Ein gelungener Auftrag – eine hervorragende Darstellung

«Die Geschichte der Juden in Deutschland»

 

Wenn das ehemals große deutsche Judentum noch heute einen Sinn für die deutsche Umwelt hat, so vielleicht den, daß darüber nachgedacht wird, ob nicht auch heutige Deutsche das benötigen, was die besten dieser ermordeten oder vertriebenen Juden einte: kritisches Bewußtsein und der Wille zur Humanität.

Ernst Ludwig Ehrlich (1983)

 

1628 Merian-Vogelschauplan Foto: dpa

Wir sehen heute, dass es für Juden in Deutschland eben nicht «vorbei» ist. Sondern sich die Gemeinden wieder in Deutschland festigen und eine Symbiose innerhalb der Gesellschaft sich bildet, die einerseits eine so wunderbare Frucht an Intellektualität, Kunst und Freude an allem Geistigen und Ästhetischen vielmehr festigt, andererseits die Vergangenheit des «Gelben Sternes» niemals ablegen kann. Eine Vergangenheit, die nicht vergessen werden darf, eine Vergangenheit, die nicht stagnieren darf, sondern lebendig in die Köpfe der Menschen und auch den heranwachsenden Generation, ob jüdisch, christlich, moslemisch, buddhistisch oder hinduistisch bleiben und werden sollte.

Groß ist der Umfang der publizierten Werke über die Schreckensherrschaft des NS-Regimes und des Holocaust. Doch was ist eigentlich mit der älteren Geschichte? Was wissen wir von König David oder das Leben der Juden zu Zeiten Karl des Großen? Welche Kenntnisse haben wir über die Juden im Mittelalter oder die Sepharden in Hamburg? Und was können wir über die Entwicklung von der Duldung der Juden bis zur Emanzipation, über die Aufklärung und das Reformjudentum bis zur Kaiserzeit sowie über die Stellung der Juden in Weimarer Republik eigentlich weitergeben?

Den achtundzwanzig renommierten Autoren aus Forschung, Wissenschaft und Publizistik ist es gelungen, einen herausragenden Sammelband über die mehr als zweitausend Jahre alte Geschichte der Juden in Deutschland zu erschaffen. Der Aufbau des Bandes spricht für sich: ob es um die ersten jüdischen Gemeinden im Mittelalter geht oder um die Beschreibung des steinigen Weges der Duldung bis zur Emanzipation, bis die Blütezeit der Juden trotz ihrer Gleichstellung im Kaiserreich mit der «Machtergreifung» der Nationalsozialisten endet. Es kommt zu einer völligen Ausgrenzung aus dem öffentlichen Leben, der geschürte Hass durch die Schergen Hitlers mündet in einen systematisch organisierten Mord von Millionen Juden in Deutschland und der okkupierten Gebiete. Allein die Einleitung von Reinhard Rürup, Historiker und ehemaliger Direktor des Gedenkstätte «Topographie des Terrors» in Berlin ermutigt die aktiv Interessierten zum einen mit den Worten «Wer sich darauf einlässt, wird schnell die Erfahrung machen, dass es dabei nicht nur um ein Pflichtprogramm geht, sondern um die Chance, einer ungewöhnlich faszinierenden, die Fantasie und den Intellekt gleichermaßen beflügelnden Geschichte zu begegnen» und zum anderen stellt er sehr deutlich die Notwendigkeit der «Aufarbeitung dieser zu Unrecht vergessenen Geschichte und ihre Vermittlung an ein breites Publikum» als «eine dringende und notwendige Aufgabe» heraus, was nicht nur zu bejahen ist, sondern einen Aufruf zu agieren beinhaltet.

Zu begrüßen ist weiterhin, dass der Band einen Glossar enthält, weil dieser für Interessierte, Studenten und Schüler die wichtigsten jüdischen Begriffe erläutert. Hinzukommt die «Chronik» der deutschen Juden. Die Auswahl der sehr effizienten und ausdrucksstarken Dokumente und Fotografien unterstreichen die Ausführungen der Autoren. Nicht nur, dass der interessierte Rezipient, historisch-wissenschaftlich und kultursoziologisch angesprochen wird, sondern auch emotional. Dieser Sammelband zeugt von der Ernsthaftigkeit und dem Engagement der Autoren.

Eindrucksvoll ist der Essay der Historikerin Monika Richarz «Leben in einem gezeichneten Land: Judentum in Deutschland seit 1945». Die Hauptthese: «Es gibt zwar Juden in Deutschland, aber wenig Judentum. [...] Es ist wichtig zu betonen, dass es keine Kontinuität des deutschen Judentums nach 1945 gegeben hat. Die deutschen Juden waren unwiderruflich vertrieben oder ermordet worden, ihre Kultur wurde mit ihnen ausgelöscht. Aber auch die Bezifferungen von Gemeinden in der BRD und DDR. Zahlen, die weniger konzentriert wie hier uns vor Augen geführt werden.»

Arnold Pauker, ehemaliger Direktor des Leo Baeck Instituts in London, spricht deutlich die Ebene des Gefühls an. Seine Schilderung des «Jüdischen Widerstandes» beschreibt die Schwierigkeit «mit der deutschen und jüdischen Widerstandsforschung». «In der Frühzeit der Bundesrepublik verlief die Geringschätzung jüdischer Aktivitäten gegen die NS-Diktatur parallel zum Herunterspielen fast jedes nichtmilitärischen und nichtkonservativen Widerstandes. Die Weiße Rose bildet da eine löbliche Ausnahme; [...]». Er schreibt weiter: «Ich selbst bin im Alter von 15 Jahren, recht unschuldig und ziemlich unvernünftig, mit Klebezetteln und Flugblättern gegen Hitler ausgerüstet worden und war offensichtlich «angeworben». Heute versuche ich, mir über die verschiedenen Beweggründe, die dazugeführt hatten, klar zu werden [...]. Ich muss allerdings gestehen, dass mir ein im Herbst 1936 verteiltes Flugblatt, das die arbeitenden Massen Deutschlands zur Solidarität mit dem Freiheitskampf des spanischen Volkes gegen den Faschismus aufrief, noch heute große Genugtuung bereitet. Jedenfalls konnten getarnte kommunistische und andere Linksgruppen in den meisten jüdischen Jugendbünden operieren».

Arno Herzig gelingt es, mit seinem Darstellungsversuch «Juden in Deutschland im Mittelalter» eine Welt zu erklären, die deutlich die Abhängigkeit menschlicher Akzeptanz und Privilegien aufzeigt und in der Privileg nicht mit «Schutz der Juden» gleichzusetzen ist. Es ist festzuhalten, dass der König der mittelalterlichen Privilegiengesellschaft «unterschiedliche Recht einzelnen Gruppen» vergab «und diese waren für Juden recht günstig». Der Autor beschreibt weiterhin die jüdische mittelalterliche Lebensweise, die Problematik der Konvertiten und zitiert den Wormser Gelehrten Raschi: «Auch wenn er [der Konvertit] gesündigt hat, so bleibt er dennoch Israelit». 1096 wurde das «harmonische Nebeneinander» empfindlich gestört durch die Kreuzzugspogrome. Juden wurden als «Erzfeinde und Mörder unseres Erlösers» bezeichnet. Die Entwicklung der negativen Judenbilder, die Topographie, die Pestpogrome, die mit einer hervorragenden Karte die jüdischen Siedlungen am Rhein vor der Pest und Vertreibungen untermauert wird, sind von Herzig in hervorragend verständlicher und historisch exakten Ausführung spannend dokumentiert.

Der Essay von Eberhard Wolff: «Ankunft in die der Moderne: Aufklärung und Reformjudentum» dagegen zeigt schon allein in seinen Überschriften «Ghetto», «Aufbruch», «Verbesserung», «Tradition im Wandel» und «Selbstbewusste Bürger jüdischer Konfession», die Kernstadien von Aufklärung und Reformjudentum. Prägnant und aufschlussreich unterstrichen durch die Exponatsauswahl des Malers Moritz Oppenheim: «eine fiktive deutsch-jüdische Begegnung» gibt dieser Essay einen Einblick in diese Thematik und festigt das Bild von der «Ankunft in die Moderne».

Doch auch ein paar Wermutstropfen birgt diese Publikation: Nehmen wir beispielsweise den Artikel des Theologen Wolfgang Grünberg. Leider wirkt zum einen der gewählte Titel: «Christentum und Judentum» doch recht lapidar. Der Inhalt selbst lässt einiges Stirnrunzeln beim kritischen Leser oder wissenschaftlich Engagierten aufkommen. Schon zu Beginn des Textes: «Christentum ist ein historischer und geistlicher Begriff, der weit mehr umfasst als die christliche Religion oder die Kirchen» entspricht mehr einer lexikalischen Definition als das Entree eines doch eigentlich recht spannenden Kapitels.

Auch leider Cay Rademacher, der zugleich Mitherausgeber dieses Sammelbandes ist, wagt eine Größenordnung der Geschichte von «1300 vor bis circa 800 nach der Zeitenwende» also «Von König David bis zu Karl dem Großen» niederzuschreiben, die schwerlich auf vierzehn Seiten zu realisieren ist. Ein Unterfangen, das schlichtweg von seinem Umfang zum Scheitern verurteilt ist.

Dennoch ist dieser Band ein «Muss» für jede Schule, für die Universitäten, für die privaten Haushalte und für jeden, der sich mit der Vergangenheit auseinandersetzen möchte. «Die Geschichte der Juden in Deutschland» bietet Unwissenden wie Wissenden einen hervorragenden Überblick über die Geschichte der Juden als Ergänzung zu den großen Nachschlagewerken und Wälzern, die für die am Anfang stehenden Interessierten oft schwer zugängig sind.

 

Arno Herzig/Cay Rademacher (Hrsg.): Die Geschichte der Juden in Deutschland. Verlag Ellert & Richter, Hamburg 2007, 352 Seiten mit 266 Abb., 29,90 Euro.

Patricia-Charlotta Steinfeld

«Jüdische Zeitung», Februar 2008