Dezember 2007

von Tanja Mohlala und Friederike Neubert

 

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1. Dezember 1910

Louis Slotin

Louis Slotin wurde als ältestes Kind von Israel und Sonia Slotin, zweier russischer Immi-granten, in der Hauptstadt Winnipeg der kanadischen Provinz Manitoba geboren. 1936 promovierte er am Londoner King's College in Physikalischer Chemie, nachdem er sein Studium an der Universität Manitoba absolviert hatte. Seine kanadischen Freunde erzählte Slotin, er hätte statt zu promovieren im Spanischen Bürgerkrieg der britischen Luftwaffe gedient. 1937 trat er zunächst eine Anstellung an der Universität von Chicago an. Ende des Jahres 1942 wurde der erste von Menschen gebaute Nuklearreaktor, «Chicago Pile-1», von einem Forscherkreis um Enrico Fermi entwickelt und in Betrieb genommen. Slotin gehörte zu diesem Kreis. Weiterhin stellte ihn William D. Harkins von der Universität Chicago an, um am so genannten «Manhattan Project» teilzunehmen. Bei diesem Projekt sollte nach Erforschung der Spaltung von Uran 235 und Uran 238, der Herstellung von Plutonium und der Durchführbarkeit von Kernexplosionen die erste Atomwaffe entwickelt werden. Im Dezember 1944 wurde das Projekt in Los Alamos in New Mexico fortgeführt. Slotin folgte der Gruppe von Physikern um R.F. Bacher, um an der weiteren und schließlich erfolgeichen Entwicklung der Atombombe mitzuarbeiten. Seine Aufgabe bestand darin, Experimente an Uranium und Plutoniumkernen durchzuführen. Diese kritischen Tests während der Entwicklung von nuklearem Material waren oft mit einem hohen Risiko verbunden. Doch nicht alle Wissenschaftler sahen in dieser gefährlichen Arbeit tatsächlich auch eine Gefahr für ihr Leben. Am 21. August 1945 explodierte schließlich ein 6,2 Kilo schwerer Plutoniumkern. Der Wissenschaftler Harry Daghlian starb an den Folgen der freigesetzten Strahlung. Slotin setzte seine Arbeit am «Manhattan Project» dennoch fort. Im darauffolgenden Jahr bekam er die US-amerikanische Staatsbürgerschaft verliehen. Am 21. Mai 1946 passierte auch bei einem Experiment, an dem Slotin teilnahm, ein Unfall. Offiziell galt er durch geistesgegenwärtiges Handeln als der Mann, der sich opferte, um weitreichendere Gefahren für die anderen Mitarbeiter zu verhindern. Trotz sofortiger Behandlung starb Louis Slotin neun Tage später und wurde in seinem Geburtsort Winnipeg beigesetzt. Von den sieben am Unfall beteiligten Wissenschaftlern starben drei an Spätfolgen. Slotins Kollegen riefen ihm zu Ehren 1948 einen Fond für physikalische Studien ins Leben. Des Weiteren benannte man einen Asteroiden nach ihm, nämlich den «12423 Slotin».

 

3. Dezember 1892

Lola Landau

Lola - eigentlich Leonore - Landau entstammte einer großbürgerlich-assimilierten Berliner Familie. 1916 - als auch das gut behütete Elternhaus nicht von den unruhigen Zeiten um den Ersten Weltkrieg unberührt blieb - veröffentlichte sie mit «Schimmerndes Gelände» ihren ersten Gedichtband. Zu dieser Zeit war sie bereits in der Frauen- und Friedensbewegung engagiert, zugleich absolvierte sie eine Ausbildung zur Englischlehrerin. Nachdem sie diese abgeschlossen hatte, heiratete sie den Philosophen Siegfried Marck. Die junge Familie, bald durch zwei Söhne gesegnet, lebte in Breslau. Ihren mütterlichen Erfahrungen verlieh Lola Landau in ihrem zweiten Band «Das Lied der Mutter» (1919) Ausdruck. Bei einer Lesung lernte Landau den Schriftsteller Armin T. Wegner kennen, den sie nach einem langwierigen und schmerzhaften Ablösungsprozess von ihrem ersten Ehemann 1921 heiratete. Das Paar lebte mit den beiden Söhnen aus erster Ehe und einer gemeinsamen Tochter in Neu-Globsow am Stechlinsee. Ihr Haus wurde zu einem Künstlertreffpunkt, wo Persönlichkeiten wie Ernst Toller verkehrten. Ihren Mann unterstützte Landau tatkräftig bei seinen schriftstellerischen Arbeiten. Allerdings verfassten beide auch gemeinsame Werke. In den 20-er Jahren führte das Ehepaar einige Reisen durch Europa, Nordafrika und den Nahen Osten - 1929 schließlich auch nach Palästina, das auf Lola Landau einen tiefen Eindruck hinterließ. Nicht sie habe das Land ihrer Urväter besucht, das Land habe sie heimgesucht. Nach der Hitlers «Machtergreifung» lebten Landau und ihr Mann in Berlin. Von den antijüdischen Maßnahmen empört, verfasste Wegner ein Schreiben mit dem Titel «Für Deutschland» an Hitler, seine Frau engagierte sich hingegen bei Keren Hajessod, lernte Hebräisch, warb für die Auswanderung und sammelte Geld. Ihr Entschluss zur Emigration schien schon 1933 unumstößlich, ihr nichtjüdischer Mann jedoch glaubte, nicht aus Deutschland weggehen zu können. Selbst nach zweimaliger Gestapo- und KZ-Haft war er nicht bereit, seine Heimat langfristig zu verlassen. Zwar emigrierte Lola Landau 1936 gemeinsam mit ihrem ältesten Sohn und der Tochter Sybille nach Palästina; 1937 jedoch versuchte das Ehepaar in Italien ein letztes Mal eine gemeinsame Zukunft zu finden. Dieser Versuch scheiterte allerdings und endete mit Landauers Rückkehr nach Palästina, wo sie den harten Kampf um die nackte Existenz der meisten Neueinwanderer teilen musste. Wie nahezu jede Phase ihres Lebens verarbeitete Landau auch die Anfangszeit in Palästina literarisch eindruckvoll, besonders ihre 1987 erschienene Autobiographie «Vor dem Vergessen» gibt ein plastisches Bild ihrer «drei Leben».

 

12. Dezember 1905

Wassili Grossman

Josif Solomonowitsch Grossman kam in der Ukraine zur Welt. Den späteren Rufnamen Wassili verdankte er seinem Kindermädchen. Sein Elternhaus war säkular, so dass er keine traditionelle jüdische Erziehung erhielt. Grossmanns Vater gehörte zu den Sozialdemokraten und schloss sich in den Jahren der Revolution den Menschewiki an, einer Fraktion, die an den Sozialismus in einer repräsentativen Demokratie glaubte. Schon während seiner Studienzeit an der Moskauer Universität begann Grossman literarisch tätig zu sein. Selbst als Ingenieur schrieb er leidenschaftlich gern Kurzgeschichten. Auf diese Weise wurden Maxim Gorki und Michail Bulgakow auf ihn aufmerksam und bestärkten ihn, weiter zu schreiben. So geschah es, dass Grossmann Mitte der 1930-er Jahre seinen eigentlichen Beruf aufgab und sich ganz der Schriftstellerei zuwand und 1937 sogar Mitglied des Schriftstellerverbandes der UdSSR wurde. Trotz seiner idealistischen Unterstützung der Revolution wurden während der stalinistischen Säuberung neben seiner Frau, auch enge Freunde und Verwandte verhaftet. Er tat alles menschenmögliche, führte monatelang Korrespondenzen um ihre Freilassung zu bewirken, was ihm Jahre 1938 schließlich glückte. Jedoch nahm der Schrecken kein Ende. Nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion 1941 wurde seine Mutter mit mehreren Tausend anderen Juden ermordet. Trotz Freistellung ließ Grossmann es sich nicht nehmen, selbst für sein Land zu kämpfen, und meldete sich freiwillig zum Einsatz an der Front. Er schrieb für die populäre Zeitung der Roten Armee «Roter Stern» als Kriegsreporter. Dies gab ihm Gelegenheit, die großen Ereignisse des Krieges wie die Schlachten um Moskau, Stalingrad und Berlin zu schildern. Zum Kriegsheld wurde er jedoch nicht durch seine Kriegsreportagen, sondern auch durch seine Romane wie «Das Volk ist unsterblich». Grossmans dokumentarische Beschreibungen der gesäuberten Gebiete, des Vernichtungslagers Treblinka und des KZ Majdanek bezeugten bereits 1943 das, was später als Holocaust bezeichnet wurde. Sein Artikel «Die Hölle von Treblinka» von 1944 diente während der Nürnberger Prozesse sogar als Anklageschrift. Grossmanns Glauben an die Staatsmacht wurde durch die staatliche Unterdrückung des vom Jüdischen Antifaschistischen Komitee erarbeiteten Schwarzbuchs, dessen 1948 erschienene sowjetische Auflage komplett vernichtet wurde, endgültig zerstört. Neben den angeordneten Änderungen im Text dieses Werkes wurde versucht, den antijüdischen Charakter der Massenmorde und die eigene Beihilfe für die Nazis zu verbergen. Diese antijüdische Kampagne Stalins verhalf Grossmann zu einer stärkeren Rückbesinnung auf seine jüdischen Wurzeln. Durch seine oppositionelle Stellung wurden nach dem Krieg wenige Werke Grossmanns veröffentlicht. Nach Fertigstellung seines Romans «Leben und Schicksal» (1959) beschlagnahmte der KGB Manuskripte, Durchschläge, Notizen, Kopien und sogar Schreibmaschinenbänder. Grossmann galt nicht zuletzt durch seinen letzten Roman «Alles fließt» (1961) als Bedrohung für die kommunistische Regierung. 1964 starb er, ohne zu wissen, ob sein Werk je öffentlich werden könnte. Tatsächlich gelang es, 1980 Kopien von «Leben und Schicksal» in die Schweiz zu schmuggeln und zu veröffentlichen. Im Zuge der Glasnost-Periode wurde das Werk 1988 auch in der Sowjetunion veröffentlicht. «Alles fließt» folgte 1989. Erst 2007 wurde «Leben und Schicksal» in adäquater Übersetzung auch auf Deutsch veröffentlicht.

 

18. Dezember 1881

Frida Levy

 

Frida Levy wurde als letzte von vier Kindern einer jüdischen Familie in dem Dorf Geseke geboren. Ihre Eltern Samson und Johanna Stern zogen ein Jahr nach Fridas Geburt mit ihren Kindern nach Hameln. Nach einer unbeschwerten Kindheit wurde sie schon im Alter von 16 Jahren zur Waise. Die kommenden Jahre kam Frida bei Verwandten in Berlin unter. Sie machte Bekanntschaft mit dem sieben Jahre älteren Rechtsanwalt Dr. Fritz Levy, den sie 1901 heiratete und mit dem sienach Essen ging. Nach der Geburt ihres ersten Kindes zog die junge Familie 1907 in eine großzügige Villa. Dieses «Offene Haus» in der Moltkestraße wurde in den nächsten 25 Jahren zu einer zentralen Anlaufstelle für zahlreiche junge Künstler und Intellektuelle. Einmal im Monat wurde es zu einem bürgerlichen Salon umfunktioniert, in dem sowohl Lesungen als auch Diskussionen über Kunst und Politik abgehalten wurden. Es war genau der richtige Ort für eine vielfältige Person wie Frida, die sich vor dem Ersten Weltkrieg unter anderem intensiv in der Frauenbewegung engagierte. Sie leistete Sozialarbeit im Verein Frauenwohl und vertrat die Frauen in rechtlichen Angelegenheiten. Weiterhin arbeitete Frida Levy im Vorstand des Preußischen Landesvereins für Frauenstimmrecht mit Frauenrechtlerinnen wie Anita Augspurg und Minna Cauer. Im Laufe der Jahre traten immer mehr Probleme infolge der politischen Situation auf, mit denen das Ehepaar Levy zu kämpfen hatte. Bereits während der Weimarer Republik wurde Fritz Levy, der als Anwalt auch Arbeiter in Rechtsprozessen verteidigte, von der nationalsozialistischen Presse stark attackiert. Nach der Machtübernahme 1933 verschlechterte sich ihre Lage zunehmend. Die Familie wurde auf Grund ihrer jüdischen Herkunft und ihrer politischen Einstellung binnen weniger Wochen zum Opfer der neuen Machthaber. Nachdem Fritz Levy die Vermutung äußerte, die Nationalsozialisten hätten den Reichstag selbst in Brand gesteckt, wurde er in «Schutzhaft» genommen, kam jedoch wegen einer Erkrankung, die drei Jahre später zu seinem Tod führte, nach wenigen Tagen frei. Die Familie war gezwungen die Stadt zu verlassen und zog nach Wuppertal, wo sie von Freunden aufgenommen wurden. Die jüngste Tochter musste ihre Schule abbrechen, ihre beiden Brüder Robert und Berthold wurden für mehrere Monate in Sippenhaft genommen. Nach dem Tod ihres Mannes ging Frida nach Berlin zu ihrer ältesten Tochter, die ihr Studium nicht beenden durfte und als Kindermädchen arbeitete. Doch schon kurz nach ihrer Ankunft wurden die Tochter Hanna und deren Mann wegen «staatsfeindlicher Bestrebungen» verhaftet. Da ihre anderen Kinder mittlerweile ins Ausland emigriert waren, kämpfte Frida Levy ganz auf sich allein gestellt für die Freilassung der beiden Inhaftierten. So kam Hanna 1939 aus der Gefangenschaft frei und wanderte nach Schweden aus. Ihre Mutter jedoch blieb und bemühte sich weiter um die Befreiung des Schwiegersohns. Leider war jegliche Anstrengung vergebens, Walter Herz wurde in einem Konzentrationslager von Nationalsozialisten ermordet. Um selbst der drohenden Deportation zu entgehen, war Frida Levy gezwungen unterzutauchen, da an Emigration nicht mehr zu denken war. Aus Briefen an ihre Tochter Hanna ging hervor, dass sie mit dem Gedanken spielte, ihrem Leben ein Ende zu setzen, doch sie Entschied sich trotz ihrer Lage gegen den Freitod. Am 25. Januar 1942 endete ihre Flucht endgültig und Frida Levy wurde nach Riga deportiert, wo sie kurze Zeit später ermordet wurde.

 

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23. Dezember 1907

Abraham Stern

Stern wurde in Polen als Sohn einer zionistischen Familie geboren. 1925 wanderte er in das britische Mandatsgebiet in Palästina ein und absolvierte zunächst seine Hochschulreife und anschließend ein altphilologisches Studium an der Hebräischen Universität. Auf Grund seiner Begabung bekam er ein Stipendium für einen Forschungsaufenthalt in Florenz. 1929 kehrte er wieder zurück, brach bald darauf sein Studium ab und trat in die Hagana ein, um für die Unabhängigkeit des jüdischen Staates zu kämpfen. 1931 spaltete sich eine Gruppe Kämpfer von der Hagana ab, da sie mit dem zurückhaltenden Kampf um die Unabhängigkeit unzufrieden war. Sie bildeten eine eigene militante Bewegung namens Irgun, «Organisation». Da Abraham Sterns Ansichten nach dem arabischen Aufstand von 1929 militanter geworden waren, schloss er sich der Irgun unter dem Decknamen «Yair» an. Den Weg zur Unabhängigkeit sah Stern nur durch die Vertreibung der Brite; er rief aus dem Grund zum bewaffneten Kampf gegen diese auf. Während der Zeit im Untergrund verfasste Stern Gedichte, die teilweise nach seinem Tod veröffentlicht wurden. Zu dem bekanntesten seiner Werke gehört «Anonyme Soldaten», das zur Hymne der Irgun wurde. Nach erneuten arabischen Unruhen spaltete sich die Irgun 1937. Viele ihrer Mitglieder kehrten zur Hagana zurück. Doch Stern blieb gemeinsam mit weiteren Kämpfern unter dem Kommando von Jabotinsky in der Irgun, um militante Aktivitäten fortzusetzen. Um Ausbildungskurse für die Irgun zu errichten und Waffen zu besorgen, ging Stern nach Polen. Nach seiner Rückkehr nach Palästina wurde er von den Briten verhaftet. Von August 1939 bis Juni 1940 blieb Stern im Gefängnis. Stern bestand darauf, dass der Kampf gegen die Briten von politischen Verflechtungen unabhängig bleiben solle. Er lehnte jegliche Mäßigung des Widerstandes ab. Nachdem sich die Irgun im August 1940 dazu entschloss, ihren antibritischen Kampf aufzuschieben, gründete Stern eine radikale Splittergruppe, die Lechi, eine Abkürzung des hebräischen Namens der «Kämpfer für Israels Freiheit». Diese Organisation wurde von den Briten auch als «Stern-Gang» bezeichnet. Sogar im Vergleich zu der Bedrohung durch den Nationalsozialismus seien die Briten laut Stern die eigentliche Bedrohung der Juden. Er zweifelte an einem Sieg der Alliierten und sprach sich sogar für eine Allianz mit Nazideutschland und dem faschistischen Italien aus, um endlich sein lang erträumtes «Eretz Israel» zu gründen. Diese extreme Haltung und das militante Vorgehen der Lechi führten zur Entfremdung und Ablehnung unter den meisten Juden und Briten. Anfang 1942 wurde schließlich eine Belohnung für Ergreifung Sterns von den Briten ausgesetzt. Am 12. Februar 1942 entdeckten die Briten Abraham Sterns Versteck in Tel Aviv und töteten ihn noch vor Ort. Das Gebäude beherbergt heute ein Museum, um an die Organisation Lechi zu erinnern.

 

31. Dezember 1934

Inge Auerbacher

Inge Auerbacher wurde in Kippenheim, in der Nähe der Grenze zwischen Frankreich und der Schweiz geboren. Sie war das einzige Kind des gläubigen Ehepaars Berthold und Regina Auerbacher. Inge war drei Jahre alt, als ihr Großvater am 9. November 1938 während des Morgengebets in der Synagoge verhaftet wurde. Gemeinsam mit Inges Vater, der für seinen Dienst im Ersten Weltkrieg das Eiserne Kreuz verliehen bekommen hatte, wurde ihr Großvater ins Konzentrationslager nach Dachau gebracht. Das Haus der Familie wurde stark beschädigt und die Synagoge geschändet. Nach wenigen Wochen kamen die beiden Männer wieder frei. Die Auerbachers verkauften ihr Haus in Kippenheim und zogen zu den Großeltern, in das Nachbardorf Jebenhausen. Kurz darauf verstarb der Großvater. Die Enttäuschung über das Land, in dem er lebte, war zu groß. Mit dem Beginn der Deportationen wurde die jüdische Schule, in die Inge in Stuttgart gegangen war, aufgelöst. Inges Großmutter wurde im Jahre 1941nach Riga deportiert, das Haus enteignet und Familie Auerbacher nach Göppingen gebracht. Ein Jahr später im August 1942 deportierte man auch sie nach Theresienstadt. Mit gerade einmal sieben Jahren zählte Inge Auerbacher zu den jüngsten der Gefangenen. Sie musste mit ansehen, wie die meisten ihrer Freunde nach Auschwitz deportiert wurden und zog sich selbst schwere Krankheiten zu. Nach drei Jahren hatte sowohl für Inge als auch für ihre Eltern der Albtraum mit der Befreiung am 8. Mai 1945 durch die russische Armee ein Ende. Sie hatten überlebt. Ein Jahr später emigrierten die Auerbachers nach kurzer Rückkehr nach Göppingen in die USA. Auf Grund Inges stark angeschlagener Gesundheit musste sie zwei Jahre im Krankenhaus verbringen, dennoch absolvierte sie die High School mit Auszeichnung. Im Anschluss an ihre Schulzeit studierte sie Chemie und arbeitete 38 Jahre lang als Chemikerin in Forschung und Praxis. Ihre Leidenschaft wurde jedoch vor allem das Schreiben, so bekam sie für ihre in mehrere Sprachen übersetzen Erinnerungen «Ich bin ein Stern» die Ehrendoktorwürde der Long Island University verliehen. Seither hält Inge Auerbacher zahlreiche Vorträge über den Holocaust und erhielt für ihre Arbeit Auszeichnungen wie die Medal of Honour und dem Louis E. Yavner Citizen Award.

 von Tanja Mohlala und Friederike Neubert

«Jüdische Zeitung», Dezember 2007