East End Stories in London

Die britische Hauptstadt ist im Wandel

 

Nach den Bus- und U-Bahn-Attentaten im Juli 2005 und den im vorigen Sommer vereitelten Flugzeugabstürzen diskutiert Großbritannien das Phänomen der «home grown terrorists» und fragt sich, ob das bisher nach außen im Wesentlichen problemlose Zusammenleben verschiedener Kulturen eine Illusion war. Am irritierendsten ist dabei, dass die Täter keineswegs aus den übel beleumundeten innerstädtischen Zuwandererquartieren stammen, sondern aus den eher gut bürgerlichen Vorstädten.

Zehn der verhafteten 24 Verdächtigen, die den Absturz von neun Flugzeugen über dem Atlantik geplant haben sollen, stammen aus Walthamstow im Londoner Osten. Die Familien der unauffälligen und scheinbar gut integrierten jungen Männer leben rund um die Masijd e Umar-Moschee. Sie wird von der Deobandi-Sekte dominiert, deren Wurzeln in Indien liegen, als ehemalige Kolonie und noch heute Teil des Commonwealth einem der grossen klassischen Einwanderungsländer für die Mutterinsel. Neben Muslimen leben in Walthamstow auch Hindus und Buddhisten. Der pakistanisch-britische Autor Hanif Kureishi hat diese Welt in seinen Romanen «Das schwarze Album» und «Der Buddha aus der Vorstadt» sowie in den Drehbüchern «Mein wunderbarer Waschsalon» und «Sammy und Rosie tun es» beschrieben. Im erstgenannten Bestseller, der schon vor gut 12 Jahren erschien, gerät ein Heranwachsender in das Spannungsfeld zwischen intellektuellem Liberalismus und religiösem Fanatismus - aber kaum etwas deutet in diesen Milieuschilderungen auf die Möglichkeit oder eine zu erahnende Entwicklung des Stadtteils zu Orten der Kindheit und Jugend von Menschen hin, die solch brutale Anschläge als Mittel der politischen Auseinandersetzung wählen würden.

 

Synagoge als Moschee

Am interessantesten und wohl auch am augenfälligsten für den zufälligen Besucher in Walthamstow ist hier, dass die Moschee früher eine Synagoge war. Diese neue Funktionalität weist sehr genau auf die jahrhundertelang wechselnde Abfolge des Zuzuges großer Zuwanderergruppen in London hin. Dass die Hauptstadt Großbritanniens die wohl faszinierendste und dynamischste Stadt Europas ist, zeigt sich in diesen unspektakulären Vorstädten ganz ähnlich wie in den pulsierenden Innenstadtvierteln. Abseits des Zentrums finden sich jeweils die von einer Zuwanderergruppe dominierten Viertel wie das «jamaikanisch-karibische» Brixton, das «türkische» Stoke Newington, oder eben die «indischen» Viertel Walthamstow im Osten und Southall im Westen der Metropole, wobei in letzterem viele Sikhs leben. Die größeren Communities haben zudem in der Innenstadt Kristallisationspunkte mit der wichtigsten Infrastruktur aufgebaut, so nördlich der Marble Arch an der Edgware Road die Araber, in Notting Hill Farbige aus der Karibik, in der Lisle- und der Gerrard Street die in den 1950ger Jahren von Hongkong-Chinesen entwickelte «Chinatown» und nahe der Station Whitechapel das East End, seit etwa 1880 das «jüdische Viertel». Besonders um die Brady Street fanden sich viele Schneider und Händler, vornehmlich russisch-jüdische Zuwanderer, die vor den Pogromen im Zarenreich geflohen waren. Bislang hatten hier Hugenotten gelebt, die auch die ursprünglichen Stifter der später zur Synagoge gewordenen heutigen Moschee waren. Das East End hat demnach stets Flüchtlinge aufgenommen und so eine lange Tradition der Gastfreundschaft und Toleranz begründet.

Doch auch aus anderem Munde ist das Viertel weltbekannt: Hier trieb der legendäre «Jack the Ripper» sein Unwesen, der die Bevölkerung des East End von Spitalfields bis Whitechapel terrorisierte. Fünf Prostituierte soll er nachweislich ermordet haben, weitere 13 Opfer werden ihm möglicherweise zugerechnet. Gefasst wurde er nie, bis heute wird über seine Identität gerätselt. Mehr als 70 Männer wurden verdächtigt, «Jack the Ripper» zu sein.

Der interessierte Besucher kann in diesen ethnisch dominierten Vierteln ganze Tage verbringen und zugleich die Kulturen der Herkunftsländer der Zuwanderer hautnah studieren. So ist das East End heute kaum noch ein Viertel der Juden, wenig von ihnen und ihrer Kultur ist übrig geblieben, es ist der Hauptwohnort und das Herz vieler Communities vom indischen Subkontinent, zunehmend aber auch von Osteuropäern - und damit wieder mehr und mehr Juden.

 

Iren, Hugenotten, Juden, Bengalen...

Nahe der Station Aldgate, einem der Orte der Bus- und Tubeattentate, trennen sich die Welten: Nordwestlich wächst die boomende City um das Zentrum der Hochfinanz an der Liverpool Street mit neuen Glaspalästen in die Höhe, ostwärts zieht sich noch immer die alte «jüdische» Whitechapel Road endlos in Richtung East End. Der riesige Stadtteil, administrativ heißt die Region heute «Tower Hamlets», ist seit Jahrhunderten «das» Armen- und Einwandererviertel der britischen Hauptstadt. In den Sümpfen außerhalb von Aldgate drängten sich die Menschen im Mittelalter in Elendsquartieren. In der Zeit der frühen Industriegesellschaft waren es vor allem irische Migranten, die Männer als Fabrik- und Hafenarbeiter, die Frauen Weberinnen, die hier billig leben konnten. Letztlich seit 700 Jahren arbeiten hier Einwanderer in der Textilindustrie: 1590 haben französische Hugenotten in Spitalfield die Seidenweberei entwickelt. Später, vor allem in den Jahren zwischen 1870 und 1970, waren auch viele der allein in Stepney lebenden 120.000 Juden im Textilhandel beschäftigt. Heute sind es Bengalen, Inder und Pakistani, die diese lange Tradition in Produktion und Handel fortführen und die Stelle der jüdischen Bevölkerung eingenommen haben.

 

Londons «Beigel»

Während damals Jiddisch die «lingua franca» und ein Beigel die ortstypische Speise waren, sind dies heute Bengalisch und Kebab mit Curry. Bei unseren Spaziergängen durch Raum und Zeit zeigen uns vier Gebäude den kontinuierlichen Wandel unterschiedlicher Einwanderergruppen. Als erstes die heutige Brick Lane Moschee: Sie wurde 1743 als Neue Kirche von den Hugenotten erbaut, zeitweise von den Methodisten genutzt, 1898 zu einer Synagoge umgewandelt, 1950 als solche geschlossen und 1976 als Moschee wieder eröffnet. Gleich daneben die Christ Church School, deren Schülerschaft früher zu 95% jüdisch war und jetzt zu gleichem Prozentsatz muslimisch ist. Drittens die Fieldgate Street-Synagoge, eine von vier verbliebenen im Viertel. Sie wird gegenwärtig durch den Neubau einer der größten britischen Moscheen und den Neubau des Islamischen Zentrums gleich nebenan auf «Zwergengröße» reduziert. Die «Bangladesh Welfare Association» in der Fournier Street schließlich setzt die Arbeit in einer ebenso erst hugenottischen, dann jüdischen und später pakistanischen Wohlfahrtgesellschaft fort. Früher hatte der Bezirk etwa 150 Synagogen.

 

Konstanter Wandel

Der auswärtige Besucher kommt jedoch kaum wegen der Geschichte der Integration zur East Side und in die Brick Lane, sondern um den Gaumen mit exotischen Süßigkeiten, Fisch, Gemüse und vor allem Kebab mit Curryreis zu kitzeln. In nahezu 50 Restaurants wird hier in der «Curry Capital» die zweitbeliebteste Speise der Briten angeboten.

Aber schon wird eine neue Dimension sichtbar: Zum einen ziehen seit 1990, verstärkt noch seit der kürzlichen Osterweiterung der Europäischen Union, Handwerker, Fachkräfte und Studenten aus Polen oder Litauen, aber auch aus der Ukraine und Russland in die Wohnungen fortgezogener Bengalen, unter ihnen eine noch nicht genauer verifizierte Anzahl an russischsprachigen jüdischen Zuwanderern. Sie suchen hier in Notting Hill ihr Glück, das spätestens seit dem gleichnamigen Film aus dem Jahre 1999, mit Julia Roberts und Hugh Grant in den Hauptrollen und in der Regie von Roger Michell die Gegend wieder kultig «in aller Munde» ist.

Der deutsche Journalist Ronald Reng zeigt in den Romanen «Fremdgänger» und «Mein Leben als Engländer» erneut auf, wie schon sein oben angeführter Schriftstellerkollege Hanif Kureishi, dass auch diese neuerliche Integration ganz anderer Bevölkerungsgruppen nicht eben einfach ist.

Neben diesem jüngsten Wandel der dominierenden Einwanderergruppen lässt sich in den zur City führenden Strassen ein weiterer Prozess beobachten: Ehemals schäbige Strassen sind bei Designern und Künstlern «hip» geworden, die hier in den alten Lagerhallen ihre Ateliers eingerichtet haben. Teure Galerien, Boutiquen und Cafés erobern frühere Slumquartiere, ein sozialer Umstrukturierungsprozess hat eingesetzt und führt zu steigenden Mieten.

Die Inhaberin der East End Library sieht diese Entwicklungen mit einiger Skepsis. Sie empfiehlt ein Buch des jungen Journalisten Tarquin Hall, der hier ein Jahr verbracht und seine Eindrücke von dieser, für die meisten Londoner versteckten Welt vor ihrer Haustür, vor zwei Jahren in seinem Buch «Salaam Brick Lane» beschrieben hat: Ganz klar wird in dieser Beschreibung, dass gerade im East End nichts so konstant ist, wie der Wandel.

 

Ein « Eruw» für London

Das «jüdische» London machte Mitte der 1990er Jahre nochmals aufsehenerregend von sich Reden: Die Stadteile Hampstead, Golders Green und Hendon sind Bezirke mit starker jüdische Bevölkerung, darunter vieler orthodoxer Juden, die aber insgesamt in der Minderheit sind. Letztere wünschten, dass ein Gebiet von der Größe dieser drei Stadtteile mit ihren acht Synagogen darin als so genannter «Eruw» ausgewiesen werde. Der Eruw ist eine Zone, in der die Regeln des Sabbats gelockert werden können. Die symbolische «Verwandlung» eines öffentlichen in einen privaten Bereich, erlaubt es orthodoxen Juden, auch am Sabbat außerhalb der eigenen vier Wände leichte Arbeiten durchzuführen oder unter Umständen auch elektrische Geräte, beispielsweise elektrische Rollstühle, zu benutzen. Damit sollte Müttern, Kindern, alten und kranken Menschen eine Erleichterung geschaffen werden, auch sie könnten so den Sabbat voll und ganz feiern. Begrenzt sollte dieser Eruw von Häuserzeilen, Bahnstrecken und Straßen werden. Ganz so symbolisch wäre die räumliche Abgrenzung jedoch nicht gewesen, denn künstliche Trennlinien in Gestalt von 85 sieben Meter hohen Pfosten und feiner Verbindungsdrähte sollten die Lücken schließen. Nachdem der Antrag auf Einrichtung des Eruw zweimal nach langen Verhandlungen von der Planungsbehörde abgelehnt wurde, setzte ihn der Minister für die Hauptstadt, John Gummer, Mitte 2002 dennoch durch. Es drohe keine Gefahr für den Charakter oder das Erscheinungsbild der betreffenden Stadtteile, beschied er.

Gegenwärtig liegt ein ähnlicher Antrag in der österreichischen Hauptstadt Wien vor, nachdem schon in einer Reihe anderer europäischer Gemeinden Bestrebungen zur Einrichtung eines Eruw zu beobachten sind. Überall wenden sich die ultra-orthodoxe Juden gegen solche Gebiete. Sie sind der Ansicht, die Sabbat-Vorschriften könnten überall uneingeschränkt eingehalten werden und werfen damit in den jüdischen Gemeinschaften in der Diaspora die Frage auf, ob solche Einzäunungen nicht eine Rückkehr ins Getto bedeuten würden.

 

Der Hauptautor dieses Beitrages, Ekkehart Schmidt-Fink, war Mitarbeiter des «Aktuellen Informationsdienstes zu Fragen der Migration und Integrationsarbeit» aid, dessen Fördermittel seitens des Bundesamt für Migration und Flüchtlinge vor einem Jahr ausgelaufen sind.

Ekkehart Schmidt-Fink und Ludwig Beer

«Jüdische Zeitung», Januar 2008