Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() «Denn er ist wie Du»Die «goldene Regel» als Teil der Schöpfungsordnung
Das Buch Levitikus kann auch als Buch der «Reinheit und Heiligkeit» bezeichnet werden, da es im Wesentlichen aus einer aus priesterlicher Sicht zusammengestellten Ansammlung von Vorschriften besteht, die sich als Anforderungen an die Lebensgestaltung des Volkes darstellen, weil Israel dem Herrn ein heiliges Volk sein soll, was dieses Volk in dem am Sinai mit Gott geschlossenen Bund in den eigenen Willen aufgenommen hatte. Obwohl es sich dabei um eine Fülle von Ge- und Verboten und um die Errichtung besonderer «Ordnungen» handelt, wie der Ordnung des Jom Kippur, kommt diesen Sachverhalten seit der Zerstörung des Zweiten Tempels jedenfalls rechtsgeschichtlich keine Darstellung und Kommentierung von Einzelheiten rechtfertigende Bedeutung zu. Die ersten sieben Kapitel des Buches gelten dem inzwischen obsoleten Opferkult, woran sich in den Kapiteln 8 bis 10 die ebenfalls obsoleten Regeln über die Weihe des Stiftzeltes sowie die Rechte, Pflichten und Aufgaben der Priester anschließen. Sodann folgen im 11. Kapitel Speisevorschriften, über deren Begründung sich trefflich streiten lässt, die aber keine bedeutenden rechtlichen Prinzipien entfalten. Die Unterscheidung von «rein» und «unrein» wird fortgesetzt mit verschiedenen Beispielen der Verunreinigung durch tote Tiere, durch die Geburt, durch Aussatz sowie durch Ausscheidungen der Sexualorgane (bis Kapitel 33), während das 16. Kapitel (in einer theologisch durchaus bemerkenswerten Weise) über die Ordnung des Versöhnungstages berichtet, bevor in den Kapiteln 17 bis 27 das sogenannte Heiligkeitsgesetz wiedergegeben wird, bei dem es sich nach dem Torakommentar von Plaut vermutlich um eine ursprünglich eigenständige Schrift handelt, in deren Kern der Dekalog in einem gegenüber dem Wortlaut von Exodus 20 nicht nur geringfügig abgewandelten Text wiedergegeben wird. Am Anfang dieses mit dem ersten Vers des 19. Kapitels beginnenden Dekaloges steht die Verpflichtung des ganzen Volkes, Gott ein heiliges Volk zu sein, was nicht als Privileg, sondern als zusätzliche Last zu verstehen ist. Sodann enthält dieser Text recht weitgehende Anordnungen über die Verpflichtung zu Armenhilfe, wobei allerdings gemäss Vers 15 vor Gericht der Grundsatz der Gleichheit gelten müsse, was bis heute als unverzichtbares Prinzip eines Rechtstaates gilt, während asymmetrisch konzipierte Verfahrensregelungen in der Regel als zeitgebunden und deshalb besonders begründungsbedürftig anzusehen sind. Im Zentrum einer sprachlich überaus schön formulierten Textstelle des 3. Buches (und zugleich im Mittelpunkt der Tora) steht - in den Versen 18 und 34 des 19. Kapitels - die berühmte «goldene Regel», für die im Christentum nicht nur gelegentlich ein Monopol beansprucht wird, und die - kurz gesagt - das moralische Fundament für alle Gebote darstellt, die zwischenmenschliche Beziehungen regeln: «Liebe deinen Nächsten wie dich selbst», dem die an der Gottebenbildlichkei aller Menschen orientierte Begründung folgt: «denn er ist wie du». Richtig ist, dass die christliche Bibel diesem Gebot in den Versen 28 bis 33 des 5. Kapitels des Markus-Evangeliums ausdrücklich eine besondere Stellung zuweist und zwar als Antwort auf die dem Rabbi aus Nazareth gestellte Frage, welches das vornehmste Gebot von allen sei. «Höre Israel, der Herr, unser Gott, ist ein einziger Gott» antwortete dieser und fügte mit den das «Schma»-Gebet erklärenden Worten hinzu, dies bedeute, «du sollst Gott deinen Herrn lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüte und mit allen deinen Kräften.» Das sei das vornehmste Gebot. Sodann fährt er fort und sagt: ««Das folgende Gebot ist ihm gleich: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Kein anderes Gebot ist größer als dieses». Damit stellt der Nazarener das Gebot der Nächstenliebe gleichberechtigt neben das «Schma», was trotz der Zehn Gebote und des Ranges, der dem Ewigen zukommt, plausibel erscheint, ohne dass dadurch eine Reihenfolge oder eine Bedeutungsdifferenz begründet würde. Der Ewige ist nach dem Glauben unserer Vorfahren die Quelle vom Sinn allen Lebens und damit auch die Quelle all jener Gebote, Prinzipien oder Maßstäbe, die wir als «zeitlos» und deshalb schon in der «Schöpfungsordnung» (allerdings nicht in der «Natur») enthalten anerkennen. Diese Vorstellung von Gleichrangigkeit verstößt demnach gegen kein Prinzip der Tora, sondern erläutert, was im Levitikus und zwar mit den Worten «Ich, der Ewige» [verkünde und gebiete es] kurz und bündig gesagt ist. Auch die Tatsache, dass der Levitikus-Dekalog mit diesen Formulierungen über die im 20. Kapitel des Buches Exodus verwendete Formulierung des Dekalogs hinausgeht, begründet die Annahme, dass diese Gebote als Teil der Schöpfungsordnung anzusehen sind und dass es sachgerecht ist, diese Ergänzung des Gebotenen auch im Rahmen dieser rechtlichen Darlegungen zu beachten. Nach der Art ihrer Begründung können wir die Gebote der Tora in solche unterscheiden, deren Begründung ausschließlich darin besteht, dass ihre Verfügung Gott zugeschrieben wird, und solche, denen darüber hinaus eine spezifische Begründung beigefügt ist. Gleichwohl gelten alle Gebote allein schon deshalb, wenn ihre Anordnung Gott zugeschrieben wird. Bei dem apodiktisch Gebotenen scheint der Mensch nichts zu fragen und nichts zu sagen zu haben, ist er doch zugleich mit der eine Unterwerfung heischenden Vorstellung von der Allmacht Gottes konfrontiert, die er in Bezug auf seine Geschichte nur ganz akzeptieren oder verwerfen kann. Werden aber den Befehlen gleichwohl Begründungen beigefügt, kann sich das sowohl für die Rechtsunterworfenen wie für den Befehlenden günstig auswirken, da sich auf diese Weise das Verständnis der Rechtsunterworfenen für die erteilten Befehle erhöht, indem das Verständnis für die Zweckmäßigkeit und Sachgerechtigkeit von Befehlen, Anordnungen oder Weisungen gefördert wird. So verhalt es sich auch hier. Natürlich bedarf das Gebot «Liebe deinen Nächsten wie dich selbst» zur Bestätigung seiner Wirksamkeit nur des Hinweises auf den Anordnenden, dessen Anordnungsbefugnis seinerzeit unbestritten war. Gleichwohl verhilft solch eine ausschließlich auf eine Autorität gestützte Begründung nicht zu einer sinnstiftenden Orientierung oder zu einer Entscheidungshilfe. Warum soll der Mensch andere Menschen nicht weniger als sich selbst lieben? Warum soll es nicht erstrebenswert sein, zunächst oder ganz und gar an sich selbst und nur in diesem Rahmen an den «Nächsten» zu denken und für diesen zu handeln. Die Antwort, die das Buch Levitikus auf den ersten Blick gibt, lautet: Weil der Ewige es geboten hat. Theologisch reflektiert lautet diese Antwort: weil dies die Gott wegen dessen Äquvidistanz zu allen Menschen als seinen Geschöpfen geschuldete Achtung gebieten. Diese Einsicht verknüpft das «Schma» und die «goldene Regel» zu einer gleichberechtigten, gleich bedeutsamen und auf das gleiche Ziel der Errichtung einer für alle Menschen gerechten Ordnung gerichtete Weisung. Diese Begründung bindet aber nur diejenigen Menschen, die ihre Prämissen teilen. Der Agnostiker wird dergleichen mit mehr oder weniger Interesse zur Kenntnis nehmen, ohne daran gebunden zu sein. Wer aber die Verbindlichkeit des «Schma Israel» anerkennt, muss im Hinblick auf Gottes gleicher Stellung zu allen Menschen bereit sein, auch das Gebot der Nächstenliebe zu befolgen. Einer Christologie bedarf dies nicht, weshalb jeder Versuch fehlschlägt, der «goldenen Regel» christliche Exklusivität zu verleihen. Der «kategorische Imperativ» als agnostische Begründung der «goldenen Regel»: Die Weisung «Liebe deinen Nächsten wie dich selbst» kann aber auch von einem Agnostiker als wohlbegründeter Maßstab für moralisches Handeln akzeptiert werden. Das zeigt nicht zuletzt der von Immanuel Kant formulierte «kategorische Imperativ», an dem Menschen ihr Handeln ausrichten sollen: «Handle so, dass die Maxime deines Tuns jederzeit zum allgemeinen Gesetz erhoben werden kann». Historisch bestätigt wird dieser Befund durch die vielfach gemachte Beobachtung, dass Grausamkeiten der Menschheit immer aus Hass, Rache oder Habgier entstehen, nie aber aus Liebe, die, wie im ersten Brief des zum Apostel gewendeten Pharisäers Schaul an die Korinther am Anfang des 13. Kapitel zu lesen ist, eher zum Dulden neigt, und von der der 13. Vers des gleichen Textes sagt, dass sie «ewig bleibt». In der Tat: Auschwitz ist ein Nachweis für einen aus lückenloser menschlicher Lieblosigkeit geborenen Hass und Menschen, die ihr Leben aus welchen Gründen auch immer unter die Maxime der «goldenen Regel» stellen, sind zu derartigen Verbrechen vermutlich nicht fähig. Deshalb hoffen wir, dass die Liebe «ewig bleibt». Hiergegen mag man einwenden, dass sich mit Liebe kein Staat und kein Recht machen lassen. Das trifft nach allem, was wir erfahren haben, zu, ändert aber die Anforderungen nicht grundlegend, wenn wir erkennen, dass die ins Säkulare gewendete «goldene Regel» auch für den Staat und sein Recht zu gelten vermag, wenn sie in den Satz gekleidet wird: «Achte deinen Nächsten wie dich selbst, denn er ist wie du». Auf diese Weise versöhnen wir pragmatisch ergebnisorientiert Skeptiker wie Baruch Spinoza mit der Glaubensgewissheit der Väter, ohne uns oder andere auf eine der für die jeweiligen Optionen maßgeblichen Grundlagen festzulegen. Nun könnte man einwenden, dass sich die «goldene Regel» einer Konkretisierung entzieht, weil sie sich nicht operationalisieren lässt und deshalb nichts für die Bildung eines materiellen Maßstabes hergebe. Diesem Einwand ist entgegenzuhalten, dass die «goldene Regel» dann als erfüllt anzusehen ist, wenn dem Nächsten jeweils das zugebilligt wird, was jemand jeweils für sich selbst beansprucht. Nicht mehr, aber auch nicht weniger, während asymmetrische Regelungen grundsätzlich begründungsbedürftig sind. Das sollte genügen. Fraglich könnte sein, ob die «goldene Regel» auch bei der Verteilung von Mangel strikt gilt, ob also die «goldene Regel» mit dem Symmetriegebot eine absolute Gleichheit bei der Frage der Verteilung von Mangel erzwingt. Letzteres, das lehrt die Geschichte, kann nur mit Hilfe eines unverhältnismäßigen Zwanges und damit eines von den Betroffenen auf Dauer nicht hingenommenen Verlustes an Freiheit erreicht werden. Die hierauf gemünzte Kritik, dass es so lange auf der Welt keine Gerechtigkeit, sondern jeweils nur eine «Gerechtigkeit von oben» und eine «Gerechtigkeit von unten» geben werde, solange es ein «oben» und ein «unten» gibt, trifft deshalb prinzipiell zu. Gleichwohl würden die Folgen dieses Prinzips durch die Anwendung der «goldenen Regel» ganz erheblich entschärft und zugleich die Chancen erhöht, Frieden und Gerechtigkeit unter den Menschen schrittweise zu mehren. Demgegenüber dürfte es schwer fallen, für Gleichheitsforderungen, die über die «goldene Regel» hinausgehen, Gründe zu finden, die allgemein als legitim akzeptiert werden. Damit legitimiert die «goldene Regel» auf dem Gebiet der Gesellschaftspolitik immerhin jeden sachgerechten Nachteilsausgleich. Diese Einsicht liefert neben der theologischen eine durchaus säkular-pragmatische Begründung für die Vorteilhaftigkeit der Befolgung der «goldenen Regel». Eine Rechtsordnung, die dieses Prinzip hinreichend gewährleistet, stellt für den Einzelnen keine unangemessene Bedrohung dar. Auch muss sich niemand ständig um die Sicherung des Erreichten vor dem willkürlichen Zugriff Dritter furchten. Rechtssicherheit bedarf nämlich auf Dauer der sozialen Auskömmlichkeit. Deshalb kann die «goldene Regel» auch von Menschen anerkannt werden, die ihre theologischen Prämissen nicht teilen, seien es Juden oder Nichtjuden. Es kommt auch nicht darauf an, ob eine Vorstellung ausschließlich dem Judentum vorbehalten oder im Judentum nur entstand, wie dies für die «goldene Regel»» zutreffen dürfte, deren Entstehung sich vermutlich erstmals jüdischer Tradition verdankt. Aber selbst wenn dies nicht zuträfe, würde das die Bedeutung dieses Prinzips für das Verständnis der jüdischen Religion nicht mindern. Das gleiche gilt im Verhältnis von religiöser zu säkularer Weltanschauung. Die Tatsache, dass die «goldene Regel», wie Immanuel Kant zeigt, auch säkular begründet werden kann, mindert ihre religiöse Relevanz nicht, sondern verleiht der religiösen Pflicht ein besonderes Gewicht, was die Juden nicht schon deshalb zu einem «besseren Volk» werden lässt, weil sie als Erste diese Regel verkündeten, deren Beachtung auch dazu dienen soll, diese Welt einer «messianischen Zeit» anzunähern, um sie in «ewiger Zeit» zu vollenden. Wenn uns, wie der Psalmist sagt, unsere Werke im Tod nachfolgen, verbinden wir dies mit der Hoffnung, dass der Nächste uns und unseren Werken einen Segen und keinen Fluch nachrufen wird. Die Beachtung der «goldenen Regel» ist geeignet, diese Hoffnung zu nähren. |