Keine Zweite Chance für einen Mörder!

Verurteilter Neo-Nazi studiert an der renommiertesten medizinischen Akademie Europas

 

Foto:Lasse Skog/Karolinska-Institut

Schweden hat in den letzten Jahren drei spektakuläre Morde erlebt. Am 28. Februar 1986 starb auf offener Strasse Olof Palme. Der überaus beliebte und weltweit auf Grund seiner Initiativen gegen den Vietnam-Krieg, als UNO-Vermittler im Iran-Irak-Konflikt und durch seine internationalen Abrüstungsinitiativen geschätzte Ministerpräsident des Königreiches war kurz vor Mitternacht vor einem Kino erschossen worden. Erst vor einem knappen Jahr konnte der Fall endgültig aufgeklärt werden, als die langjährige Freundin des ursprünglich verdächtigen Christer Pettersson der Polizei bestätigte, Pettersson habe ihr gegenüber den Mord tatsächlich zugegeben. Zum Beweis legte sie 40 Briefe des inzwischen Verstorbenen vor. Petterssen war nach intensiven Ermittlungen der schwedischen Polizei schon 1989 von einem Gericht schuldig, in zweiter Instanz allerdings wieder freigesprochen worden: Die Ermittler sollen der Witwe Palmes seinerzeit einen «Tipp» gegeben haben, der eindeutig auf Petterson hinwies. Seit diesem Zeitpunkt verdiente sich der Freigesprochene viel Geld mit der Veröffentlichung seiner Geschichte, nachdem er schon einen siebenstelligen Betrag als Haftentschädigung erhalten hatte.

Auch ein zweiter «Beteiligter» verdiente mit dem Tod Palmes nicht wenig Geld: Der damalige Polizeichef der schwedischen Hauptstadt Stockholm, Hans Holmér, hatte mit seinem Buch «Tod in Stockholm. Der Mordfall Olof Palme» unter anderem der Behauptung Vorschub geleistet, die schwedische Sicherheitspolizei SÄPO sei zum Zeitpunkt der Ermordung Palmes massiv von Rechtsextremen unterwandert gewesen, habe daher die Ermittlungen bewusst verschleppt. Es kam im Umfeld der Veröffentlichung des Buches zu Gerüchten, möglicherweise seien Neo-Nazis innerhalb der schwedischen Polizei sogar in den Mordfall verwickelt gewesen. Wenig später musste das Buch vom Mark genommen werden.

Im Jahre 2003 machte der Mord an der schwedischen Außenministerin Anna Lind, auch als Präsidentin des Rates der Europäischen Union international populär und als Nachfolgerin des Ministerpräsidenten Göran Persson im Gespräch, endgültig Schluss mit der Illusion einer bürgernahen Politik nach skandinavischem Vorbild.

Ein dritter, wenn auch ganz anderer Mordfall, sorgt derzeit in Schweden erneut für eine Kontroverse um die schwedentypische Utopie einer freien Gesellschaft. Am renommierten Karolinska-Institut in Stockholm, jener Lehreinrichtung, dessen «Karolinska Institute Nobel Assembly» einmal im Jahr den Nobelpreis für Medizin vergibt, hatte sich ein Student unter falschen Namen immatrikulieren lassen, einem solchen, wie es ihn in jedem schwedischen Dorf mehrmals gibt. Etwa 250 junge Ärzte werden jedes Jahr an der Elite-Schule examiniert. Das Karolinska-Institut gilt für künftige Mediziner als eine der ersten Adressen Europas und ist eine der größten medizinischen Universitäten des Kontinents überhaupt. Allerdings müssen sich die Bewerber einem strengen und intensiven Auswahl-Verfahren unterziehen, offensichtlich aber mit einigen Fehlern im System.

Denn dieses Verfahren hat ein junger Schwede mit Bravour gemeistert, der am 12. Oktober 1999 als bekennender Neo-Nazi gemeinsam mit zwei weiteren Rechtsradikalen den SAC-Gewerkschafter Benny Söderberg ermordet, ihm im Treppenhaus vor seiner Wohnung sechsmal in den Kopf geschossen hatte. Söderberg musste sterben, nachdem er sich dafür einsetze, dass ein bekannter Neo-Nazi die Funktion eines Vertrauensmannes verlor: Er verwahrte sich dagegen, dass der Nazi im Betrieb begann «White Power»-Musik zu hören, Primitivrock mit aggressiv-rassistischen Texten, in deren Produktion Schweden weltweit führend ist. Söderbaum informierte die Presse. Der Bloßgestellte, einer der führenden Köpfe in Schwedens «Nationalsozialistischer Front» und Redakteur der rechtsnationalen Kampfpostille «Info-14», gab den Posten auf.

Ein eindeutig politischer Mord, wie die zuständige Oberstaatsanwältin sowie der Sprecher der zuständigen Fahndungsleitung seinerzeit feststellten: Auf dem Computer des jungen Rechtsradikalen konnte die Polizei eine «Todesliste» mit den Namen von Politikern, Journalisten, Gewerkschaftern, Linken, Homosexuellen und auch Juden sicherstellen. Die Polizei habe «Mosaiksteinchen zu Mosaiksteinchen» zusammengetragen, die sich wenig später zu einem Bild zusammenfügten, das von Justizministerin Leila Freivalds so beschrieben wurden: «...der Terrorismus [ist] nach Schweden gekommen». Ein Jahr später wurde Söderbergs Mörder zu elf Jahren Haft verurteilt. Im ganzen Land gingen seinerzeit Zehntausende gegen den erstarkenden Rechtsradikalismus auf die Strasse.

Doch bereits nach knapp sieben Jahren, im Februar 2007, kam der verurteilte Jung-Nazi auf Bewährung auf freien Fuß und bewarb sich an der medizinischen Hochschule.

Im Rahmen der Auswahltest hatte der Bewerber in einem zu verfassenden Lebenslauf seine Mordtat sowie die Haftzeit verschwiegen, niemandem hatte die zeitliche Lücke bemerkt. Auch in den mündlichen Bewerbungsgesprächen mit Psychologen des Institutes war er nicht auffällig geworden. Dabei werden unter anderem soziale Fähigkeiten und Reife der Bewerber getestet. Nach Abschluss des Aufnahmeverfahrens und kurz vor Beginn des Wintersemesters 2007/2008 war die Institutsleitung durch zwei anonyme Briefe auf die wahre Identität des Immatrikulierten aufmerksam gemacht worden. Nachfragen bei der Polizei, daraus resultierende Nachforschungen, die zum richtigen Namen des Studenten führten, hätten die anonymen Aussagen bestätigt. Dennoch, so die offizielle Stellungnahme: «Wir sind zu dem Ergebnis gekommen, dass der Student auf korrekte Weise angenommen wurde. Wir sind verpflichtet, ihn nun auch auszubilden», erklärte die Rektorin des Karolinska-Institutes, Harriet Wallberg-Henriksson, gegenüber der schwedischen Tageszeitung «Dagens Nyheter». Man habe nicht das Recht, jemanden zu exmatrikulieren, weil er im Gefängnis gesessen habe. Zwar könne man in der Institutsleitung verstehen, dass viele Menschen das bei einem verurteilten Mörder anders sehen würden, meine jedoch: «Es ist ein ethisches Dilemma: Wann soll jemand eine zweite Chance im Leben bekommen?» Schließlich habe man sich auch erkundigt, ob «er sich selbst in Gefahr befindet und ob er für die anderen Studenten eine Gefahr darstellt», sei aber zu dem Schluss gekommen, dass er weiter studieren dürfe.

Die Rektorin lässt zwar die Ausbildung des Neo-Nazis zu, würde aber als Patientin nicht zu ihm gehen. Sie erklärte dem «Dagens Nyheter»: «Ich bin selbst Ärztin und der Patient muss schließlich Vertrauen zum Arzt haben», das habe sie selbst nicht. Im Ärztejournal «Dagens Medicin» ist hingegen ein offenes Für und Wider um den künftigen Dr. med. ausgebrochen: «Wir wollen keinen Mörder zum Kollegen», ist dort zu lesen, aber auch: «Ich habe viel mit ihm geredet. Die Haftstrafe hat ihn deutlich verändert. Er wird ein guter Arzt, wenn man ihn lässt und wenn er den gegenwärtigen Mediendruck durchsteht.» Dem scheint der frisch gebackene Medizinstudent indes ganz selbstsicher gewachsen. Auf Journalistenfragen reagiert er fest entschlossen: «Was soll das? Ihr findet, dass ich ungeeignet bin? Es muss doch irgendwann einmal weiter gehen dürfen in meinem Leben. Ich habe die Tests bestanden. Ich werde nicht abbrechen!», erklärte er gegenüber Reprtern des «Dagens Nyheter». Für ein Interview stehe er allerdings nicht zur Verfügung.

In Schweden könne man zwar «immer noch eher in Hunderten als in Tausenden» von Neo-Nazis sprechen, so die führende Rechtsextremismus-Expertin des Landes, Helene Lööw, aber «die Propaganda wird verstärkt und über das Internet leicht verbreitet», warnt Margaretha Linderoth von der Sicherheitspolizei SÄPO. Anzeichen, dass Neo-Nazis nicht nur zahlenmäßig stärker sondern auch gewaltbereiter wie gewaltsamer werden, gibt es seit langem. VAM, «Weißer Arischer Widerstand», ist der Name einer Vereinigung, die sich durch Diebstähle in Kasernen mit Waffen versorgt und durch Banküberfälle finanziert. Die Neonazi-Kampftruppe NRA will den «arischen Kampf» gegen das «degenerierte Schwedenreich» gewaltsam vorantreiben. In der «Arischen Brüderschaft» schlossen sich Neo-Nazis landesweit in Gefängnissen zusammen. Als Justizaufsichtsbehörde und Reichstheater in falsch verstandener Liberalität ein «Resozialisierungsprojekt» starteten, hatte das katastrophale Folgen: Schwedens bekanntester Dramatiker, Lars Noren, hatte auf Bitten der inhaftierter Neo-Nazis und bestätigt vom Resozialisierungsträger das Stück «Sieben zu Drei» geschrieben, in dem er den Rechten ihre eigenen rassistischen Tiraden in den Mund legte und die Rollen mit wirklichen Haftinsassen besetzte. Damit tourte das Reichstheater quer durchs Land.

Die zuständige Vizejustizministerin Britta Lejon spricht indes von einer «erhöhten Aufmerksamkeit, die Polizei und Staatssicherheit seit längerem der braunen Szene widmen».

Johann L. Juttins

«Jüdische Zeitung», Januar 2008