Kein Dialog ins Leere

Vom Bruch und der Erneuerung religiöser Traditionen in Polen

 

Foto:Schell

«Ist Polen nun ein großer jüdischer Friedhof - oder nicht?» So kann man meine Ausgangsfrage zusammenfassen, die für mich das Hauptmotiv bildete, mich zu einer Studienreise der Universität Potsdam anzumelden. Die einwöchige Exkursion im Oktober stand unter der Überschrift «Interruption and Renewal of Religious Traditions» und wurde zum dritten Mal durch Rabbiner Michael Signer, Professor an der Universität Notre Dame in South Bend, Indiana, den deutschen Theologen Hanspeter Heinz (Universität Augsburg), Heinz Günther Schöttler (Universität Bamberg), Hans Hafner (Universität Potsdam) sowie durch Rabbiner Yoki Amir, Professor am Hebrew Union College in Jerusalem, organisiert. Vor Ort wurde der Kreis der Organisatoren noch durch Slawomir J. Zurek von der Katholischen Universität in Lublin ergänzt. Die teilnehmenden Studenten kamen entsprechend aus den

USA, Deutschland, Israel und Polen.

Zielsetzung der Veranstalter war ein interreligiöser und ainterkultureller Dialog auf akademischem Niveau, der allein schon in der Zusammensetzung unserer Potsdamer Gruppe einen interessanten Ausgangspunkt fand: Wir ergänzten den Teilnehmerkreis um vier protestantische und einen katholischen Christen, zwei Atheisten sowie mit mir auch um den einzigen jüdisch-deutschen Teilnehmer. Heiner Olmer, der Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde Bamberg, nahm zudem als Gast der Studiengruppe an einigen Programmpunkten unserer Reise teil. Der Blick in die Agende ließ bereits zu Beginn der Reise erkennen, dass der Dialog und die thematischen Betrachtungen vor Ort sich schwerpunktmäßig am jüdischen Leben vor, während und nach der Schoa orientieren sollte. Die Möglichkeiten, auch christliche Traditionen in Polen wie etwa die der uniierten oder orthodoxen Kirchen zu untersuchen oder sich mit dem Abbrechen religiöser Traditionen in Ostdeutschland auseinander zu setzten, waren nur vereinzelt gegeben. Es war das große Interesse der polnischen Gastgeber, das dazu führte, dass die Darstellung der Wiederbelebung jüdischen Lebens in Lublin, oder besser die entsprechenden Wiederbelebungsversuche, in den Vordergrund traten. Mich persönlich beeindruckten dabei die herausragenden Aktivitäten des Grodzka-Gate-Ensembles, das in seinem kleinen Museum anhand von Bildern und Zeitzeugenberichten das jüdische Lublin dokumentiert und durch die Markierung von Orten und Plätzen im öffentlichen Raum auch jüdische Spuren in der Stadt sichtbar macht (www.tnn.lublin.pl). Kritisch betrachtet fiel dabei aber auf, dass diese Bemühungen fast ohne alle jüdische Beteiligung durchgeführt werden und somit eine dringend gebotene Kontrollinstanz fehlt: Den Machern des Ensembles scheint nämlich ab und an die notwendige Distanz abhanden gekommen zu sein. Vielleicht wäre es redlicher, in den vielen Klezmer-Konzerten nicht eine Darstellung rein jüdischer Traditionen zu sehen, sondern die Wiederbelebung eines gemeinsamen polnischen Erbes. So oder so, die Gefahr, dass vermeintlich Jüdisches unkritisch übernommen wird und am Ende sogar junge polnische jüdische Gemeinden der Möglichkeit beraubt sind, Eigenes aufzubauen, besteht und macht eine kritische Betrachtung von Aktivitäten wie etwa den inszenierten Pessach-Feiern nötig.

Ein einschneidendes Erlebnis, sowohl für mich selbst als auch für den Verlauf der gesamten Studienreise, war die Fahrt nach Majdanek, einem Vorort von Lublin. Konnte man in un bei Lublin selbst noch Spuren jüdischen Lebens vorfinden, wie zum Beispiel auf dem alten jüdischen Friedhof von Kazimierz Dolny, so steht Majdanek für die unbarmherzige Zerstörung sowohl der alten Spuren als auch der von mir zunächst noch gehegten Hoffnung auf ein Überdauern jüdischen Lebens. Angesichts der Asche der Toten und der von mir erlebten großen Stille am Ort der Vernichtung fiel es mir anschließend schwer, wieder einen ernsthaften Dialog aufzunehmen. Geholfen hat mir bei der Überwindung meiner Verzweiflung der Erfahrungsschatz der teilnehmenden Rabbiner; sie haben mir mit ihren Erfahrungen auch geholfen, mit der Trauer der nichtjüdischen Teilnehmer umzugehen. Vielleicht lag der Schwerpunkt der restlichen Tage darin, hier ein neues Gleichgewicht zu finden und aus der Trauer heraus eine Verantwortung für die Zukunft zu formulieren. Aus diesem Bewusstsein heraus gelang es, an einen Dialog anzuknüpfen, der nicht ins Leere läuft.

Zusammenfassend möchte ich festhalten, dass der Dialog bei weitem den Schwerpunkt dieser Studien- und Begegnungswoche bildete. Ich bin mit vielen Antworten auf Fragen nach Berlin zurückgekommen, und mit noch viel mehr offenen Fragestellungen. Meine Frage, ob Polen nun ein jüdischer Friedhof im Gesamten ist, kann und muss ich verneinen. Alleine der Umstand, dass es heute in Polen Jüdinnen und Juden gibt, die sich aktiv um einen Neuaufbau jüdischer Gemeinden bemühen, lässt keine andere Antwort zu.

Im Zusammenhang der jüdischen Tradition in Polen mag ich aber nicht von «Renewal» sprechen, auch wenn sich viele sehr wohlmeinende Menschen dies wünschen. Statt der meist übertrieben erscheinenden Wiederbelebungsversuche, die ich persönlich auch im Angesicht der Millionen Toten für unwürdig halte, muss und darf man die zerstörte Vergangenheit betrauern und ihr einen würdevollen Platz in der Geschichte einräumen, auch wenn das wehtut. Ich glaube, dass durch diesen Umgang die notwendige Kraft für den Aufbau des neuen jüdischen Lebens zusammen kommen wird. Nach meiner Reise kann ich für mich sagen, dass ich einen neuen Zugang zu Polen gefunden habe.

Adrian M. Schell

«Jüdische Zeitung», Dezember 2007