Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() «Ein Loch im Herzen des jüdischen Volks wurde geschlossen»Köln: Tora-Einbringung am 9. November im Zeichen des Dialogs
Kein Laut in der vollbesetzten Synagoge Roonstraße, bis Kantor Chaim Adler seine Stimme erhob. In feierlichem Zug wurde der Sefer Tora durch den Mittelgang zum Podium getragen. Israels sefardischer Oberrabiner, Schlomo Moshe Amar, der zusammen mit dem aschkenasischen Oberrabiner Yona Metzger eigens an den Rhein gekommen war, nahm aus der Hand des Kölner Erzbischofs Joachim Kardinal Meisner den Tora-Schmuck entgegen. Dann hob Gemeindevorstand Ronald Graetz die Schriftrolle in den Aron Hakodesch ein: Höhepunkt des diesjährigen Gedenkens der Kölner Synagogengemeinde an die Reichs-Pogromnacht, das zugleich - meisterlich inszeniert - der Einbringung der für den Gottesdienst geretteten Torarolle gewidmet war. Die ungewöhnliche Heimkehr hatte ein lebhaftes Echo ausgelöst. Erstmals besuchten beide Oberrabiner aus Israel die Kölner Gemeinde. Die Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, nahm teil, ebenso Ministerpräsident Jürgen Rüttgers. Für die Gemeindemitglieder war die Einladung ein Fest. Sheny Mermelstein, seit 40 Jahren in der Synagogengemeinde zu Hause, freute sich über die «lebendige Tradition», die für sie wichtig sei. Für Bella Liebermann, vor zwölf Jahren aus Moldawien zugewandert, war die Rückkehr der einst geschändeten Schriftrolle ein klares Zeichen: «Wir Juden sind nicht mehr am Rand der Gesellschaft.» Und Miguel Freund, ehemaliges Vorstandsmitglied, empfand, was auch in manchen Reden anklang: «Diese Veranstaltung macht deutlich, dass Hitler es nicht geschafft hat, das Judentum zu vernichten. Die Juden sind in Deutschland präsent.» Gefeiert wurde doppelte Symbolik in christlich-jüdischer Beziehung. Die Schriftrolle aus dem Jahr 1902 stammt aus der Synagoge Glockengasse, geweiht 1861, einem europaweit berühmten Prachtbau des damaligen Dombaumeisters Ernst Friedrich Zwirner. Nach totaler Verwüstung im Innern zerstörte der Bombenkrieg auch die Außenmauern. In der Nacht zum 10. November, als eine johlende Menge das in Brand gesetzte Gotteshaus umstand, hat Domprälat Gustav Meinertz den schon beschädigten Schatz aus dem brennenden Bau herausgeholt und bei sich versteckt. 1945 übergab er die Tora der neu entstehenden Synagogengemeinde. Um das Andenken an den katholischen Geistlichen hochzuhalten, wurde die Rolle nicht beerdigt, sondern ausgestellt: in der kleinen Judaica-Sammlung im Eingangsbereich der wiederhergestellten Synagoge Roonstraße, der früheren liberalen Hauptsynagoge von Köln. Dort wäre sie noch immer, wenn nicht eine Überprüfung aller Tora-Rollen im Zuge des Papstbesuches 2005 ergeben hätte, dass die historische Schrift mit heutigen Methoden restauriert werden könnte. Die minutiöse Reparatur des Pergaments und seiner Buchstaben übernahm das Jerusalemer Spezial-Institut Machon Ot, die Kosten in Höhe von 12.000 Euro das Erzbistum Köln. So wurde die wohl älteste erhaltene deutsche Tora wieder koscher. Der Kardinal durfte sich denn auch in allseitigem Lob sonnen. Mut in der Nazizeit und Großzügigkeit heute: Das Verhältnis zwischen katholischer Kirche und jüdischer Gemeinde schien beinahe ungetrübt. «Wenn unser Urvater Abraham uns hier sähe», wandte sich Yona Metzger an Joachim Meisner, «dann würde er Sie anlächeln.» Und der Kardinal revanchierte sich mit einer einfühlsamen Ansprache, die vergessen ließ, wie dieser Kirchenmann in oft unsensibler Weise NS-Schrecken an die Wand der Jetzt-Zeit malt. Meisner pries die Gesetzestreue der Juden und bezeugte Respekt vor dem «innigen Umgang» mit der Tora, der Liebe zum «Gotteswort im Menschenwort». Aus dieser Liebe zum Gotteswort habe auch Prälat Meinertz gehandelt. «Wären doch nur mehr so tapfer gewesen in Kirche und Gesellschaft!» Außer dieser allgemeinen Klage kam kein Wort zu den Verirrungen des Christentums, die gerade im katholisch geprägten Köln Jahrhunderte hindurch zu tödlicher Judenfeindschaft geführt haben. Auch Abraham Lehrer, der das 105-jährige Schicksal der geretteten Schriftrolle Revue passieren ließ, bedachte die Vergangenheit mit nur einem kritischen Satz: «Im Gegensatz zu Prälat Meinertz verhielt sich die offizielle Kirche nicht heldenhaft.» Dem Gemeindevorstand ging es vor allem um zukünftige Perspektiven für die katholisch-jüdische Verständigung. Auf den Punkt brachte die spannungsreiche Geschichte schließlich der Gemeinderabbiner. Netanel Teitelbaum erzählte in einer schlichten Fabel von Verletzung und Reue, von Gewalt und neuem Anfang. Die Tora-Rolle habe ihren Sitz im Herz des jüdischen Volkes. Diese geistig-seelische Bedeutung für das lebendige Judentum wurde von jüdischer Seite mehrfach betont. So sagte Charlotte Knobloch, die Tora-Rolle enthalte die universelle Ethik für alle Generationen und das Liebesgebot als verpflichtende Würde jedes Menschen, ohne dessen Beachtung es keinen Rechtsstaat gäbe. Schmuel Moshe Amar verglich die den Flammen preisgegebene Tora-Rolle mit trockenem Gebein. Gott habe den Propheten Hesekiel gefragt, ob solch trockenes Gebein wieder lebendig werden könnte? Die Tat der Rettung, die das Gebein wieder zu Leben kommen ließ, werde nicht vergessen. Aber das Maß der Sünde bestimme das Maß der Reue. Beide Oberrabiner mahnten die deutsche Regierung, gegen die anti-israelische Politik des Iran entschieden aufzutreten. In der Fabel von Rabbiner Teitelbaum bezwingt ein Junge seine Wutausbrüche, indem er auf Rat seines Vaters, statt wütend zu werden, einen Nagel in eine Holztür schlägt. Als er die Wut besiegt hatte, zog er Nagel für Nagel aus dem Holz heraus. Die Löcher blieben. «Am 9. November wurden 15.000 Tora-Rollen verbrannt. 15.000 Nägel wurden in dieser Nacht in die Herzen des jüdischen Volkes geschlagen. Eines dieser Löcher haben wir heute geschlossen.»
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