Verjüngt in die Zukunft

Die WIZO France ist offen für jüdische und nichtjüdische Frauen

 

 Foto:Klaus Zinnel

«Wenn man Israel im Herzen hat und Kinder liebt, arbeitet man für die Zukunft», lautet die Devise der 39-jährigen Präsidentin der WIZO France, Nathalie Cohen-Beizermann für ihr Engagement in dieser Organisation. Viele Reformen hat sie für 6-jährige Amtszeit in Angriff genommen und umgesetzt: WIZO France sollte ein neues Gesicht bekommen, was sich jetzt schon zeigt.

Die Veränderungen begannen schon mit der Wahl Mitte des Jahres 2003. Zum ersten Mal seit dem Gründungsjahr steht eine junge Frau dieser großen Institution vor, die in 70 Städten Frankreichs vertreten ist. Insgesamt gut 7.000 Frauen arbeiten dort ehrenamtlich, sieben davon festangestellt. Die zentrale Leitung liegt in einem jüdischen Viertel in großzügigen Büroräumen, in denen unter anderem auch eine Bibliothek untergebracht ist, Sprachkurse gegeben werden und regelmäßige Treffen stattfinden.

WIZO France hat in der Gesamtorganisation der weltweiten Women's International Zionist Organisation einen hohen Stellenwert. Das beweisen die Preisverleihungen, die auf dem alle vier Jahre stattfindenden Weltkongress vergeben werden. 2004 erhielt WIZO France den Pokal der Weltorganisation in Anerkennung der leistungsstärksten Ergebnisse. Zwei französische WIZO - Frauen erhielten eine Auszeichnung mit Diplom als Ehrenmitglieder des Exekutivrates, Präsidentin Cohen-Beizermann wurde durch den israelischen Minister für Touristik mit einem Zertifikat und einer Trophäe für ihre Arbeit und ihr Engagement gewürdigt.

Dies alles für die Unterstützung von etwa 1.500 Kindern, für die Patenschaften seitens der WIZO France übernommen wurden, für sechs Krippen und sieben Jugendzentren in ganz Israel. Neu hinzugekommen ist das Maya Rosenberg Lyzeum in Rehovot mit 500 Schülern. Dieses Gymnasium mit klassischen und technischen Studiengängen wird größtenteils von Immigranten speziell aus Russland und Schülern, die Anpassungsschwierigkeiten haben, besucht. Da von ihren Familien keine Schulgelder bezahlt werden können, muss diese Schule von außen unterstützt werden. Diese Schulform ist mehrfach in Israel vertreten. Preisverleihungen des Staates belegen das hohe Niveau dieser Ausbildungsstätte.

Um alle genannten Projekte zu fördern und um auch neue zu realisieren, braucht WIZO France Geld, da sie keine finanzielle Unterstützung des französischen Staates erhält. Solche Mittel setzten sich aus Spenden, aus Vermächtnissen und Testamenten sowie den Erlösen von zahlreichen recht regelmäßig organisierten Veranstaltungen zusammen, besonders in Paris: Zum «rentrée» etwa, dem Ferienende und Schulbeginn Anfang September, wird mit viel Plakatreklame zu einer Filmretrospektive geladen. Ausgewählt werden Filme, die mit Israel zu tun haben oder von einem israelischen Regisseur produziert, mit israelischen Schauspielern besetzt sind. Jedes Jahr findet ein «Tag für Israel» statt, der tausende Pariserinnen und Pariser bewegt, auf die Straße zu gehen und auch von der WIZO prägend mitorganisiert wird. Im Dezember findet der schon traditionelle sehr gut besuchte Chanukka-Basar in einem noblen Pariser Viertel mit entsprechendem Ambiente statt. Zum Verkauf kommen größtenteils exklusive Kleidung und Einrichtungsgegenständen, aber auch israelische Produkte. In den Städten Frankreichs, in denen WIZO France vertreten ist, findet der Basar in kleinerem Rahmen statt. Einmal im Jahr wird ein großes Golfturnier organisiert und es gibt den schon traditionellen «Tag des Buches» mit gleichermaßen hebräischen, jüdischen und französischen Büchern, der immer viel Anklang findet. WIZO France verleiht anlässlich dieser Veranstaltung Preise für herausragende Schriftsteller, was auch im Literaturteil der Tageszeigungen wahrgenommen und beachtet wird. Colloquien mit anerkannten Professoren zum Thema «Mutter und Kind» wurden eingerichtet. Der Erfolg ist groß, wie voller Stolz die Präsidentin berichtet. Etwa 200 Gäste, größtenteils junge Frauen, haben diesen Tagungen jeweils beigewohnt.

Jedes Jahr gibt es im ganzen Land eine nationale «Kampagne der Solidarität». Jährliche wechselnde Themen wie Armut, Bar- und Bat.Mitzwah oder Junge Mädchen in Not werden von der Leitung der weltweiten WIZO vorgeben. In Paris, wie auch in anderen Städten Frankreichs, wird zu einem Nationalessen mit Persönlichkeiten von Stadt und Land und Vertretern der Regierung geladen. Zusätzlich finden viele Veranstaltungen zu diesen aktuellen Themen statt.

Besonders wichtig ist die Vermittlung von jüdischen Werten, daher werden auch Kurse über jüdisches Denken angeboten. Zu Rosch Chodesch wird ein Essen für die WIZO-Frauen ausgerichtet und der 8. März, der «Tag der Frauen», wird groß gefeiert.

Höhepunkt ist einmal im Jahr, im Dezember, das Gala-Diner im «Hotel de Ville», dem Rathaus der Hauptstadt, mit Essen, Musik und Tanz, zu dem auch viele Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft und öffentlichem Leben geladen werden. Der Bürgermeister von Paris, Bertrand Delanoe, erneuerte bei seiner letzten Rede seine Unterstützung für die WIZO und Israel und erinnerte daran, dass «sein Haus auch das Haus der WIZO sei».

Überhaupt genießt die WIZO France eine hohe Anerkennung, großes Ansehen und vielfältige Unterstützung in der nichtjüdischen Welt. Die Verbindungen zu ihr, die Zusammenarbeit sei sehr gut, so Cohen-Beizermann. Das beweisen auch die vielen Photos mit den entsprechenden Widmungen, die in den Büroräumen aufgehängt sind. Frankreich achtet «seine» Juden sehr und wird diese als seine Staatsbürger auch immer, soweit es möglich ist, schützen: Wie der ehemalige Staatspräsident, Jacques Chirac, schon fast sprichwörtlichen Satz sagte: «Wer einen Juden angreift, greift Frankreich an». Der neue Staatspräsident, Nicolas Sarkozy, selbst mit ungarisch-jüdischen Vorfahren, bekräftigte schon vor seiner Wahl des öfteren den besonderen Stellenwert einer künftigen Regierung, den der Schutz der jüdischen Bevölkerung, die Intensivierung des Verhältnisses zu Israel und der Abbau von Antisemitismus haben müssen - und das in aller Bestimmtheit. Wenn französische Minister Israel besuchen - auch Außenminister Bernard Kouchner ist jüdischen Glaubens - und sich dort für den Frieden im Nahen Ost einsetzen, hat das nicht nur in Israel eine positive Resonanz hervorgerufen, sondern wird auch von jüdischen Franzosen außerordentlich begrüßt.

Seit fast 30 Jahren unterhält WIZO France eine vierteljährige Zeitschrift «Mila» mit einer Auflage von gut 5.000 Exemplaren. Diese soll auch als Bindeglied zu den WIZO-Frauen dienen. Sie berichtet über wichtige Ereignisse in Paris und anderen Städten, befasst sich mit jeweils einem aktuellen Thema, bringt Kurzmeldungen aus Israel über Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur, Familiennachrichten und gibt Buchtipps. Fast alle Verbesserungen und Erweiterungen der Themenfelder kamen auf Vorschläge von Leserinnen zu standen. Hier sind wir bei einem wichtigen Punkt, der der jungen Nathalie Cohen-Beizermann sehr am Herzen liegt. Seit ihrer Wahl ist WIZO France mit einem Neuzugang von etwa 1.000 Mitgliederinnen, besonders jungen Frauen, stark angestiegen. Das Bild hat sich stark verändert, WIZO hat sich deutlich verjüngt und dies muss auch nach außen getragen werden. Da funktioniert nur mit intensiverer Kommunikation, mit starker Präsenz in den Medien. Denn WIZO France ist nicht nur und will nicht nur für jüdische Frauen da sein, sondern für alle Frauen, gleich welcher Religion und welcher Nation - und dies sowohl in Frankreich selbst, als auch in Israel. Die Präsidentin ist seit Kindesbeinen an überzeugte Zionistin: Israel «ist meine jüdische Wirbelsäule». Jedoch will sie dieses Denken und diese Gefühl nicht als Barriere und Abgrenzung verstanden wissen. WIZO France verteidige den Frieden und die Kinder. Man könne sich doch nicht vorstellen, dass eine Frau, die ein Kind in sich trägt, es später in den Tod schicken wolle. So versucht die sympathische und überzeugende Vorsitzende, die selbst sechs Kinder hat, nichtjüdische Menschen für die Arbeit und die Bedeutung ihrer Institution zu begeistern. Dieser Gedanke müsse weitergetragen werden und immer mehr jüdische und nichtjüdische Menschen erreichen, so Cohen-Beizermann. Daher sei beschlossen worden gerade im kommunikativen Bereich zu investieren. Es existiert eine gut gemachte, informative Website. Einmal in der Woche gestaltet Cohen-Beizermann eine Sendung über Aktuelles der WIZO und ihre Veranstaltungen auf einem jüdischen Radiosender, die in ganz Frankreich zu empfangen ist.

Die Präsidentin hat noch ein ganz anderes großes Thema angepackt: Die Gleichberechtigung der Frau, sowohl der jüdischen, als auch der nichtjüdischen, der Frau, die verwurzelt in ihrem jeweiligen Glauben ist oder der Frau im öffentlichen Leben - und auch dies wiederum sowohl in Frankreich als auch in Israel. Mit Unterstützung der größten jüdischen Wochenzeitung Frankreichs, der «Actualité juive», wurden Umfragen gestartet, veröffentlicht und in der Zeitung diskutiert. Meinungen zur Rolle der Frau wurde auch von Rabbinern eingeholt. Mit ein brennendes Problem, lange Zeit tabuisiert, waren auch die vom Ehemann geschlagenen, geschundenen Frauen, die sich anonym äußern konnten. Beide Projekte werden weiter verfolgt.

Nathalie Cohen-Beizermann hat noch viel vor, auch wenn sie jetzt schon sehr eingespannt ist und sie einen vollen Terminkalender hat. Aber sie liebt ihre Arbeit und betont, dass man an das glauben muss, was man macht, denn nur mit Ernsthaftigkeit könne man Menschen für seine Ideale gewinnen. So lässt sie auch das Argument einiger Frauen nicht gelten, dass sie sich aus Zeitgründen nicht ehrenamtlich engagieren könnten. Es ginge doch schließlich um die Zukunft jeder einzelnen Frau, jedes Menschen. Und diese Präsidentin ist der beste Beweis, dass trotz ihrer Verpflichtungen ihrer eigenen großen Familie gegenüber dieser Einsatz möglich ist.

Brigitte Zinniel, Paris

«Jüdische Zeitung», Februar 2008