Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() Viel Lärm um wenig!Jugendkongress über Rechtsradikalismus ließ viele Fragen offen.
Unter dem Motto «inAktion» - Jugend gegen Rechtsextremismus luden die Berliner Senatverwaltung für Inneres und die Abteilung Verfassungsschutz zum Jugendkongress ein. Bei der im Berliner Abgeordnetenhaus veranstalteten Tagung bekamen rund 200 jugendliche Multiplikatoren die Gelegenheit, mit Politiker wie Sozialsenatorin Heidi Knake-Werner, Innensenator Ehrhart Körting und Vertretern unterschiedlicher zivilgesellschaftlicher Organisationen, darunter die Amadeu Antonio Stiftung und Exit Deutschland, über die Thematik Rechtsextremismus zu diskutieren. Unter den zahlreichen Schülersprechern und Vertretern von Schülerzeitungen auch die 18-jährige Deborah Naumann von der Jüdischen Oberschule Berlin. Sie engagiert sich seit Jahren politisch und hat an mehreren Veranstaltungen dieser Art teilgenommen. Auch dieses Mal lässt sich die Schülerin nicht davon abhalten, sich selbst am politischen Geschehen zu beteiligen und beweist somit, dass die «Jugend von heute» keineswegs aus politisch desinteressierten Computersüchtigen besteht.
Welche inhaltlichen Schwerpunkte führten durch den Kongresstag? Der Kongress begann mit einer Begrüßungsrede von Walter Momper, dem ehemaligen Berliner Bürgermeister und derzeitigen Präsidenten des Berliner Abgeordnetenhauses. In Form eines Vortrags gab Folker Schweizer von der Abteilung Verfassungsschutz anschließend eine kurze Einführung zum «Phänomen Rechtsextremismus». Anschließend widmeten wir uns einem der zentralen Aspekte des Jugendkongresses «Wege in die Szene - Wege aus der Szene». In diesem Zusammenhang wurde uns ein Interview mit Daniel Landgraf gezeigt, einem Aussteiger aus der Neonazi-Szene und ehemaligen Mitglied der mittlerweile verbotenen «Berliner Alternative Südost».
Wie war Dein Eindruck zu diesem Interview? Für mich war es durchaus interessant zu sehen, welche Hürden genommen werden müssen, um aus der rechten Szene auszusteigen, in die man so leicht reingerutscht ist. Mit seinem Ausstieg musste sich Daniel sowohl von seiner räumlichen Umgebung, als auch von seinem privaten Umfeld trennen. So brach er auch jeglichen Kontakt zu seinem Großvater ab, der ihn in die Neonazi-Szene eingeführt hatte. Nach dem Interview konnte wir Fragen bezüglich des Aussteigers an Bernd Wagner stellen, einem Mitarbeiter des Zentrums für Demokratische Kultur, der Daniel während seines Ausstiegs begleitet hatte. Er machte klar deutlich, dass Beratung und Unterstützung notwendig sind, damit jemand, auch gegen den Widerstand und die Bedrohung ehemaliger Mitglieder, seinen Absprung schafft.
Ihr hattet die Möglichkeit, Euch in Workshops mit der Propaganda der Rechten auseinanderzusetzen, für welchen Workshop hast Du Dich entschieden? Es gab zwar ein breites Angebot aus dem man wählen konnte, der eine Workshop nannte sich zum Beispiel «Grenzen der Toleranz» und beschäftigte sich mit der «Streitbaren Demokratie» in Bezug auf die NPD, ein anderer befasste sich mit den Symbolen und Kennzeichen von Rechtsextremisten. Jedoch waren mir die meisten dieser Themen schon bekannt und daher entschied ich mich für eine Gruppenarbeit zum Komplex «Worte als Waffe». Es hat mich gereizt mehr über rechtsextremistische Argumentationsstrukturen zu erfahren, um mich in Zukunft gekonnt gegen ihre Äußerungen wehren zu können. Alle Gruppen setzten sich sowohl aus Schülern, als auch aus Politikern und den Mitgliedern der am Kongress beteiligten Organisationen zusammen. Diese Gruppenkonstellation gewährleistete einen optimalen Austausch an Erfahrungen und führte somit zu durchaus brauchbaren Lösungsansätzen. Zum Schluss der Workshopphase stellte jede Gruppe ihre Ergebnisse in Form einer Präsentation vor.
Wie verliefen die Diskussionen mit den Politikern? Für uns war vor allem wichtig, zu erfahren, wie die Politiker konkret gegen Rechtsradikalismus an Schulen vorgehen wollen. Uns und unseren Schulen wurde Unterstützung zugesagt und wir wollten wissen, wie die ganz konkret aussehen sollte. Doch leider bekamen wir keine eindeutigen Antworten, sie fingen an sich rauszureden und verwiesen darauf, dass trotz Geld- und Personalmangel versucht werde, optimale Sicherheit und Prävention zu erreichen. Wir waren uns alle darüber im Klaren, dass dies so nicht funktionieren kann. Außerdem waren wir gespannt darauf, zu hören, warum es keine Konsequenzen nach sich zieht, wenn Schüler im Unterricht rechte Parolen von sich geben. Doch welcher der dort anwesenden Politiker aus dem Bereich Bildung lässt schon in aller Öffentlichkeit durchscheinen, dass es Lehrer gibt, die mit solch einer Situation völlig überfordert sind. Da sich keiner der Politiker präzise dazu äußern konnte, wurden wir auch hier wieder mit vagen Antworten abgespeist.
Wurden Deine Erwartungen an den Jugendkongresses erfüllt? Dem Motto, unter dem der Kongress stand, wurde zwar entsprochen, dennoch habe ich etwas mehr erwartet. Ich war positiv davon überrascht, wie viele Initiativen dort vertreten waren. Beispielsweise war mir die «Mobile Beratung gegen Rechtsradikalismus in Berlin» bis zu diesem Zeitpunk völlig unbekannt. Deren Mitarbeiter gehen bei entsprechenden Anfragen direkt in Jugendeinrichtung und Schulen, um mit den Jugendlichen zu arbeiten. Ich bin der Meinung, dass solche Organisationen noch mehr publik gemacht werden müssen. Leider bot der Kongress den meisten von uns keine neuen Erkenntnisse, es wurde viel geredet aber wenig gesagt. Wir haben zwar einige Lösungsansätze erarbeiten können, um den Einfluss der rechten Szene auf Jugendliche zu unterbinden, jedoch bringen diese nichts, wenn sie nicht auch voll umgesetzt werden können. Solche Veranstaltungen sind wichtig und auch dringend notwendig, dennoch stellt sich mir Frage, was sie bringen, wenn nur einem geringen Teil die Möglichkeit offeriert wird an ihnen teilzunehmen und der Rest der Berliner Schüler ungewollt ausgeschlossen bleibt.
Siehst Du in Bezug auf das Thema Rechtsextremismus einen Unterschied zwischen den Schülern Deiner Schule und denen anderer? Natürlich besteht dieser Unterschied. Als Schülerin einer jüdischen Schule beschäftigt man sich wesentlich ausführlicher mit dieser Thematik, während es an anderen Schulen meiner Meinung nach viel zu kurz kommt. Es wird zwar im Geschichtsunterricht im Zusammenhang mit dem 3. Reich behandelt, jedoch dann schnell wieder zu den Akten gelegt. Leider ist der schulische Rahmenplan viel zu knapp bemessen, um sich mit dem Problem Rechtsextremismus, vor allem in der Gegenwart, zu befassen. Dabei ist es doch besonders wichtig die Jungendlichen aufzuklären, denn sie sind die Wähler von Morgen. Ich bin der Meinung, dass gezielte Aufklärung innerhalb des Unterrichts und das nicht nur in wenigen Stoffeinheiten, nach wie vor unerlässlich wäre. |