Links in Deutschland

Ein Sammelband beleuchtet den Umgang mit Antisemitismus von links

 

Als ich den Sammelband «Exklusive Solidarität» an der Kasse der Thalia Buchhandlung in Berlin bezahlte, warf der Verkäufer einen Blick auf den Untertitel «Linker Antisemitismus in Deutschland» und sagte: «Antisemitismus ist doch eine Domäne der Rechten». Das ist und bleibt wohl die am weitesten verbreitete Einstellung in unserer Gesellschaft zum Thema Antisemitismus von links. Ein großer Teil der deutschen Linken behauptet, er sei immun gegen den Antisemitismus, weil man ja ohnehin links ist. Arbeit am Anti-Antisemitismus ist nach der Vorstellung der linken Bewegung eine Aufgabe der fortschrittlichen politischen Kräfte - also der Linken.

Henryk M. Broder entlarvte bereits 1985 diesen Mythos mit seiner bahnbrechenden Publikation «Der ewige Antisemit», ein Buch über den aufgeklärten Antisemitismus innerhalb liberaler und linker Kreise. Diese Veröffentlichung bleibt ein Meisterwerk und ist zweifellos die wichtigste Voraussetzung, um den deutschen linken Antisemitismus zu begreifen. Während sich früher ein echter Linker wie August Bebel mit dem Ausspruch «Der Sozialismus der dummen Kerls» gegen Antisemitismus von links richtete, bekämpft hierzulande die Linke heute den Antisemitismus-Vorwurf und «die Israel-Lobby» in den USA. Daniel Bax, der für die Meinungsseite der links-liberalen Tageszeitung «taz» mit zuständig ist, schreibt regelmäßig in seinen Kommentaren vom «fatalen Vorwurf Antisemitismus» oder einem Vorwurf, der «inflationär geworden» sei.

Die moderne «Ostküste», die antisemitische Chiffre für amerikanisches Judentum, wird in der Sprache von Bax durch «organisiertes Berufsjudentum» ersetzt. Warum regt sich nur ein winziger Teil der Linken auf (zum Beispiel die anti-nationale und pro-israelische Linke), wenn es um Antisemitismus unter Linken geht? Warum bewegt sich der wesentliche Teil der Linken innerhalb einer aggressiven, antiisraelischen Ideologie? Das eingangs erwähnte Buch befasst sich mit den «Frühformen von linkem Antisemitismus in Deutschland» bis zur «Diskussion über den Libanon-Krieg 2006». So benennt der Politologe Lars Rensmann in seinem hervorragenden Aufsatz «Zwischen Kosmopolitanismus und Ressentiment: Zum Problem des sekundären Antisemitismus in der deutschen Linken» eine Ursache für das Phänomen. Rensmann begründet seine These damit, dass «Juden in der projektiven Wahrnehmung schon qua Existenz die unbequeme Erinnerung an Auschwitz verkörpern, die eine ungebrochene Identifikation mit der nationalen Gemeinschaft erschwert».

Andrei S. Markovits zeigt in seinem Essay, warum der «Antisemitismus der Zwillingsbruder des Antiamerikanismus» ist. Anhand des Monatsmagazins der IG Metall vom Mai 2005 stellt Markovits in Beschreibung des giftigen Antiamerikanismus und Antisemitismus innerhalb der IG Metall dar: «Sie bildet auf ihrem Titelblatt Moskitos mit amerikanischen Hüten und langen spitzen Nasen ab, die dem nationalsozialistischen Stürmer zu entstammen scheinen, wie sie Blut aus deutschen Firmen aussaugen und ihre zerstörten Kadaver hinterher ausspucken». Die Überschrift des Monatsmagazins lautete: «Die Aussauger». Martin Kloke untersucht in seinem Essay «Israel: Alptraum der deutschen Linken?» die Abneigung gegen Israel nach dem Sechs-Tage-Krieg. Er schreibt, dass «die Israelfeindschaft der neuen Linken sich zur antizionistischen Weltanschauung steigerte». Seine Auseinandersetzung ist wegen der RAF-Diskussion und des vierzigsten Jahrestages des Sechs-Tage-Krieges nach wie vor aktuell.

«Exklusive Solidarität» ist eine Art «Who's Who» unter den Journalisten und Wissenschaftlern, die sich intensiv mit dieser verdrängten und verharmlosten Problematik beschäftigen. Schade, dass Broder nicht dabei ist. Nichtsdestoweniger ist das Buch ein «Muss», um Antisemitismus von links zu verstehen. Man kann der Linken das Buch nur empfehlen. Da der linke Antisemitismus nur von linken Antisemiten überwunden werden kann, hofft man darauf, dass sie diesen Sammelband lesen und sich dem Abbau von Antisemitismus widmen.

Benjamin Weinthal

«Jüdische Zeitung», Januar 2008