«Schuhhaus Pallas»

von Amelie Fried

 

Buchcover

Das Schweigen der Überlebenden der Schoa selbst innerhalb ihres engsten Familienkreises ist heute fast schon sprichwörtlich - immerhin ein erfreuliches Beispiel für die gelungene Sensibilisierung der Gesellschaft für dieses komplexe Thema. Überaus erfreulich auch die Fülle herausragender literarischer Beiträge zur Aufarbeitung dieses grundlegenden, sich auch auf spätere Generationen folgenschwer auswirkenden Phänomens, die im Verlauf der letzten 40 Jahren allein in deutscher Sprache erscheinen konnten. Die weit fortgeschrittene Psychologisierung unserer Zeit vermittelt aber auch leicht die voreilige und im Ergebnis zwangsläufig falsche Ableitung, dass dies im wesentlichen das Problem vorangegangener Generationen sei und heute doch wohl kein wenigstens einigermaßen reflektierter moderner Mensch noch davon betroffen sein könne. Umso überraschender, wenn eine erfolgreiche, intelligente junge Frau wie die Fernsehmoderatorin und Bestsellerautorin Amelie Fried in ihrem soeben erschienenen, explizit für Kinder und Jugendliche ausgewiesenen Buch bekennt, dass sie die entscheidenden Einzelheiten der Geschichte ihrer Familie erst vor wenigen Jahren bei zufälliger Gelegenheit erfahren hat. Ihr Großvater Franz Fried war zum Zeitpunkt der Machtübernahme der Nazis als Gründer und Eigentümer des Ulmer Schuhhauses «Pallas» ein erfolgreicher und angesehener Bürger seiner Heimatstadt - im Jahr 1945 war er der einzige Überlebende des jüdischen Zweigs seiner Familie. Mit beeindruckender literarischer Reduktion und inhaltlicher Konzentration erzählt Amelie Fried die Geschichte ihres Großvaters, der sich mit allen ihm zur Verfügung stehenden, teils kuriosen, teils verzweifelten Mitteln gegen die Ausgrenzung durch die Nationalsozialisten zur Wehr setzte, ebenso wie die Geschichte seiner Geschwister und ihrer Angehörigen, deren Spur sich in Auschwitz verliert und die Geschichte ihres Vaters, des großen Zeitungsverlegers, der sein Leben lang geschwiegen hat. «Schuhhaus Pallas» ist ein äußerst gelungener Versuch, auch junge Leser für den Themenkomplex der Schoa und des Schweigens der Opfer zu sensibilisieren, ein Buch, das schon sehr bald auf der Lektüreliste vieler allgemeinbildender Schulen auftauchen dürfte.

 

«Schuhhaus Pallas», erschienen bei Hanser, 187 Seiten, € 14,90

Florian Hunger 

«Jüdische Zeitung», Februar 2008