Aus der Folge "Stigma". Foto: ARD

Kein Sandalenfilm

Eine mehrteilige Fernsehdokumentation widmet sich der jüdischen Geschichte

 

Einen chronologischen Rundumschlag zur 3000-jährigen Geschichte des Judentums senden ARD und Arte ab Anfang März. Seit vielen Jahren eine erste Hochglanzdokumentation nach internationalen Standards emotional, opulent und dennoch seriös, so lobt das sendereigene Editorial zur Dokumentation. Kein Sandalenfilm also, obschon gleich zu Beginn des Trailers ein sandalenbeschuhter Fuß im Wüstensand zu sehen ist. Von der Idee des Monotheismus, vom Glanz und Elend der Juden, von ihren genialen Denkern, Künstlern und Wissenschaftlern erzählt der Film, so die Stimme aus dem Off und davon, wie es gelang, die jüdische Identität über Jahrhunderte zu bewahren.

Aufwand scheute man nicht. Die historische Dokumentation konzentriert sich nicht auf das trockene Filmen von Zeitzeugnissen, von Dokumenten etwa oder Bauten. Stattdessen erwecken Spielszenen das historische Geschehen zu neuem Leben. Vorreiter des «Enactment» ist der britische Sender BBC, dessen Dokumentation «Die Geschichte der Juden» Standards gesetzt haben mögen. Gedreht in Marokko, Tschechien und Deutschland sollen die Spielszenen wichtige historische Ereignisse, aber auch den Alltag der Juden in verschiedenen Epochen und Ländern darstellen. Durch den Computer generierte Bilder bewahren vor Star-Wars-Schnickschnack und Kostümschinkenoptik, so versprechen die Macher. Die Technik, verbunden mit Modellbau, lässt alte jüdische Viertel, prachtvolle Synagogen, antike Städte und legendäre Tempel auferstehen. Dazu spektakuläre Landschaftsaufnahmen, animierte Karten, Kamerafahrten im Zoom über die ausgerollte Tora, dazwischen kommen zeitgenössische Vertreter des Judentums wie auch Forscher zu Wort.

Die Serie beginnt mit dem Exodus unter Palmen, mit dem Weg ins gelobte Land. Sie handelt von legendären Königen, von der Entwicklung Jerusalems zum jüdischen Zentrum und vom Schreiben der Tora.

Es folgt die Gewaltherrschaft der Römer, der Beginn der Diaspora. Wie die Juden zum Volk ohne Land und gleichzeitig zum Volk der Schrift werden, zeigt der zweite Teil der Dokumentation: die ständige Abhängigkeit vom Willen der jeweiligen Machthaber und Bevölkerung, aber auch den Einfluss der Juden auf die jeweils andere Kultur.

Von den Kreuzzügen bis zur Reconquista auf der spanischen Halbinsel, vom Schicksal der Juden zwischen Islam und Christentum erzählt der dritte Teil und auch das vierte Kapitel beschäftigt sich mit dem dunklen Mittelalter: mit friedlicher Koexistenz und brutaler Vertreibung, mit Handelsbeziehungen, Wissenstransfer und zerstörerischem Has mit der Suche der sephardischen und aschkenasischen Juden nach einer neuen Heimat.

Zwischen Stetl und assimiliertem Großstadtjudentum spielt Teil fünf: vor Pogromen ziehen viele Juden ostwärts in Europa, andere hoffen sich durch Aufklärung, Emanzipation und Assimilierung in die bürgerliche Gesellschaft zu integrieren. Berlin und Amsterdam werden zu Zentren modernen jüdischen Lebens, der Zionismus entsteht, so auch der Antisemitismus.

Die Dokumentation schließt mit Vernichtung und Vertreibung. Teil sechs ist dem Holocaust und dem Exil gewidmet.

Über fünf Jahre wurde am Filmprojekt gearbeitet. «Dürfen sich Deutsche dieser Geschichte widmen» wurde zu Beginn häufig gefragt, so die Macher der mehrteiligen Dokumentation. Als Herausforderung hätten dies die beteiligten Sendeanstalten begriffen. Wissenschaftliche Beratung sicherten Professoren des Jewish Theological Seminary in New York und der Universität Wien. Der aktuelle Forschungsstand sei stets das Maß der Dinge gewesen, so der Sender, präsentiere die Dokumentation neueste Erkenntnisse zur jüdischen Geschichte, zum himmlischen Jerusalem etwa, zu den Hintergründen des Falls von Massada oder zum Fund eines jüdischen Schatzes in Erfurt.

Idee und Konzeption stammen von Uwe Kersken und Nina Koshofer, die in Zusammenarbeit mit Sabine Klauser auch Regie führte. Gesendet wird die Dokumentation ab dem 6. März als Schwerpunkt im Abendprogramm bei Arte und im Ersten ab dem 11. März über sechs Wochen am Sonntagnachmittag, familienfreundlich.

Nina Körner

«Jüdische Zeitung», März 2007