Zwischen Tallinn und Istanbul

«Centropa» sammelt Zeugnisse jüdischen Lebens – nicht des Todes

 

In der Pfeilgasse 8/15 im 8. Wiener Grenzbezirk hat eine ungewöhnliche Organisation ihren Sitz. Eine großbürgerliche Wohnung ist zu einem unvergleichlich «lebendigen», man möchte fast sagen: liebenswerten Informationszentrum besonderer Art umfunktioniert worden. Die Mitarbeiter «sitzen» nicht nur in Wien selbst, sondern sind für «Centropa» aus einem weiteren Büro in Budapest, sowie als korrespondierende Mitarbeiter aus Bulgarien und Rumänien, Tschechien und der Slowakei, Serbien, Kroatien, Mazedonien und Bosnien-Herzegowina, aus Griechenland und der Türkei, aus den drei baltischen Republiken sowie schließlich aus der Ukraine, Moldawien und Russland tätig. Den insgesamt mehr als 100 Historikern, Filmemachern, Webdesignern, Journalisten, Pädagogen und Aktivisten jüdischer ortsansässiger Gemeinden, die meisten von ihnen arbeiten in Teilzeit; etwa ein Dutzend sind als Ganztagsbeschäftigte angestellt, geht es nicht um die Darstellung der Verfolgung, Deportation und Vernichtung des jüdischen Volkes europaweit - sondern um die Dokumentation des Lebens! «Centro», das «Central Europe Center for Research and Documentation», wendet sich nicht dem Tod, nicht dem Überleben, sondern dem jüdischen Alltagsleben zu, als das Verbrechen der Shoa noch nicht begonnen hatte.

Seit sieben Jahren wurden dazu etwa 1.500 erzählte Lebensgeschichten angehört und aufgeschrieben sowie an Hand von mehr als 25.000 in Privatbesitz befindlichen Familienphotographien bewahrt, von Mitarbeitern des Centers jetzt digitalisiert. Die Mitarbeiter des Projektes unter dem Titel «Jüdische Zeugen eines europäischen Jahrhunderts» besuchen europaweit Überlebende und lassen sich während des Einscannens der Bilder Alltagsbegebenheiten zu den Photos erzählen: von ganz «banalen» Familiengeschichten bis zu den Geheimrezepten der jiddischen Mamme in der Rubrik «Iss, mein Kind - das Rezepte-Archiv». Viele von den unzähligen und für den Einzelnen sehr persönlichen und unauslöschlichen Erinnerungen, die sich mit jedem Photo bislang nur für ihn selbst verbinden, können so aufgehoben werden. Denn was anderen Völkern durch jahrzehntelange museale Arbeit bewahrt werden konnte, ist zu größten Teilen dem jüdischen im Holocaust verloren gegangen. Eine umfassende und modern aufgearbeitete Volkskunde.

Die Ergebnisse der Recherchen werden in einer mit Schlagworten versehenen Datenbank bewahrt, die weltweit über jeden Computer mit Internetanschluss zugänglich ist. Hier kann nach Photos aus 37 Staaten, hunderten Orten und ebenso vielen Familiennamen systematisch gesucht, Biographien und Photos können heruntergeladen werden. Ergeben sich aus mehreren Photos ganze Geschichten, sind sie als Filme zusammengestellt und stehen ebenfalls zur Verfügung. Erweiterte Suchen in den Originalsprachen sind ebenso vorgesehen, wie historische Reportagen über jüdische Gemeinden in Mittel- und Osteuropa oder ein Reiseratgeber durch das moderne jüdische Europa.

Viele europäisch-jüdische Familiengeschichten spielen sich in mehreren Ländern des Kontinents ab, so werden die meisten Begebenheiten nicht nur auf einer, sondern gleich auf allen drei Webseiten von «Centropa» eingestellt - der englischsprachigen, der deutschsprachigen und der ungarischsprachigen.

Mit dem Ende der Interviews, die man bei «Centropa» allein schon deshalb für absehbar halten muss, weil in wenigen Jahren auch die letzten Zeitzeugen verstorben sein werden, beginnt der zweite Teil der Arbeit: Dieses enorme «Archiv der Alltagserinnerungen» auch zu benutzen und für Interessierte authentisch benutzbar zu machen: Für Bücher, Dokumentarfilme, Bildungsprogramme, Ausstellungen oder Webseiten. Dabei liegt der Schwerpunkt der Mitarbeiter von «Centropa» auf der Erarbeitung von kompletten Bildungsprogrammen für jüdische Schulen in den USA, aber auch für jüdische und nicht-jüdische Bildungseinrichtungen in der ganzen Welt.

Michael Weithofer, Wien

«Jüdische Zeitung», Februar 2008