«Islamofaschismus» – mehr als nur ein Schlagwort

Wissenschaftler diskutieren kontrovers über Parallelen zwischen radikalem Islam und Nationalsozialismus

 

Die Debatte ist voll entbrannt. Spätestens seit den Anschlägen vom 11. September 2001 streiten sich Politiker und Wissenschaftler quer durch alle politischen Lager darüber, ob der radikale Islam der Faschismus unserer Zeit ist. So fand unter dem Eindruck der nur in letzter Minute verhinderten Anschläge auf mehrere Transatlantikflüge im Sommer des Jahres 2006 auch der US-Präsident sehr deutliche Worte für die Mörder im Namen Allahs. «Sie versuchen ihre dschihadistische Botschaft zu verbreiten», erklärte George W. Bush auf einer Pressekonferenz im August 2006, «eine Botschaft, die ich von ihrem Wesen her totalitär nenne und die ich als islamischen Radikalismus, als islamischen Faschismus bezeichne».
Dabei ist diese Etikettierung nicht wirklich neu. Bereits 1979 sorgte der Islamexperte Maxime Rodinson in Frankreich für einen handfesten Skandal, als er die linken Intellektuellen, allen voran Michel Foucault, ob ihrer Begeisterung für die islamische Revolution im Iran und den Ayatollah Khomeini abwatschte. Rodinson war geschockt über ihre romantisierende und aus einem anti-westlichen Reflex heraus entstandene Sicht der Dinge. Er warf ihnen vor, blind gegenüber dem «archaischen Faschismus» der «Revolutionären Garden» im Iran zu sein. Freunde machte sich Rodinson damit nicht. Aber im Unterschied zu den meisten anderen Linken kannte er die Region aus eigener Erfahrung sehr gut - schließlich hatte Rodinson sieben Jahre im Libanon als Lehrer gearbeitet und eine Mohammed-Biographie verfasst, die den Propheten als freundlichen Verkünder einer neuen und sozial gerechten Gesellschaftsordnung porträtierte. Das handelte ihm prompt gewaltigen Ärger seitens der Islam-Autoritäten in den Lehreinrichtungen der arabischen Welt ein. Der Islam würde dadurch beleidigt, hieß es damals.
Doch der Begriff «Islamofaschismus» war nun auf dem Tablett und erlebte insbesondere in jüngster Zeit eine Konjunktur. Vor allem der links-liberale amerikanische Politikwissenschaftler Paul Berman wies darauf hin, dass es zwischen dem radikalen Islam sowie dem Nationalsozialismus und dem Bolschewismus zahlreiche Parallelen gebe, die einem geradezu ins Auge springen müssten. Da ist zum einen das Streben nach der Weltherrschaft zu nennen, zum anderen der genozidale Antisemitismus. Und wie seine Brüder im Geiste propagiert auch der Islamismus eine radikale Utopie, an deren Ende die vermeintlich perfekte Gesellschaft steht - vorausgesetzt man hat sich aller seiner Gegner vorher erfolgreich entledigt, sprich: einen Massenmord apokalyptischen Ausmaßes vollbracht. Typisch für einen Faschismus ist ebenfalls der Todeskult. «Ihr liebt das Leben, wir lieben den Tod», in dieser al-Qaida-Botschaft liegt laut Berman der Schlüssel für das Begreifen des radikalen Islams als eine faschistische Bewegung. Das Individuum hat sich der Gemeinschaft zu unterwerfen und gegebenenfalls zu opfern. Nichts lässt sich als konträrer zur westlichen Zivilisation und der Bewertung des menschlichen Lebens als höchstem Gut ausmachen als die Verherrlichung des suizidalen Terrors durch al-Qaida, Hamas und deren Verbündete. Bilder etwa von Aufmärschen der im Dienste des Irans stehenden Hisbollah zeigen, wie diese Radikalen mit erhobenem rechten Arm an ihrem Anführer, Scheich Nasrallah, vorbeimarschieren. Solche Bilder in den Medien verstärken das «islamofaschistische» Szenario auf ihre Weise.
Der religionskritische Publizist Christopher Hitchens kann sich dem nur anschließen und spricht in diesem Zusammenhang gerne vom «Faschismus mit islamischem Antlitz». Auf polemische Weise attackiert er so all jene Intellektuellen im Westen, die nach den Angriffen vom 11. September den islamischen Fundamentalismus als eine Art «Befreiungstheologie» interpretierten und damit jede Bluttat relativierten. «Genau wie im Europa in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts», so Hitchens, seien die «Islamofaschisten von heute in einer Obsession gefangen, die nur reale oder imaginierte Demütigungen kennt» und deshalb auf Rache aus sei. Der radikale Islam sowie die faschistischen Bewegungen «teilen zudem eine ausgesprochene Abneigung gegen Kunst und Literatur, weil sie diese als Symptome einer Degenerierung und Dekadenz deuten, und allen gemein ist die anti-jüdische Paranoia». Jüngst setzte Norman Podhoretz, von vielen als Großvater des Neokonservatismus bezeichnet, noch einen drauf, als er sein neues Buch unter dem Titel «World War IV - The Long Struggle Against Islamofascism» vorstellte, in dem er die Bombardierung des Irans empfahl.
Aber trotz aller Zustimmung, die Berman für seine Deutung erfuhr, beschert vielen die Bezeichnung «Islamofaschismus» auch Bauchschmerzen. Nicht nur der Historiker Walter Laqueur hält sie für unpräzise. Schließlich sei der Faschismus als politischer Begriff doch stark nationalistisch grundiert. Und deshalb könne er für den radikalen Islam als eine Bewegung, die den Nationalstaat als solchen weder anerkennt noch anstrebt, sondern nur das muslimische Weltkalifat auf Basis der Scharia, kaum zur Anwendung kommen. Und Moshe Zuckerman, bis vor rund einem Jahr noch der Leiter des Instituts für Deutsche Geschichte an der Universität Tel Aviv, merkt an, dass der Faschismus wie er aus Europa als Ideologie bekannt sei, tendenziell nicht religiös und bisweilen sogar anti-religiös war, während der islamische Fundamentalismus eine Theokratie zum Ziel habe. Faschismus basiere auf dem «Primat des Staates», so der Historiker, während dieser im politischen Islam eine eher untergeordnete Rolle spielen würde. Damit hat Zuckerman aber außer acht gelassen, dass der Staat durch ein «Primat des Kalifats» problemlos ersetzt werden kann.

Ein Einwurf gegen Etikettierungen von Hisbollah, Hamas, al-Qaida und die Mullahs im Iran lautet, dass solche die Jahrhunderte alten Differenzen zwischen Sunniten und Shiiten, zwischen säkularen Tyrannen und Mullahs ignorieren, da sie gerne mittelalterliche Reiche als vorbildliche Gesellschaften nennen. Doch diese Kritik vergisst, dass es sehr wohl Mobilisierungspotenziale gibt, die genau diese Unterschiede überwinden. Das beste Beispiel dafür ist der «Al-Quds-Tag», der ursprünglich von Ayatollah Khomeini ins Leben gerufen wurde, um die Befreiung Jerusalems im islamistischen Sinne in Angriff zu nehmen. Heute marschieren mit dem Slogan «Tod den Juden!» Sunniten und Schiiten, säkulare und zutiefst religiöse Muslime durch die Straßen der großen Städte dieser Welt, auch in Deutschland, insbesondere in Berlin.
Dennoch, selbst wenn «Islamofaschismus» ein etwas unglücklich gewählter Begriff ist, so ist eine Diskussion in Gang gebracht worden, die durchaus hilfreich sein kann, die Gefahr besser einzuschätzen, die von einem radikalen Islam ausgeht. Es zeigt sich dabei, dass die neue Herausforderung für die westliche Welt zugleich eine alte ist: die Auseinandersetzung mit totalitären Visionen.

Ralf Balke

«Jüdische Zeitung», Januar 2008