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«Johannistag»von Charles Lewinsky
Es gibt derzeit kaum einen deutschsprachigen Schriftsteller, der einen Roman derart selbstbewusst und mit großer sprachlicher Geste beginnt, wie der Schweizer Charles Lewinsky, geboren 1946: «Die Welt ist tausend Schritte lang. Wenn Du kämst (aber Du kommst ja nicht)...» Der sieben Jahre nach seiner weitestgehend unbeachtet gebliebenen Erstveröffentlichung im damals kurz vor der Abwicklung stehenden Haffmanns Verlag nun dankenswerterweise wieder aufgelegte Roman «Johannistag» spielt in einem kleinen Dorf in der südfranzösischen Provinz. Hierhin hat es den sprachmächtigen und aufmerksam beobachtenden Ich-Erzähler verschlagen, einen ehemaligen Lehrer, der den Schuldienst in Deutschland nach einer Affäre mit einer minderjährigen Schülerin quittiert hat. «Johannistag» beginnt als imaginäres Zwiegespräch mit der sehnsüchtig vermissten Geliebten, als detaillierte, facettenreiche, aber zunächst handlungsarme Beschreibung des Dorfes und seiner Bewohner. Eine geplante Baumaßnahme am Flussufer bringt jedoch urplötzlich ungeahntes Leben in das vermeintliche Idyll: es kommt zu einem Attentat auf eine alte Dame im Rollstuhl, Marienstatuen werden geschändet, eine Frau fällt aus dem Fenster, Brandstiftung, Mord und ein verdrängtes Geheimnis aus den letzten Tagen des Krieges, das alte Feindschaften wieder aufbrechen lässt. Charles Lewinsky ist ein äußerst spannender, hochintelligenter Psychokrimi als Lehrstück über Schuld und Selbsttäuschung gelungen, der seine mit dem großartigen Familienepos «Melnitz» im letzten Jahr erreichte Meisterschaft als Romancier mehr als andeutet. Zeitgleich ist unter dem Titel «Gipfelkonferänz» ein amüsanter kleiner Band mit gereimten «Monatsliedern» von Charles Lewinsky erschienen (gemeinsam mit dem Schweizer Mundart-Chansonnier Jacob Stickelberger), der viel über die langjährige Tätigkeit des talentierten Autors als professioneller Liedtexter u.a. für Harald Juhnke verrät. Uneingeschränkt zu empfehlen ist dieser Band allerdings nur jenen Lesern, die des Schweizerischen Dialekts mächtig sind. «Johannistag»
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