Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() Neue Juden oder: Das Ende der Diaspora?Jüdische Identität als Liebe zur Differenz.
Wer kennt es nicht, dass hadern mit dem eigenen Judentum? «Was habe ich mit Juden gemeinsam?», fragt etwa Franz Kafka in einer Tagebuchaufzeichnung von 1914. «Ich habe kaum etwas mit mir gemeinsam und sollte mich ganz still, zufrieden damit, dass ich atmen kann, in einen Winkel stellen.». Mit der Gründung des Staates Israel vor 60 Jahren und insbesondere nach dem siegreichen Sechstagekrieg von 1967 wurde der jüdische Staat zum identitätsstiftenden Moment für Juden und Jüdinnen in aller Welt. Aber ist Israel heute tatsächlich das spirituelle Zentrum für all diejenigen, die für sich eine jüdische Heimat suchen? Ist die Rede von der Rückkehr nach Zion nicht längst ein antiquierter Topos? Leo Baeck beschrieb das Verhältnis von Eretz Jisrael und der Diaspora noch als zwei Pole einer Ellipse, die sich gegenseitig bedingen, doch diese Wechselbeziehung scheint längst in die Brüche gegangen zu sein. Das Unbehagen gegenüber Israel und der Diaspora-Blues weichen inzwischen einem neuen Selbstbewusstsein, zumindest in den USA - das beschreiben jedenfalls die Sozialwissenschaftlerin Caryn Aviv und der Historiker David Shneer in ihrem Buch «New Jews. The End of the Jewish Diaspora», das 2005 in der New York University Press erschienen ist. Das Judentum hätte den Postmodernismus entdeckt, spottete die Ellen Green Kaiser in ihrer Buchbesprechung in der Zeitschrift Tikkun. Aber knüpft die Diskussion um Zentrum und Peripherie in diesem Buch nicht an alte Diskussionen an? Manches erinnert an die Debatten um die Jüdische Renaissance im Denken Martin Bubers oder an das Ringen um Deutschtum und Judentum bei Hermann Cohen, anderes an die Beschwörung von Europa als dritter Säule des Judentums durch Diana Pinto oder an die Israel-Kritik von Göran Rosenberg vor gut zehn Jahren. Alter Wein in neuen Schläuchen? Die ganz subjektiven Zugänge von Aviv und Shneer, ihre Assoziationsketten und ihre Wortwahl sind erfrischend anders, wenn auch nicht wirklich neu. «Sich über die gemeinsame Vergangenheit und Abstammung zu definieren hat uns aneinander geknüpft, obwohl wir manchmal wenig miteinander gemein haben. Aber das ist in Ordnung so; wir werden überleben und wachsen, selbst wenn wir uns manchmal fremd sind.» Dieses Streben nach «Community» und «Commonality» gab es in der Weimarer Republik genau so wie nach der politischen Wende nach 1989 in Mittel- und Osteuropa. Die erste Suche nach einem neuen Selbstverständnis wurde durch Verfolgung, Emigration und Schoa beendet, während die Aufbruchstimmung nach 1989 in Deutschland bald dem Bedürfnis wich, die russischsprachigen Zuwanderer in eine jüdische Tradition zu stellen, über sich die Alteingesessen selbst nicht einig waren und sind. Das beiden Autoren, die beide an der University of Denver unterrichten, bauen ihre Ideen auf sechs Beobachtungen auf: Seit dem 19. Jahrhundert sind es die USA, die neue Formen jüdischer Religiosität hervorgebracht haben, namentlich den Rekonstruktionismus und die Renewal-Bewegung; im Jahr 2003 sind laut Migrationsstatistik mehr Juden von Israel nach Moskau gezogen als vice versa; ein beträchtlicher Anteil der Israelis betrachtet sich nicht als Juden im religiösen Sinne, und viele israelische Bürger leben außerhalb des Landes; New York und nicht etwa Jerusalem oder Tel Aviv ist das Zentrum der instututionalisierten jüdischen welt und der jüdischen Philantrophie; Jiddisch ist noch immer eine lebendige Sprache, und die Zahl derjenigen, die Jiddisch erlernen, wächst. Kurzum, die jüdische Diaspora ist autonom. Das Autorenpaar beschreibt über fünf Kapitel hinweg die für sie maßgeblichen Daseins- und Erscheinungsformen des zeitgenössischen Judentums. Das Kapitel «Let My People Stay» befasst sich mit dem jüdischen Leben in Moskau nach dem sogenannten Exodus; unter der Überschrift «Encounters with Ghosts» kritisieren sie im zweiten Kapitel den Versuch, durch organisierte Reisen ins osteuropäische Jiddischland und zu den Vernichtungslagern jüdische Identität zu stiften. Aber auch die «Taglit-Birthright Israel» werden als hilfloser Versuch, junge Diaspora-Juden für Israel zu gewinnen, in Frage gestellt. Das dritte Kapitel beschäftigt sich mit den «Tempeln amerikanischer Identität», etwa mit dem Holocaust Museum in Washington, dem Jüdischen Museum in New York sowie dem Skirball Museum und dem «Museum of Tolerance - Bet Ha-Shoah» in Los Angeles. Im vierten Kapitel, «Castro, Chelsea, and Tel Aviv. Queer Jews at Home» wird unter anderem die Erfahrung des Ausgegrenztseins als Impuls für eine nachhaltige Erneuerung jüdischer Liturgie und Theologie genannt, und das fünfte Kapitel, Our Kind of Town», kreist um das Verständnis von New York als Zentrum des jüdischen Universums. In der jüdischen Welt, die Aviv und Shneer beschreiben, gibt es keine ewigen Wanderer mehr, die auf der Suche sind nach dem Gelobten Land. Ihre Juden sind längst zu Hause angekommen: in Los Angeles und Jerusalem, Moskau, New York, Tel Aviv, Warschau und Berlin. Das Autorenpaar schließt sinngemäß mit dem Gedanken: «Wenn der Begriff ‚Jüdisches Volk' bedeutet, dass alle Juden eins sind, dass wir mit einer Stimme sprechen, dass wir ein angeborenes gemeinsames Verständnis von der Welt und eine Vision für diese Welt teilen, dann, ja dann haben wir das ‚Ende des jüdischen Volkes' erreicht, und diese Entwicklung ist gut für die Juden.» Bei aller Polemik und Schnoddrigkeit sind dies keine wirklich umwerfenden Erkenntnisse, denn dass das Judentum viele Gesichter hat und nicht unisono spricht, hat sich seit biblischen Zeiten immer wieder bestätigt - nur dass dies Juden wie Nichtjuden oftmals nicht so recht wahrhaben mögen. Und so kann das essayistisch angelegte Buch von Caryn Aviv und David Shneer doch dazu beitragen, mit liebgewonnenen Klischees aufzuräumen und Vielfalt, ja Widerspruch als Gewinn für ein lebendiges Judentum zu verstehen.
Caryn Aviv und David Shneer: New Jews. The End of the Jewish Diaspora. New York University Press, New York 2005. |