Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() «Sweet and Low»von Rich Cohen
Wer die von Werbedesign und Zeitschriftenlayout beeinflussten vermeintlichen stilistischen Innovationen eines Jonathan Safran Foer oder seiner Frau Nicole Krauss schätzt, wird Rich Cohens neuen Roman «Sweet and Low» aufschlagen und von der als Prolog fungierenden Zeitungsmeldung über den Tod des Familienoberhaupts einer erfolgreichen jüdischen Fabrikantendynastie in Brooklyn sogleich begeistert sein, ohne zu wissen, dass es sich hier nicht um eine Spielerei des Autors handelt, sondern um den authentischen Auftakt zu dessen tatsächlicher aberwitziger Familiengeschichte, letztlich ebenso real wie die zahlreichen ins Buch eingestreuten Fotos aus Cohens Familienalbum. Dessen Großvater Benjamin Eisenstadt hatte einst den Grundstein zum Wohlstand der Familie gelegt, als er in den 1950er Jahren die zukunftsweisende Idee hatte, einen zucker- und nahezu kalorienfreien Süßstoff zu erfinden, den heute noch jedes Kind in den USA unter dem Namen «Sweet'n' Low» kennt. Rich Cohen, geboren 1968, ist Journalist für den Rolling Stone, Drehbuchautor (u.a. für Martin Scorsese) und Romancier und tut mit seinem mittlerweile vierten Roman im Grunde nichts anderes, als - bildlich gesprochen - einen riesigen Haufen schmutziger Wäsche seiner Familie vor dem von soviel Unverfrorenheit teils ent-, größtenteils aber begeisterten Leser auszubreiten. Dabei muss sich der Autor vor Konsequenzen nicht fürchten, denn enterbt ist er aus vollkommen absurden Gründen seit langem, warum also nicht einen späten plausiblen Grund in Form dieses Romans nachliefern, mag sich Cohen wohl still gedacht haben, als er daranging die Geschichte seiner Familie über drei Generationen zu erzählen. Obwohl seine hohen Ambitionen zuweilen ein bisschen mit ihm durchgehen etwa wenn er nebenbei noch versucht, eine vollständige Kulturgeschichte des Zuckers oder die Geschichte der Sklaverei auf Haiti zu erzählen, ist dem Autor ein äußerst unterhaltsamer, witziger und erfrischender Familienroman gelungen, der beweist, dass die unglaublichsten Geschichten immer noch das Leben selbst schreibt. Florian Hunger «Sweet and Low», aus dem Amerikanischen von Nora Lachmann, erschienen bei S. Fischer, 368 Seiten, € 19,90 |