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Täuschung und Sidra Wajeschew Sonnabend, den 01. Dezember 2007 den 21. Kislew 5768 Toralesung: Gen 37:1-40:23 Haftara: Amos 2:6-3:8
Warum wurde die Tamar-Gcschichte (Gen 38:1-30) in den Jaakow-Josef-Erzählkranz hineingenommen? Und warum ist sie derart detailgetreu erzählt? Der intrigante Charakter des Ereignisses mag dazu beigetragen haben, doch der Hauptgrund ist nicht in den historischen, literarischen oder erzählerischen Elementen, sondern in den Hauptfiguren zu suchen: Es geht um Tamar und Jehuda. Jehuda ist derjenige, der letzten Endes für Israel stehen wird. Aus der Verbindung des Stammesvorfahren mit seiner Schwiegertochter entstand Perez; von ihm werden David und seine Dynastie abstammen. Die Tamar-Geschichte wurde dadurch zu einem wichtigen Bestandteil der Daviderzählung, genauso wie das später entstandene Buch Ruth. Wir erfahren, dass Ruth und Boas die Vorfahren des Königs waren und dass Boas seine Geschlechtsfolge auf Perez, den Sohn von Tamar und Jehuda, zurückführte (Ruth 4:12-22). Beide Berichte zusammen betonen, dass König David aus einer fremden, nicht-einheimischen Linie abstammte: Tamar und Ruth waren beide Nicht-Israelitinnen, beide waren Witwen und beide erhoben Anspruch auf einen Sohn durch eine Leviratsehe. David entstammte also einer selten vorkommenden Verbindung. Nach den Schicksalsschlägen ihres Lebens schien es, als würden Tamar und Ruth kinderlos bleiben, doch Gott wendete in seiner Weisheit ihr Geschick nach seinem eigenen Plan. Das Jehuda-Tamar-Zwischenspiel ist deshalb nicht nur eine alte Stammeserzählung, sondern eine wichtige Verbindungslinie innerhalb des Hauptthemas: die stetige, wenngleich auch nicht stets sichtbare Hand Gottes zu zeigen, der sein Volk und dessen Geschick nie vergisst. In dieser Geschichte ist Tamar Gottes seltsames Werkzeug. Sie ist Kanaanäerin, eine Angehörige jenes Volkes, vor dem Awraham gewarnt hatte und das die Israeliten später ersetzen werden. Tamar wird respektvoll behandelt. Die Tora verurteilt nirgends ihren Verzweiflungsakt. Was sie tat, entsprach den Bestimmungen des hebräischen Rechts und der höheren Absicht Gottes.Die Jehudageschichte ist kunstvoll in die Josefgeschichte eingeflochten. In Gottes Plan zählt das Erstgeburtsrecht an sich nichts. Selbst durch die Sprache des Textes wird deutlich, dass Gott Jehuda letztlich erst dann erwählte, nachdem er (wie Jaakow) erlebte, dass der Täuschende selbst getäuscht wird. Es sei auf die Schlüsselbegriffe «haker-na», «untersuchen» (Vers 25), und «wajaker», «erkennen» (Vers 26) hingewiesen. Dieselben Worte finden sich an der Stelle, die davon zählt, dass Jaakow von seinen Söhnen getäuscht wurde (37:32-33). «Diese Worte wurden beim ersten Mal für eine Täuschung verwendet, beim zweiten Mal für eine Entlarvung. Die Geschichte über Jehuda und Tamar nach der Geschichte über Jehuda und seine Brüder ist eine beispielhafte Erzählung dramatischer Umkehrung. Da es Jehuda war, der den Vorschlag machte, Josef nicht zu töten, sondern in die Sklaverei zu verkaufen, ist es gut vorstellbar, dass er der Anführer der Brüder war, die ihrem Vater die fiktive Geschichte über Josefs Tod erzählten. Nun wird Jehuda (als Stellvertreter seiner Brüder) einem bizarren, aber besonders passenden Prinzip der Vergeltung unterworfen, das durch ein Kleidungsstück eingeleitet wird - genau bei seinem Vater, der an seinem eigenen, aufsässigen Fleisch gelernt hatte, dass der von Gott geplante Ablauf der Erwählung nicht durch menschlichen Willen oder soziale Konvention geändert werden kann. Durch einen literarischen Kunstgriff stellt der Erzähler anhand der Symbole seiner rechtlichen Gewalt dar, die als Pfand für ein Böckchen gegeben wurden {«gedi izim»), ähnlich wie zuvor Jaakow durch ein Kleidungsstück hintergangen wurde, das Zeichen seiner Liebe zu Josef, das in das Blut einer Ziege («se-ir-izim») getaucht worden war. Wenn dann im nächsten Kapitel die Josefgeschichte wieder aufgegriffen wird (Kapitel 39), bleiben wir im scharfen Kontrast einer Niederlage wegen sexueller Unbeherrschtheit und einer Erzählung des Triumphes durch sexuelle Enthaltsamkeit - Josef und Potifars Frau.
Ein Mann im Konflikt Sidra Mikze Sonnabend, den 08. Dezember 2007 den 28. Kislew 5768 Toralesung: Gen 41:1-44:17 Haftara: 1. Melachim 3:15-4:1
Alte Traditionen, die versuchen, Josef als einen durchgängig noblen Charakter zu zeichnen, werden dem Text und seiner literarischen Kunst nicht gerecht. Dreizehn Jahre als Sklave gelebt zu haben, - wenn auch als ein priviligierter, - haben ihre Spuren bei dem jungen Mann hinterlassen. Er war der Liebling seines Vaters, ein verwöhntes Kind, das seine Familie mit seinen ehrgeizigen Träumen beeindruckte. Doch die traumatische Erfahrung eines nahen Todes und der anschließende Verkauf in die Sklaverei änderten ihn grundlegend. Fort waren das verzierte Obergewand und mit ihm die leichtfertige Arroganz. Bitterkeit über sein Los, gefolgt von einer kurzen Zeit des Erfolgs, dann die Versuchung und seine Inhaftierung mit ihren vielen einsamen Stunden - all dies lässt in Josefein Kräftepotential entstehen. Der begabte Sohn Jaakows lernt Demut, und damit entwickeln sich die grundlegenden Qualitäten einer religiösen Einstellung. Josef war der erste Hebräer, der sozusagen in der Disapora («galut») lebte. Er wurde durch und durch assimiliert, übernahm die Bräuche seiner Umgebung, änderte seinen Namen, trug ägyptische Kleidung, schwor beim Namen des Pharao (Gen 42:15) und heiratete eine ägyptische Frau.In Potifars Haus und im Gefängnis war er noch «der Hebräer»; als ägyptischer Beamter wird er vollständig ägyptisch. Er beginnt ein neues Leben, das von Einfluss und Macht geprägt ist, und die Vergangenheit scheint er hinter sich gelassen zu haben. Seinen Erstgeborenen nannte er folglich «Menasche», denn «Gott hat mich vergessen lassen all mein Unglück und das ganze Haus meines Vaters» (Gen 41:51). Das Vergessen war natürlich nur die Oberfläche seiner alltäglichen Existenz. Seine Vergangenheit würde und konnte nicht verschwinden. Es wäre geradezu übermenschlich, wenn er nicht daran gedacht hätte, eines Tages seine Brüder von seiner hohen Position in Kenntnis zu setzten, sie zu beschämen und ihren Neid zu wecken. Doch warum suchte er keinen Kontakt zu seinem Vater? Warum stellte er - etwa durch die Untergebenen des Pharao in Kanaan, - keinerlei Nachforschungen darüber an, ob sein Vater Jaakow noch am Leben sei und wie es ihm ging? Dieses Versäumnis weist auf das schwer angespannte Verhältnis zwischen Sohn und Vater. Jaakow hat Rachels erstgeborenen Sohn zweifellos mit einer strengen und Besitz ergreifenden Liebe geliebt. Er sah in Josef (wie später in Binjamin) einen Ersatz für Rachel, seine gestorbene Gattin. Es ist insgesamt möglich, dass das verzierte Obergewand dazu gedient haben könnte, den jungen Josef zu feminisieren, und interessanterweise habe er einem Midrasch nach (Genesis Rabba 84:7)seine Haare gelockt und seine Augenbrauen gefärbt.. Als Jugendlicher muss er eine tiefe Agonie in dieser intensiven Beziehung empfunden haben, und als er von seinem Vater getrennt wurde, war es offensichtlich leichter für ihn, seine Erinnerungen an ihn zu unterdrückten, anstatt sich als gereifter Erwachsener mit ihnen auseinanderzusetzen. Die Wende kommt mit dem plötzlichen Erscheinen seiner Brüder. Zuerst und verständlicherweise denkt Josef an Rache, doch als er sie von seiner neuen und erhöhten Position sah, erkannte er in ihnen - vielleicht zum ersten Mal in seinem Leben - menschliche Wesen in ihrer Hilfsbedürftigkeit und Brüder. Und jetzt muss er unvermeidlich an seinen Vater denken. Literarisch geschickt wird hier eine Verzögert eingeführt, die die Spannung steigert und Josefs eigenen inneren Konflikt reflektiert. Er will noch immer Rache, mehr als er Liebe sucht, und so fährt er fort, den aggressivsten seiner Brüder zu inhaftieren und seinen Vater der schwersten Prüfung auszusetzen: neuen Rachel-Ersatz aufzugeben, den geliebten Binjamin. Erst anschließend wird der letzte Akt der Handlung beginnen, erst dann, als Josef seine vollen Möglichkeiten erreicht hat und fähig ist zu sagen: «Ich bin Josef» und «Mein Vater, lebt er noch?» (Gen 45:3).
Politische Moral Sidra Wajigasch Sonnabend, den 15. Dezember 2007 den 6. Tewet 5768 Toralesung: Gen 44:18-47:27 Haftara: Jechezkiel 37:15-28
Wegen des vorsichtigen und sachlichen Berichts der Entrechtung des ägyptisch Volkes und der offensichtlichen Anerkennung von Josefs Rolle darin wurde dieses Stück zu einem «Musterbeispiel der antisemitischen Polemik» (G. vom Rad). Hier die Bibel, so hieß es beispielsweise bei Hermann Gunkel, das heilige Buch des Judentums, und nun schau auf die Moral, die sie durch ihre Erhöhung von Josef offenkundig billigt. Um ein angemessenes Verständnis der Geschichte zu erreichen, müssen wir sie uns im Kontext anschauen. Hungersnot und Depression gefährden jedes Regime, und man kann davon ausgehen, dass die Herrscher jener Zeit, seien es die Hyksos oder andere gewesen, wahrscheinlich den größten Widerstand gegen ihre Politik in der Aristokratie und der örtlichen Beamtenschaft fanden. Die Anleihen der Regierung, von der die Geschichte spricht, wurden vermutlich vorrangig bei diesen Gruppen gemacht. Als die Hungersnot andauerte und die Herrscher ihre Pfründe einforderten, ruinierten sie ihre Hauptschuldner und Antagonisten. Der Pharao tat dies mit Hilfe eines Kaders zivilen Angestellten, die von außerhalb eingeführt worden waren. Die mächtigen Priester blieben offenkundig unberührt. Die ökonomischen und politischen Änderungen jener Zeit waren Teil der komplexen ökonomischen politischen Entwicklung des Landes. «Dass ihnen in der Joseferzählung Glauben geschenkt werden sollte, ist fester Bestandteil seines idealisierten Geschichtsbildes. Das pharaonische Ägypten folgte seiner eigenen Dynamik, unabhängig von antiken Besuchern oder modernen Moralisierern» (Speiser, Genesis, S. 353). Es ist daher wenig hilfreich, der Geschichte die sozialen und politischen Moralvorstellungen des 20 überzustülpen. Josef diente dem Pharao in seinem Kampf mit der ägyptischen Hierarchie. Indem er dies tat, bewahrte er die Masse vor der Hungersnot, und offensichtlich war ihnen hierfür jeder Preis recht, einschließlich der Hypothek auf ihre Freiheit. Es wäre durchaus möglich, dass sie sich ohnehin wenig Sorgen um ihre Freiheit machten. Die jüdische Tradition erwog vor langer Zeit, dass Josefs Handlungen nicht den gleichen Erfolg gehabt hätten, wenn die Ägypter ihre Freiheit höher geschätzt hätten. Die Bibel nennt Ägypten das «Haus der Knechtschaft», nicht nur, weil Israel dort versklavt wurde, sondern ebenso, weil sein Volk die Knechtschaft die Knechtschaft als einen normalen Lebensumstand hinnahm. Doch dass Josef daran beteiligt war, diese Bedingungen zu schaffen, ließ spätere Generationen mit einem Gefühl des Unbehagens zurück, ein Zug, der in der Art und Weise zu finden ist, in der das ägyptische Volk in der biblischen Literatur behandelt wird. Ägypten wurde nie ein pejorativer Begriff wie Moab oder Edom. Man kann sogar ein gewisses Gefühl der Verwandtschaft mit Ägypten entdecken, ein Gefühl, das Jesaja am deutlichsten ausspricht (Jes 19:25), der Gott in einer Vision sagen hört: «Ägypten, mein Volk».
Jaakows Testament Sidra Wajechi Sonnabend, den 22. Dezember 2007 den 13. Tewet 5768 Toralesung: Gen 47:28-50.26 Haftara: 1. Melachim 2:1-12
Jaalows letzte Worte an seine Söhne (49:1-27) sind eine Mischung aus Parabel, Segen, Fluch und Warnung, aus psychologischer Wertung, aus Gleichnis Erinnerung und Hoffnung. Sie werden in poetischer Form dargeboten, und wie in der Poesie häufig, ist die Bedeutung nicht immer offenkundig. Betrachtet man Jaakows Testament als ein Bild der Israeliten zur Zeit der Richter, was in der Wissenschaft in der Regel angenommen wird, so sieht man zwölf Stämme, die so verschieden voneinander sind, wie zwölf Söhne es sein können. Ihre Temperamente sind sehr unterschiedlich, sie reichen von dem kriegerischen Binjamin zu dem nach Sicherheit strebenden Jissaschar, von dem moralisch nicht gefestigten Re'uwen zu dem selbstbeherrschten Josef, von der gewaltliebenden Natur eines Schim'on und Levi zum dem ruhigen Urteil eines Jehuda. Es ist offenkundig, dass die Stämme noch immer im Prozess ihrer Festigung sind, und es ist gleichermaßen beachtenswert, dass sie scheinbar nur einen geringen Zusammenhang haben. Was sie vereint, sind keine politischen Ziele oder ihre Identität. Wenn sie irgendetwas verbindet, dann ist das ihr Glaube an gemeinsame Vorfahren und ihre Erinnerung an einen alten Bund. Wir würden dem Gedicht jedoch nicht gerecht werden, wenn wir es nur als Charakteristik der zwölf Stämme zu einem gewissen Zeitpunkt der späteren Geschichte lesen würden. Das Gedicht dient ebenso als ein Höhepunkt des Buches Genesis und als Ausdruck seines alles prägenden Ziels. Denn das Buch verfolgt ein grundlegendes Thema: Gott ist der Schöpfer und Herrscher der Welt und hat eine besondere Liebe zu Awraham und Sara und ihren Nachkommen. Das Buch kommt nun zu einem Ende und die nächste Epoche der Geschichte beginnt. Das Testament kann als Brücke zwischen Vergangenheit und Zukunft gesehen werden, und beide werden durch Jaakows Sichtweise zusammengehalten. Jaakows Leben war kein glückliches, und seine Enttäuschung über seine drei ältesten Söhne kann er nicht zurückhalten. Doch jetzt, wo der Tod naherückt, erscheint eine bessere Zukunft vor seinem inneren Auge. Diese Zukunft bindet sich an Jehuda und Josef, und diese beiden spricht Jaakow direkt an (mit Ausnahme von Re'uwen redet er über die anderen nur indirekt). Josef konnte sich stets der tiefen Zuneigung seines Vater sicher sein, dessen wohltuende Worte Lob und Segen aussprechen und eine zutreffende Zusammenfassung des Lebens seines berühmten Sohnes bilde Eigentlich im Zentrum steht jedoch Jehuda. Durch ihn werden Gottes geheimnisvolle Pläne verwirklicht werden. Als das Gedicht sich Jehuda zuwendet, wendet es sich entschlossen der Zukunft zu. Wahrscheinlich spricht es in dem rätselhaften Schilo-Abschnitt nicht vom Ende der Zeit, dennoch ragt es in die künftig Tage hinein. Zu welcher Zeit auch immer diese Strophen gedichtet worden sind, sie schauen in prophetischem Sinn nach vorn, und im Licht der Geschichte erwies sich die Prophetie als bemerkenswert genau. Es war der Stamm Jehuda, der die Zerstörung und Deportation durch die Babylonier (587 v.d.Z.) überlebte und der die Kontinuität der Kinder Jisraels gewährleistete. Von Jehuda ist der Name der Jüdinnen und Juden abgeleitet. Das Buch Genesis schließt also mit einer Vision, zu den «ewigen Hügeln» (Gen 49:26) blickt. Vielleicht waren die Worte des Verses 18, die jetzt die Mitte des Testaments bilden, ursprünglich der Schlusssatz. Gedichts und eine Art Zusammenfassung: «Ich warte auf deine Erlösung, o Gott!»
Die Vision und Sidra Schemot Sonnabend, den 29. Dezember 2007 den 20. Tewet 5768 Toralesung: Ex 1:1-6:1 Haftara: Jeschajahu 27:6-28:13
Gottes Offenbarung im Dornbusch ist nach menschlichem Ermessen eine Vision des Mosche. Er und nur er erlebte sie. Er hörte eine Stimme, die er als Gottes Stimme erkannte. Die ist die Grundlage der Erzählung und die Botschaft, die er hört, ist ihr Zentrum. Alle Versuche, sein Erlebnis zu objektivieren, sind zweitrangig. Manche Ausleger zum beispiel erklären, Mosche habe bestimmte Kristalle gesehen, die sich auf Wüstenpflanzen bilden können, und ihr Leuchten im Abendlicht als ein rätselhaftes Feuer verstanden, das zu brennen schien, ohne den Busch zu verzehren. Solche Vermutungen bringen nichts. Wichtig ist, dass Mosche die Vision als göttlichen Ruf erlebte. Wer verneint, dass Gott sich an Menschen wenden kann, wird durch keine Erklärung vom Gegenteil überzeugt. Wer jedoch an einen Gott glaubt, der von Menschen gehört werden kann, wird den Bericht wohl als treffende Beschreibung einer Gottesbegegnung verstehen. Die Umstände sind wunderlich und rätselhaft und Mosche fürchtet sich. Die göttliche Selbstenthüllung offenbart einen Gott, der für den Menschen sorgt und ihn liebt, der seine Schwächen kennt und ihn dennoch schätzt. Es ist eine Beziehung, die auf göttlicher Liebe gründet, die frei gegeben wird und - zu diesem zeitpunkt - keine gegenseitige Verpflichtung voraussetzt. Die vielen Einwände, die Mosche erhebt, bevor er die Sendung annimmt, zeigen einen Mann, der sich seiner Aufgabe nicht gewachsen fühlt und außerdem Zweifel am Erfolg seiner Sendung hegt. Obwohl ihm nachdrücklich versichert wird, dass Israel auf seine Botschaft hören wird (3:18), äußert er Bedenken und erklärt (4:1): «Sie werden mir aber gewiss nicht glauben, auch meiner Stimme nicht Gehör schenken». Anders als Awraham, der sein Ausgesondert-Sein durch Gott nie in Frage stellte und niemals sein Wesen durch Fragen nach dem Namen zu ergründen versuchte, äußert Mosche offen seine Zweifel. Wie Jeremia leistet er Widerstand gegen Gottes Berufung. Wenig später bereut er es, dass er sich schließlich doch darauf eingelassen hatte (5:22). Raschi beschreibt ihn deshalb als einen Menschen, der wenig Glauben hat. Der Talmud sieht in seiner Antwort an Gott einen Grund dafür, dass er das Verheißene Land nicht betreten durfte. Doch Raschis Urteil ist zu einfach. Der Widerstand eines Propheten gegenüber dem göttlichen Auftrag ist ein kompliziertes Geflecht aus Glaube und Zweifel, Angst und einem Gefühl der eigenen Unzulänglichkeit. Die Bibel schildert ihre Helden nicht als Pappfiguren mit Heiligenschein, die der göttlichen Herausforderung ohne Fragen begegnen. (Awrahams offensichtliche Bereitschaft, seinen Sohn zu Opfern, bildet nicht zwingend eine Ausnahme, da er zu dieser Zeit zweifellos einen festen und unerschütterlichen Glauben erlangt hatte). Mosche am Dornbusch steht am Anfang seiner Gotterkenntnis. Während er mit Ehrfurcht und sogar Furcht erfüllt ist, bleibt er doch ganz er selbst und wahrt sich sein Recht, zunächst abzulehnen, dann zu zweifeln und zu fragen. Er wird nie seine Unabhängigkeit verlieren, auch später nicht, nachdem er längst zum Vertrauten seines Gottes geworden war. z
Die Kommentare von Rabbiner W. Gunther Plaut haben wir mit freundlicher Genehmigung des Gütersloher Verlagshauses den Bänden I und II von «Die Tora in jüdischer Auslegung», herausgegeben von W. Gunther Plaut
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