Juden in Ostpreußen

Von Königsberg und Memel nach Kaliningrad und Klaipeda

 

Foto:Leiserowitz

Jm 18. Jh. existierte innerhalb Ostpreußens einzig in Königsberg eine nennenswerte jüdische Minderheit. König Friedrich I. von Preußen gab den Juden die Erlaubnis, einen eigenen Friedhof anzulegen und eine «Chewra Kaddischa» zu gründen. Als 1765 die erste Synagoge in der Vorstadt errichtet wurde, zählte die Gemeinde schon 300 Mitglieder, und bis 1800 hatte sich die Zahl bereits verdreifacht. Die Königsberger Gemeinde wurde zu einem Wegbereiter der modernen Kultur. Der erste Rabbiner Salomon Fürst war an der dortigen Universität immatrikuliert. Einige jüdische Schüler von Immanuel Kant brachten die Ideen von Mendelssohn nach Köngsberg. Isaak Euchel gründete hier 1783 die Zeitschrift «HaMeassef», die zum wichtigsten Organ der innerjüdischen Aufklärung wurde.

Die Blütezeit der jüdischen Gemeinden in Ostpreußen brach erst nach dem Emanzipationsedikt von 1812 an. In einer Vielzahl von Orten bildeten sich jüdische Gemeinden und wurden Synagogen gebaut. Ostpreußen erfuhr einen jüdischen Zuzug aus zwei Richtungen: zum einen wanderten Juden aus Westpreußen zu, zum anderen vermehrte sich die Anzahl der Neueinwanderer aus den litauisch-polnischen Grenzgebieten. Trotz aller garantierten Rechte gestaltete sich die Ansiedlung vor Ort schwierig, da die lokalen Behörden schwerfällig arbeiteten und viele Vorbehalte gegenüber den Ausländern geltend machten. Was bewog Juden aus Polen und Litauen zuzuwandern? Es waren war allem ökonomische Perspektiven, die den Zuwanderern attraktiv erschienen.

Obwohl die lokalen Behörden sich auch noch später zierten, die Ansiedlung von Juden zu gestatten, wurden immer mehr jüdische Zuwanderer, gerade aus den benachbarten polnischen und litauischen Grenzgebieten, in Ostpreußen sesshaft. Mitte des 19. entstanden die meisten jüdischen Gemeinden. Im Gegensatz zu den Gebieten hinter der Grenze, in denen die Juden selten auf dem Land lebten und sich vorrangig in kleinen Städtchen konzentrierten, siedelten sich die Juden in Ostpreußen verstreut an - auch auf Dörfern, Einzelgehöften und Abbauten. Mit dem Grad ihres wirtschaftlichen Erfolgs wanderten sie weiter in größere Ortschaften und Städte.

Der Bau der Königlichen Ostbahn von Berlin nach Königsberg und weiter nach Eydtkuhnen bot ab 1850 völlig überraschende neue wirtschaftliche Perspektiven und zog in hohem Maße Zuwanderer an. Viele Städtchen, die nun Bahnverbindung besaßen, entwickelten sich dynamisch und mit ihnen die jüdische Gemeinde am Ort. So auch in Eydtkuhnen: Hatte das Dorf an der preußisch-russischen Grenze Anfang des 19. Jh. ca. 40 Einwohner, zählte man 1867 bereits 1996 Einwohner, darunter 200 Juden. Eydtkuhnen wurde eine reiche Kommune. Hier entwickelte sich ein lebhafter Speditions- und Grenzhandel. Außerdem gab es am Ort mehrere Druckereien, die jüdische Literatur für den Export nach Russland druckten. Unter den 70 Gründungsmitgliedern der Eydtkuhner Synagogengemeinde waren auch Kaufleute und Spediteure, die vorher ihr Geld mit dem Holzhandel auf der Memel verdient hatten. Sie hatten rasch erkannt, dass die Infrastruktur der Eisenbahn völlig neue Perspektiven und Betätigungsfelder schuf und weitaus bessere Möglichkeiten als die Memelschiffahrt bot.

An den ostpreußischen Grenzorten gab es viele jüdische Zuwanderern aus dem Osten. Gerade nach 1880 flohen russische Juden vor den Pogromen und Repressionen des Zarenreiches in großer Zahl nach Deutschland. Die Einreise- und Aufenthaltsbestimmungen für russische Juden wurden jedoch 1885 durch das preußische Innenministerium verschärft, und so erlitten Städte und Synagogengemeinden erhebliche Einbußen, da viele jüdische Kaufleute, die keine deutsche Staatsbürgerschaft besaßen, aber jahre- sogar jahrzehntelang in Deutschland ansässig waren und wichtige Handelsverbindungen garantierten, ohne Rücksicht auf wirtschaftspolitische Faktoren einen sofortigen Ausweisungsbescheid erhielten. Der Protest der christlichen Mitbewohner gegen diese Maßnahmen war nur schwach. Es gab viele Stimmen, die sich froh darüber zeigten, nun die Konkurrenz losgeworden zu sein.

Sehr groß war die Anzahl der Juden, die sich über die ostpreußischen Grenzorte via Deutschland in andere Länder begab - entweder sofort in die neue Welt oder auch nach Palästina. Die zeitgenössische Presse war voll mit Berichten über die flüchtenden Ostjuden. Die Juden mit deutscher Staatsbürgerschaft fühlten sich in Ostpreußen sicher. Wirtschaftlich waren es glückliche Jahre. Viele jüdische Familien fühlten sich deutsch und gaben ihren Kindern deutsche Namen oder ließen ihre eigenen Namen ändern. Die Anträge auf Umbenennung aus jenen Jahren füllen Bände, gemäß der Volkszählung von 1910 zählte die jüdische Bevölkerung Ostpreußens 13.27 Personen und war in etwa 60 Synagogengemeinden organisiert. Damals hatte Königsberg etwa 4.700 Mitglieder, also mehr als ein Drittel der gesamten jüdischen Bevölkerung Ostpreußens. Größere Gemeinden gab es noch in Memel (900), Tilsit, (ca. 650, mit dem zugehörigen Kreise gegen 1000), Allenstein (ca. 500), Insterburg (ca. 300), Osterode (ca. 180 Seelen).

Als der Erste Weltkrieg ausbrach, meldeten sich viele Juden freiwillig ins Heer und an die Front. Sie fühlten sich als gute Deutsche und wollten gleichberechtigt mitkämpfen.

Aber hier im Grenzgebiet erlebten die Bewohner den Krieg als bittere Realität. Sie mussten vor den russischen Truppen fliehen, die bis in die Tiefe Ostpreußens vordrang und ganze Städte in Flammen aufgehen ließ. In Eydtkuhnen verloren viele Kaufleute ihren ganzen Besitz. Viele kehrten aus der Evakuierung nicht mehr zurück und siedelten sich im Reichsinneren an. In einige Städtchen, etwa in Gerdauen, kehrten nach dem Krieg nur zwei jüdische Familien zurück. Das Ende des Ersten Weltkrieges und der Versailler Vertrag brachten für Ostpreußen harte wirtschaftliche Konsequenzen. Die neue Insellage Ostpreußens führte zu verstärkter Isolierung und beförderte die Abwanderung. Die neugezogene Grenze an der Memel und die Abtrennung des nördlich davon gelegenen Gebietes erschwerten Handel und Gewerbe zusätzlich. Die große Nachbarstadt Danzig wurde ebenfalls wirtschaftlich und politisch abgetrennt. Das Reich konnte nur über den polnischen Korridor und später über den «Seedienst Ostpreußen» erreicht werden. Wirtschaftlich waren erhebliche Einbußen zu verzeichnen, denn die traditionellen Außenhandelsgeschäfte, die bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges mit Russland getätigt worden waren, konnten von dem ökonomisch schwachen neuen Nachbarn Litauen nicht weitergeführt werden. So brach ein großer Teil des grenzüberschreitenden Handels zusammen. Aus diesen und nicht nur den allgemeinen wirtschaftlichen Gründen der Zwischenkriegszeit sowie den Begleiterscheinungen der Inflation nahm die Stärke der jüdischen Gemeinden in Ostpreußen und gerade in Königsberg ab. 1925 gehörten 4.049 Juden zur Gemeinde, die 1,4% der städtischen Bevölkerung darstellten. Nur drei Jahre später war die Anzahl der Juden bereits weiter auf 3.800 gesunken.

In Memel selbst florierte der Handel. Die Stadt, die jetzt Klaipeda hieß, erlebte in der litauischen Zeit einen Aufschwung. So ist es nicht verwunderlich, dass auch viele jüdische Händler vom Land in die Stadt zogen, um hier Geschäfte aufzubauen. 20% der Unternehmen und 25% der Geschäfte im Memelland gehörten jüdischen Bürgern. Im Memelland lebten neben deutschen Juden auch viele litauische, die nach dem Anschluss des Gebietes gerade aus Kaunas zugezogen waren. Die litauische Regierung förderte die Ansiedlung von Juden in der Stadt, da sie hoffte, dadurch ein Gegengewicht zum deutschen Einfluss zu schaffen. So existierte im Memel der Zwischenkriegszeit deutlich ein ostjüdisches Milieu neben dem deutsch-jüdischen. Den Angehörigen des letzteren war nicht immer bewusst, dass ihre Vorfahren auch erst vor wenigen Generationen über die Grenze zugewandert waren.

Ab 1933 kamen zu den bisherigen eher positiven Erfahrungen neue negative hinzu. In Deutschland begann die Ausgrenzung der Juden. Zwischen 1933-1939 wanderten viele Juden aus Ostpreußen aus, darunter 3.000 Königsberger Bürger. Sie fanden Zuflucht in Palästina, Südafrika, Südamerika und Schanghai. Der Grenzübertritt und mit ihnen der jähe Wechsel der Lebenslaufperspektive brachte ihnen neue Erfahrungen. Im Nachhinein stellte sich der Aufenthalt in der preußischen Provinz für viele Familien nur als ca. 50 bis 70-jähriger Transit dar, quasi als die «deutsche Episode». Andere zögerten noch, Deutschland zu verlassen. Immerhin lebten ihre Familien schon über 300 Jahre in Deutschland.

Viele Juden, die in Dörfern oder Kleinstädten lebten, flohen vor der zunehmenden Bedrohung und Ausgrenzung in die Anonymität der Stadt. Wer aus dem Dorf kam, ging häufig nach Königsberg, wer in der Stadt gelebt hatte, suchte in Berlin Unterschlupf. Als das Memelland im Frühjahr 1939 durch das Ultimatum von Hitler wieder an das Deutsche Reich angeschlossen wurde, flohen viele jüdische Einwohner in das benachbarte Litauen. Oft fanden sie Unterschlupf bei entfernten Verwandten oder gingen in die Orte, aus denen ihre Vorfahren stammten. Von dort gab es keine weitere Fluchtmöglichkeit mehr. Die Einsatzgruppe A ermordete im Sommer des Jahres 1941 die Mehrheit der litauischen Juden und mit ihnen die jüdischen Flüchtlinge aus Ostpreußen. Genaue Unterlagen lassen sich dazu jedoch nicht finden. Ende August 1941 lebten noch etwa 2.000 Juden in Ostpreußen. Im Juni 1942 setzten hier die Deportationen ein, die soweit bekannt nach Theresienstadt, Auschwitz und Minsk gingen und über die nur wenige Dokumente existieren.

Nach Kriegsende wurden sowohl das nördliche Ostpreußen mit Königsberg (nun Kaliningrad) wie auch das Memelland mit Memel (nun Klaipeda) in die Sowjetunion eingegliedert und neu besiedelt. Das südliche Ostpreußen wurde an Polen angegliedert. Im polnischen Gebiet sind seit jeher keine jüdischen Gemeinden neu oder wieder begründet worden. Das Schicksal der noch in den sowjetisch besetzten Gebieten lebenden Zivilbevölkerung variierte: Während die Überlebenden aus dem Kaliningrader Gebiet 1947/48 in die SBZ ausgesiedelt wurden, vertrieb die Verwaltung in Klaipeda die Überreste der dortigen Zivilisten aus der Stadt aufs Land und deportierte sie teilweise nach Sibirien. Seit 1945/46 wurden in beiden Städten sowjetische Bürger angesiedelt. Zu den ersten sowjetischen Kadern gehörten demobilisierte Soldaten und Offiziere der Roten Armee. Die Entscheidung für die Niederlassung an diesen Orten fiel bei einem großen Teil in dem Wissen, dass das Zuhause zerstört und die Familie umgekommen sei. Weitere Ansiedlungswellen folgten. Besonders für Hafen und Industrie wurden Arbeits- und Führungskräfte gesucht. Außerdem hatte sich herumgesprochen, dass diese Gegenden deutlich im politischen Windschatten der Stalinschen Machthaber lagen. Auch innerhalb der stark staatlich gelenkten Wanderungsprozesse in der UdSSR lassen sich bestimmte Tendenzen individueller Entscheidungen nachzeichnen. Juden wählten Ende der 40-er und Anfang der 50-er Jahre bewusst Kaliningrad aus. Ende der 50-er und Anfang der 60-er Jahre waren hingegen die Städte im Baltikum ein beliebter Wohnort. Von hier aus ließen sich leichter Auslandskontakte pflegen, hatten Ausreiseanträge etwa höhere Chancen bewilligt zu werden.

Die sowjetischen Migrationsprozesse nach 1945 führten also zur Neuansiedlung von Juden in Klaipeda und Kaliningrad, die sich aus politischen Gründen, jedoch auch durch mangelnde personelle Kontinuität bestimmt, nicht als jüdische Gemeinde formieren konnten. Trotz vieler Gemeinsamkeiten stehen Klaipeda und Kaliningrad auch in unterschiedlichen historischen und gegenwärtigen Kontexten. Klaipeda ist heute Bestandteil der Republik Litauen, Kaliningrad gehört zum gleichnamigen Gebiet der Russischen Föderation. Während 1948 jegliche religiöse Praxis im Kaliningrader Gebiet untersagt wurde, da Stalin hier ein atheistisches Mustergebiet kreieren wollte, kehrten einige der früheren jüdischen Einwohner nach Klaipeda zurück. In Klaipeda gab es im Sommer 1951 Verhaftungen von Juden, denen vorgeworfen wurde, eine antisowjetische Gruppe gegründet, illegale Gottesdienste durchgeführt und Familien gefangener Zionisten unterstützt zu haben. Die Folge dieser Verhaftungen war, dass ehemalige jüdische Einwohner in anderen Städten, ja manchmal sogar in anderen Republiken untertauchten und jüdische Zuwanderer ihre Identität möglichst wenig preisgaben. Definitiv gab es seit diesen Ereignissen fast 40 Jahre lang kein jüdisches Kulturleben, weder in Klaipeda noch in Kaliningrad.

Andere jüdische Gemeinden in Riga, Vilnius, Kaunas nahmen 1944/45 ihre Arbeit wieder auf, wobei ein Gruppe Überlebender den Kern darstellte. Während im kulturellen Gedächtnis jener Gemeinden aufgrund der Schoa eine tote Community inkorporiert war und ist, kann man davon in Klaipeda und Kaliningrad nicht reden. Schon 1987 berief der Litauische Kulturfond eine Initiativgruppe zur Pflege der jüdischen Kultur. Einige Monate später wurde der Kulturverein der litauischen Juden gegründet - der erste jüdische Verein, der im Zuge der politischen Veränderungen neu in der UdSSR entstand. Dieses Ereignis hatte eine Signalwirkung auf die jüdische Bevölkerung der anderen Unionsrepubliken. Erst im Jahr 1989 waren die Bürgerinitiativen so weit vorgestoßen, dass in der Tat zahlreiche religiöse Vereine und Kulturgemeinschaften gegründet werden konnten. Die Kulturvereine zahlreicher Minderheiten schossen geradezu wie Pilze aus dem Boden. Die Bürger der Sowjetunion begannen ganz allmählich, bis dahin tabuisiertes kulturelles Gedächtnis in vielen Bereichen zu aktivieren und sich also erstmals kollektiv zu mit ihren nationalen Belangen zu artikulieren. An vorderster Stelle standen die jüdischen Vereine bzw. Gemeinden. Für Kaliningrad ist das Gründungsdatum 1989 einerseits erstaunlich früh, denn insgesamt war die Aufbruchsstimmung in der dortigen Gesellschaft - fernab von Moskau - und unter starkem militärischen Einfluss noch sehr gering. Andererseits hatten jüdische Intellektuelle gute Kontakte in die baltische Region und erhielten von dort deutliche Gründungsimpulse. Im Februar 89 schalteten einige von ihnen in der Ortszeitung «Kaliningradskaja Prawda» eine Anzeige. Darin hieß es «Wer will Jiddisch sprechen, Jiddisch, singen und zusammen sein, der komme am 19. Februar zu folgender Adresse...». Es kamen über 200 Personen. Sie erörterten verschiedene Pläne und gründeten bald darauf die Gesellschaft für jüdische Kultur und Geschichte

In Klaipeda fand die Gründung im Mai 1989 statt. An anderen Orten fanden vor allem Wiederbegründungen von Gemeinden statt, dort war es wesentlich leichter, der spezifische «genius judaicus loci»» ließ sich beschwören. Die Juden in Klaipeda waren und sind überwiegend russischer Herkunft. In ihrem Traditionsrepertoire gibt es kein jüdisches Klaipeda oder Memel. Erschwerend hinzu kommt, dass auch die litauischen Juden keine besondere Erinnerung an diesen Ort verbinden. Ein Wissen über die jüdische Existenz vor dem Krieg muss erst unter Hilfestellung israelischer oder deutscher Quellen erarbeitet werden. Die Juden in Kaliningrad waren und sind ebenfalls überwiegend russischer Herkunft. Auch für sie war ihre neue Heimatstadt nicht im Traditionsrepertoire vorhanden. Für die Bewohner beider Städte kommt erschwerend hinzu, dass deutsche und jüdische Geschichte in der gesamten Nachkriegszeit tabuisiert wurde, es also keinerlei Zugang zu derartigen Quellen gab, geschweige denn eine Möglichkeit zur Forschung. Der Bestand des kulturellen Gedächtnisses war also bei Null anzusetzen. Vergleicht man diese Entwicklung mit den Erscheinungen in anderen osteuropäischen Staaten, so ist folgendes anzumerken: Eine individuelle Neukonstruktion jüdischer Identität musste in den Unionsrepubliken der Sowjetunion (anders als in anderen Ostblockstaaten) nicht erfolgen, da sie per Passeintrag vorhanden war, was einer ständigen ethnischen Diskriminierung gleichkam. Eine materielle Neukonstruktion jüdischer Identität innerhalb der Kommunen war damit jedoch nicht verbunden, denn die hier benannten Städte zählten die Judaica nicht zu ihrem nationalen und somit bewahrenswertem Erbe.

Unweigerlich werden die jetzt existierenden Gemeinden von den ehemaligen Bewohnern Ostpreußens und des Memellandes, den jüdischen und den nichtjüdischen, zu dem Leben der früheren Gemeinden in Beziehung gesetzt. Wie formulierte es der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde Kaliningrads, Viktor Schapiro, gegenüber einer deutschen Journalistin: «Wir wollen an die liberalen Traditionen des früheren Königsbergs anknüpfen. Aber wir brauchen auch Wurzeln. Gemeinsame Wurzeln, die uns verbinden werden.»

2004 wurde in Berlin der Verein «Juden in Ostpreußen. Verein zur Geschichte und Kultur» gegründet. Das Ziel des Vereins ist die Pflege und Bewahrung der Kultur der Juden in Ostpreussen. Gegenwärtig wird eine Ausstellung zur Geschichte der Juden im ehemaligen Tilsit geplant, die im nächsten Jahr im Stadtmuseum des heutigen Sovetsk gezeigt werden soll. Dafür werden auch noch Dokumente und Photos gesucht.

Ruth Leiserowitz

«Jüdische Zeitung», Dezember 2007