«Laissez faire» pur

Die israelische Mittelmeerküste bietet ein kulturell ansprechendes Programm. Und reine Erholung gibt es noch dazu

 

Foto:Heike Linde-Lembke

130 Kilometer ist sie lang. Und auf diesen 130 Kilometern hat sie unglaublich viel zu bieten: Strand- und Nachtleben, Natur und Kultur, Antike und Moderne, Golf, Paragliding, Klettern, Segeln oder einfach nur Schwimmen. Israels Mittelmeerküste ist also mehr als nur Tel Aviv. Sie ist eine Entdeckungsreise wert, und Küstenstädte wie Netanya und Nahariya, historische Stätten wie Caesarea und Naturereignisse wie Rosh Ha'Nikra an der libanesischen Grenze sind ein Erlebnis.

Entspannte Ruhe etwa bietet Netanya mit seinem 14 Kilometer langen, gepflegten Strand, seinen zahlreichen Hotels mit weitem Blick aufs Meer, seiner breiten, elegant renovierten Strandpromenade und den Cafes und Restaurants rum um den Marktplatz, dem Kikar Haatzmauth. Dort sitzen, ein Glas Wein, einen «großen Braunen» oder «kleinen Schwarzen» zu trinken, dazu ein köstliches Stück Kuchen oder gar Torte zu verputzen, Leute gucken und geguckt werden, bedeutet «Laissez faire» pur. Im Sommer zeigen hier Kleinkünstler bunte Performances.

Netanya, 30 Kilometer nördlich von Tel Aviv und 50 Kilometer südlich von Haifa, ist ein Familienbad. Hier geht es beschaulicher zu als im brodelnden, durchgehend geöffneten «Big Orange» Tel Aviv, hier sind Familien und Sportler Zuhause. Zu den acht bewachten Stränden vom Goldschmitz-Strand im Süden bis zum Blue Bay Beach im Norden führen bequeme Fahrstühle. Bars und Restaurants sorgen auch am Strand fürs leibliche Wohl, Liegestühle, Sonnenschirme, Umkleidehäuschen und Duschen für Komfort.

Vom netten Nichtstun ist es ein Katzensprung zur Hochkultur. Caesarea, die antike Hafenstadt, verzeichnet eine wechselvolle Geschichte, die in immer neuen und weiteren Schichten ausgegraben wird und zum Nationalpark erklärt wurde. Nicht nur das Amphitheater, in dem im Sommer Veranstaltungen wie Opern und andere vergnügliche Spektakel stattfinden, auch die gesamte Kreuzfahrerstadt mit der byzantinischen Piazza im Norden lassen den Besucher in eine antike Welt eintauchen.

Schnellgucker brauchen eine Stunde für die Besichtigung. Wer aber Caesarea ganz erfassen will, sollte sich einen Tag Zeit nehmen. Tipp: Ein Start im Informationszentrum «Time Tower» mit der didaktisch hervorragend ausgestatteten Multimedia-Show und Filmen bereitet in anschaulicher, spannender Weise die Basis für den Rundgang durch die antike Stadt. In der dreidimensionalen, interaktiven Darbietung kann jeder Besucher Persönlichkeiten wie Herodes, Saladin, Rabbi Akiva, Paulus, Hannah Senesh oder Baron de Rothschild Fragen zu Caesarea stellen.

Gegründet wurde Caesarea Maritima, so der vollständige Name, zwischen 22 und 10 v.d.Z. vom Römerkönig Herodes zu Ehren des Kaisers Augustus, des Caesars also. Dafür musste die phönizische Hafenstadt Turris Stratonis weichen. Herodes stattete die Stadt mit dem üblichen römischen Luxus aus, mit dem halbrunden Theater, das den Zuschauern nicht nur eine hervorragende Akustik bietet, sondern auch noch einen atemberaubenden Blick aufs Meer. Herodes ließ weitere Theaterbauten, Hippodrom, Bade- und Markthäuser, eine Stadtanlage und einen großen Hafen bauen, dazu einen Pracht-Kardo, gesäumt von Marmorstatuen, Tore und Türme, Aquädukte und Schutzwälle und ein Heiligtum zu Ehren Roms, das später zur byzantinischen Kirche, dann zur Moschee und letztlich zu einer Kathedrale der Kreuzfahrer umgebaut wurde. Auch Pontius Pilatus regierte zeitweise von Caesarea aus. Erst heute werden die Schönheiten der antiken Stadt wieder Stück für Stück freigelegt. Unbedingt sehenswert sind die bestens erhaltenen Mosaikböden mit ihren aparten Farben und Figuren, beispielsweise die prachtvollen Vögel.

Nach der Zerstörung Jerusalems 70 n.d.Z. wurde Caesarea die wichtigste Stadt der damaligen Region. Im Jahr 135 wurden einige Anführer des Bar-Kochba-Aufstandes in Caesarea ermordet, unter ihnen auch Rabbi Akiba, der geistige Vater von Bar Kochba. Ende des zweiten Jahrhunderts wurde Caesarea Bischofssitz. Doch die Perser vertrieben die Christen, wie diese zuvor die Juden vertrieben hatten, und Caesarea verfiel. Erst die Kreuzfahrer entdeckten Stadt und Hafen wieder für sich. Sie bauten sie 1254 wieder zur Festung aus. Doch die ursprüngliche römische Größe sollte Caesarea nie wieder erhalten, denn bereits 1275 eroberte Sultan Baibar das Kleinod an der Mittelmeerküste. Wieder verfiel die Stadt. 1940 gründete sich neben Caesarea der Kibbuz Sdot Jam, und mit der Staatsgründung Israels vor 60 Jahren wurde in der Höhe der antiken Stadt ein modernes Villenviertel gebaut. Auf dessen Nordseite am Meer steht auch das berühmte Aquädukt direkt am Strand. Leider wurde vor zwei Jahren auch der Bau eines ausgesprochen hässlichen Restaurants direkt vor dem antiken Bauwerk genehmigt - ein Frevel an Natur und Landschaft!

Vom Informationszentrum, um das sich eine Reihe Galerien, Cafes, Bars, Restaurants, gediegene Geschäfte und ein Strand mit einer kleinen Marina gruppieren, führt ein gut beschriebener Weg durch den Nationalpark. Dieser «Marktplatz» ist mittlerweile zu einem Treffpunkt für trendige Israelis geworden. Der kurze Rundgang dauert bis zu zwei Stunden, der mittlere drei Stunden und der lange Rundgang bis zu sechs Stunden.

Ähnlich wie Caesarea wird auch in Akko Schicht für Schicht Geschichte freigelegt. Doch vor Akko wird in der Gegenwart angedockt, in der pulsierenden Hafenstadt Haifa, der «israelischen Perle des Nordens». Egal, ob oben auf dem Berg Carmel in der Moriah-Straße, auf dem Ben-Gurion-Boulevard in der «German Colony», dem Viertel der christlichen «Templer», im romantischen Künstlerviertel «Wadi Nisnas», in dem Juden, christliche und muslimische Araber in Freundschaft miteinander leben, in dem sich Straßencafés und Restaurants aneinanderreihen, unterbrochen von kleinen Bäckereien mit pittoresken Bergen von kleinen Kuchen oder auch komischen, bizarren oder kitschigen Kunstwerken. Hier treffen sich nicht nur die erwachsenen Haifaianer. Hier pulst das Leben, und der Schwatz der Alten ist hier ebenso Zuhause wie das Lachen der Kinder. Hier wird im Dezember jedes religiöse Fest gefeiert, Chanukka, Ramadan, Advent und Weihnachten, und ein jeder feiert mit den anderen.

Haifa, das auch die Stadt der Bahai mit ihrer wunderschönen Tempel- und Gartenanlage. Eine Viertel Millionen Dollar ließen sich die Bahai die Anlage zu Ehren ihres Gründers Baha Ula kosten. Dafür gelten Israels hängende Gärten heute als achtes Weltwunder. In diesem wohl akkuratesten Garten der Welt wird jeder Fitzel Papier, so es denn jemand wagt, ihn fallen zu lassen, sofort von einem der über hundert Gärtner entsorgt. Der Blick von der Panoramastraße mit der von Kaiser Wilhelm II. gespendeten Kanone über die Gärten, über das Templerviertel bis hinunter zum Hafen und weiter über das Meer bis Akko ist schlichtweg einmalig.

Haifa ist nicht nur die Stadt des Business mit Werbeagenturen, Plattenlabels, Zeitungsredaktionen und Universität, sondern auch die Stadt, in der Religionen friedlich miteinander leben. Neben dem Bahai-Tempel, Synagogen und Moscheen, beispielsweise die der muslimischen Friedenssekte der Ahmedianer, gibt es 30 Kirchen. Darunter ist das Carmeliter-Kloster mit der Kathedrale «Stella Maris» ein Muss.

Gleich neben Haifa in den Bergen sind die Drusen beheimatet. Trotzdem aller Religionsvielfalt, trotz 140 verschiedener Nationen als Einwohner ist die Stadt frei von heiligen Stätten. «Weder Moses, Jesus noch Mohammed waren hier», sagt denn auch Haifas Bürgermeister Jona Jahav und scheint darüber ganz froh zu sein, nimmt es doch die Brisanz aus dem religiösen Kessel. Dafür ist Hafia geprägt von deutschen Einwanderern, den Jeckes, die im Hafen von Haifa nach einer langen Odyssee endlich an Land gehen konnten und vor Hitler-Deutschland gerettet waren.

Haifa ist ein guter Startpunkt für Ausflüge nach Galiläa bis hoch in die Golan-Höhen oder nach Norden über Akko bis nach Rosh Ha'Nikra. Tipp: Ein Hotel mitten in der Stadt wählen und nicht unten am Strand, da diese doch extrem abgelegen und zudem in Service und Küche nicht gerade topp sind.

Eine Viertelstunde Autofahrt entlang der Küste liegt Akko. Die Kreuzfahrerstadt ist mittlerweile ausgegraben. Doch darunter wurden weitere Epochen sichtbar: Römer, Griechen, Philister, Phönizier, Assyrer, die Stämme Israels und der Babylonier Nebukadnezar - sie alle waren in Akko. Sie alle haben «ihr» Akko gebaut, und zwar meistens auf dem Akko der anderen.

Alexander der Große brachte 333 v.d.Z. Ordnung ins Chaos und legte auf der Halbinsel den endgültigen Grundstein für die Festung. 220 n.d.Z. brach mit den Römern eine 500-jährige Friedenszeit für Akko an und damit eine wirtschaftliche und gesellschaftliche Blütezeit. Im Jahr 635 eroberten Muslime die Stadt für 500 Jahre.

Heute sichtbar ist die Prägung durch die Kreuzritter, die die Stadt 200 Jahre von 1104 an beherrschten. In den mittlerweile von Schutt und Unrat befreiten und restaurierten Rittersälen und Prefektorien mit ihren prachtvollen Säulen und Arkaden werden heute Ausstellungen gezeigt, Theaterspiele aufgeführt, Feste gefeiert.

Die Kreuzritter mussten den Ottomanen weichen, 1799 belagerte dann Napoleon die Stadt, musste aber wieder abziehen. Die Kreuzfahrerstadt war auch Schauplatz der Hinrichtung einiger israelischen Irgun-Kämpfer durch die englischen Besatzer im Jahr 1947.

Akko - das ist der Stoff, aus dem Sagen- und Heldengeschichten geschrieben werden. Und so ganz nebenbei und völlig irdisch lockt ein malerischer Schuk, lockt der Rundgang über die alte Stadtmauer direkt über dem Meer mit einem fantastischen Fischrestaurant an seiner exponierten Stelle, dem «Doniana».

Kurz vor Nahariya gilt es, Shavei Zion zu besuchen. 1938 wanderte die jüdische Gemeinde aus Rexingen bei Horb am Neckar mit Hilfe des Jüdischen Nationalfonds (JNF) geschlossen ins damalige Palästina aus (siehe S. 24). 40 Flüchtlinge landeten am 13. April 1938 in ihrem Sehnsuchtsland. Die Vieh- und sonstigen Händler mussten gründlich umdenken, wurden Bauern und machten den Küstenstreifen urbar. Heimlich, denn weder die Briten noch die Araber freuten sich über die Neuankömmlinge. Sie gründeten sogar eine eigene Feuerwehr in Shavei Zion, ihrem Dorf, ihrem Moshav, in dem 1942 auch die Sängerin Daliah Lavi geboren wurde. «Wir haben unser Leben in Deutschland hierher transportiert. Wir dachten in Deutsch, sprachen in Deutsch, arbeiteten Deutsch», sagte Pinchas Erlanger, der 1938 als 13-Jähriger mit auswanderte. Heute leben 80 große Familien in Shavei Zion. Sie leben von der Landwirtschaft, vor allem aber von einem großen Hotel «Beit Hava Hofit» und vom Tourismus.

Nahariya am Fluss Nahar wurde 1934 ebenfalls von deutschen Juden gegründet, die vor dem Nazi-Terror flohen. Die Stadt mit seinen 20.000 Einwohnern ist auf Badegäste aus Israel und aller Welt eingestellt, vor allem auf Familien, die eine ruhige Atmosphäre suchen. Attraktionen sind das Kunsthandwerk mit Glasbläsereien, reichen Stickereien und Schmuck. Die Stadt hatte im Libanonkrieg sehr unter dem Beschuss der Hisbollah zu leiden.

Ein permanentes Naturschauspiel bietet Rosh Ha'Nikra direkt an der libanesischen Grenze. Jahrtausende lang hat das Salzwasser des Mittelmeers Höhlen in die Kalkfelsen gefressen und geheimnisvolle Grotten geformt. Der Rundgang durch diese Grotten ist ein abenteuerlicher Spaß, nass und sehr laut durch das tosende Wasser, das sich vielfach in den engen Schluchten bricht.

Doch Rosh Ha'Nikra ist auch ein historischer Ort, denn hier wurden die Tunnel für die Bahn von Damaskus bis nach Kairo durch den Felsen über dem Meer getrieben. Ein Film zeigt diese Trassenführung auf beeindruckende Weise, und somit ist Rosh Ha'Nikra auch ein begehrtes Ziel für israelische Schulklassen. Schleswig-Holsteins Landesrabbiner Walter Rothschild promovierte im Dezember 2007 über die Eisenbahn von Damaskus nach Kairo und ihre politischen Dimensionen. Rosh Ha'Nikra ist ein Natur-Reservat mit hohem Abenteuer-Effekt, einem berauschenden Ausblick über Israels Küste gen Süden und ist wohl der einzige Ort in Israel, an dem unvermutet muntere Murmeltiere über die Straße flitzen. Rosh Ha'Nikra, das ist Israels Kreidefelsen.

Heike Linde-Lembke

«Jüdische Zeitung», Februar 2008