«Suchanow verkauft seine Seele»

von Olga Grushin

 

Buchcover

Totalitäre Regime tendieren dazu, der Bevölkerung in nahezu allen Belangen des täglichen Lebens kleingeistige Vorschriften zu machen. Nur wenn der Bürger Glück hat, dringen diese nicht bis in die tieferen Schichten seiner persönlichen Existenz. Was in politischer Hinsicht vielleicht noch legitim erscheinen mag, entwickelt sich zu einer unerträglichen, geradezu grotesken Situation, wenn die selbsternannte Elite auch in künstlerischen Fragen allen Ernstes meint, eine allgemein gültige Richtung vorgeben zu können. Die talentierte junge amerikanische Autorin Olga Grushin hat aus diesem bedeutsamen Missverhältnis einen hellwachen, intellektuell erfrischenden und erstaunlich reifen Roman klassischen Zuschnitts geschaffen. Ihr in den USA und in Großbritannien gefeiertes literarisches Debüt «Suchanow verkauft seine Seele» ist ein Buch, das auf elegante Art und Weise tiefgründige kunstphilosophische Fragen aufwirft und den Leser gleichzeitig glänzend zu unterhalten versteht. Der titelgebende sowjetische Kunstkritiker Anatoli Suchanow, ein engstirniger, selbstgefälliger Mann Mitte Fünfzig, hat seine Seele schon vor langer Zeit verkauft, denn statt einen individuellen, künstlerisch verheißungsvollen Weg als Maler einzuschlagen, hat er in eine politisch einflussreiche Familie eingeheiratet und sich als unerbittlicher Zensor und ideologischer Kollaborateur dem Kampf gegen seine früheren Ideale verschrieben: dem beunruhigenden «Gespenst der westlichen Moderne». Während Mitte der 1980er Jahre Glasnost und Perestroika in der Sowjetunion eine Atmosphäre der Offenheit und Transparenz schaffen, entpuppt sich Suchanows wohleingerichtete bequeme Existenz jedoch zunehmend als Illusion. Besonders die zufällige Begegnung mit einem Jugendfreund, der seinen Weg als Künstler zwar erfolglos, aber immerhin konsequent weitergegangen ist, verunsichert den Kunstideologen zutiefst. Und auch der wertschätzende Artikel über Salvador Dalí, den die neue Parteiführung von ihm verlangt, will dem routinierten Kritiker nicht gelingen. Als sich selbst seine Familie immer mehr von ihm abwendet und er allnächtlich von Alpträumen gemartert wird, dämmert Suchanow, dass er sich seiner Vergangenheit stellen muss. Olga Grushin ist ein hochintelligenter Schlüsselroman über die Lage der Kunst in der Sowjetunion gelungen, dem auch in Deutschland eine große Leserschaft zu wünschen ist.

                                                                                                       Florian Hunger
 

«Suchanow verkauft seine Seele»,
aus dem Amerikanischen von Elfi Hartenstein,
erschienen bei Claassen, 381 Seiten, € 19,90

 

«Jüdische Zeitung», Dezember 2007