brauchte lange, um den Tod zu verarbeiten, zumal sie durch das Filmmaterial «für mich immer noch lebendig und da war». Nach längerem Überlegen hat sie sich entschieden, auch einen Teil der Beerdigung mit in den Film aufzunehmen. Dies sollte aber nicht am Ende stehen, sondern die lebendige Domin «ihre Liebe, ihre Gedanken und ihre Person». Dies ist gelungen - man verlässt den Kinosaal mit dem Gesicht Hilde Domins, dem Klang ihrer Stimme im Herzen. Die Gedichtzeile «Und im Vorbeigehn, ganz absichtslos, zünde ich die eine oder andere Laterne an in den Herzen am Wegrand» hallt in einem nach, und man kann es kaum erwarten, ihre Gedichtbände zur Hand zu nehmen und sich von ihrer Sprache tragen zu lassen.

 

«Ich will Dich - Begegnungen mit Hilde Domin»; Regie und Produktion: Anna Ditges, 95 Minuten, Deutschland 2007

Ulrike Schneider

«Jüdische Zeitung», Dezember 2007