«Es gibt keinen Ersatz für Israel»

Israel auf der Tourismusbörse/ Rekordbesucherzahlen für 2008 erwartet

 

Foto:ITGO

«Das Jahr 2008 wird der absolute Wahnsinn!», sagt Heidi Wentzel mit sichtbarer Begeisterung. «In diesen Tagen und Wochen stehen die Telefone bei uns nicht still. Die Leute fragen ständig nach Israel.» Die Mitarbeiterin der Repräsentanz des israelischen Reiseveranstalters «Diesenhaus» in Frankfurt/Main freut sich stellvertretend für eine ganze Branche über den erwarteten Strom deutscher Reisender in das Mittelmeerland. Etwa 135.000 Besucher aus Deutschland prognostiziert das Staatliche Israelische Verkehrsbüro für 2008. Im Vorjahr waren es noch 101.000. Reiseveranstalter, Reisebüros und Fluggesellschaften werden Israel wieder auf der diesjährigen Internationalen Tourismusbörse, vom 5. bis 9. März in Berlin, vertreten sein und dem deutschen Kunden das Land ein Stück näherbringen.

Israel war nie ein Massentourismusziel wie etwa die Türkei, Tunesien oder Ägypten, die jährlich bis zu 3 Millionen deutsche Touristen empfangen. Israel ist kein Billigreiseland. Es ist vielmehr für seinen Kulturtourismus bekannt, für seine Studien- und Pilgerreisen beliebt. «Und es herrscht Reisestandard wie in Europa», zeigt Heide Wentzel ein wichtiges Argument für den deutschen Kunden auf. Seit ein paar Jahren sind Israelreisen wieder im Programm aller deutschen Großveranstalter wie TUI, Neckermann, alltours, Phoenix, Dertour, Thomas Cook und anderen. Viele Reisebüros in Deutschland fordern die Kataloge der Reiseanbieter wie «Diesenhaus» oder dessen größtem Konkurrenten in Israel, «Superstar», an. Der einst inflationsgeschüttelte «Neue Israelische Schekel» ist heute überall frei konvertierbar und gehört zu den fünfzehn stärksten Währungen der Weltwirtschaft. Eva Schumacher-Wulf vom Staatlichen Israelischen Verkehrsbüro streicht den Sonderstatus Israels als Reiseland hervor: «Wer mal zu den Wurzeln der westlichen Kultur pilgern will, der muss nach Israel kommen.» Denn neben den heiligen Stätten für Juden, Christen und Muslime, findet auch der Kulturreisende, Kurgast, Partyurlauber und Krisengebietsabenteurer in Israel etwas für sich. Wie vielfältig die Motive, so bunt die Israelreisebranche: von Anbietern für Gruppenreisen für russischsprachige Juden in Deutschland bis zu Pilgerreisebüros für Christen, vom «city break» nach Tel Aviv bis zum Tauchurlaub am Roten Meer. «Es gibt keinen Ersatz für Israel», bringt es Schumacher-Wulf vom Verkehrsbüro, das seit 1966 sein Büro in Deutschland hat, auf den Punkt.

 

Foto:Arkadi Shafirov

Deutsche Urlauber gern gesehen

Tourismus ist ein wichtiger Wirtschaftsfaktor für Israel: Im Jahr 2007 betrug der Anteil der Umsätze im Tourismus 15 Prozent am Bruttosozialprodukt. Über zwei Milliarden Euro wurden im vergangen Jahr in der Branche bewegt; insgesamt kamen 2,3 Millionen Besucher nach Israel. Die besten Kunden sind traditionell Besucher aus den USA - im Jahr 2007 allein eine halbe Million. Nach Franzosen und Briten gehören die Deutschen zum viertgrößten Touristenkreis für Israel. Der deutsche Israelurlauber wird als angenehm und umgänglich wahrgenommen. Und er gibt mit circa 750 Euro mehr Geld im Land aus als der durchschnittliche Tourist. Interessanterweise investiert der Besucher aus Russland, für den seit Februar dieses Jahres auch keine Visumspflicht mehr nach Israel besteht, pro Kopf mehr als sein deutscher Gegenüber. Die meisten Mitarbeiter in der Israelreisebranche bezeichnen den deutschen Israelreisenden als «sehr sensibel und konservativ». Benzi Malka von der Niederlassung der israelischen Fluggesellschaft «El-Al» in Frankfurt/Main versucht eine Charakterisierung: «Dem deutschen Reisenden geht es nicht, wie vielen anderen Auslandstouristen, um einen reinen Erholungsurlaub. Er ist anspruchsvoller und gebildeter. Er ist ein Mensch, der sich sehr gut vorbereitet und genau über Entscheidungen nachdenkt.» Diesem Bild widerspricht Richard Krauß von «Saniexpress Services» teilweise. Mit 18 Prozent machten die deutschen «Last Minute Bucher» einen beachtlichen Teil aller Reisenden, so der Leiter des Fachreisebüros aus dem unterfränkischen Schwebheim. Eine Sorge räumt Wentzel von vornherein vom Tisch: Aus der Geschichte rührend hätten Deutsche, erklärt die «Diesenhaus»-Mitarbeiterin, oft mehr Vorbehalte bei der Reise ins «Land der Juden», als sie in Wirklichkeit haben müssten. Negative Erfahrungen hat Wentzel auf persönlichen Israelaufenthalten nie gemacht und sind ihr auch von Berichten anderer nicht bekannt.

 

Foto:Eik Dödtmann

Angst hat sich relativiert

Insgesamt, das bestätigen alle Befragten der Branche, habe sich die Angst vor Besuchen in Israel relativiert. «Früher haben die Leute viel schneller Reisen abgesagt, wenn in Gaza etwas los war», berichtet Wentzel. «Die Menschen gewöhnen sich daran, dass überall etwas passieren kann. Auch in London und Madrid. Für den Tourismus ist das gut, für die Menschen ist es traurig», meint sie zur veränderten Wahrnehmung der Lage in Israel. Interessanterweise stimmen die Besucherzahlen aus Deutschland aber nie ganz mit der politischen Realität in Israel überein. Eva Schumacher-Wulf vom Israelischen Staatlichen Verkehrsbüro erklärt dazu: «In den Jahren 1995 und 1996 kamen mehr deutsche Urlauber, trotz der damaligen Anschläge, als in den Jahren 2004 bis 2006, als es verhältnismäßig ruhig im Land war. Das lag vor allem am guten Bild Israels in der Folge des Oslo-Friedensprozesses und der Figur Jitzchak Rabins. Ariel Scharon dagegen war nicht beliebt, Israel war in den Jahren der Zweiten Intifada der Böse.» Seit dem Gaza-Abzug, so die Pressesprecherin, gehörten die Sympathien wieder Israel. Prinzipiell gelte die Regel, dass die Medien das Image des Landes bestimmten.

An der Zweiten Intifada hatten alle Israelreiseanbieter schwer zu tragen. Die Besucherzahlen aus Deutschland fielen auf 86.000 im Jahr 2002. «Nur die jüdischen und palästinensischen Familienangehörigen fahren immer», erklärt Heide Wentzel. «Und die „Christen für Israel", die gerade in Krisenzeiten zeigen wollen: Wir stehen hinter Israel.» Die Israelreisebranche ist dramatische Schwankungen wegen politischer Schlechtwetterlagen gewohnt. Die Spezialanbieter mussten während der Zweiten Intifada einen Teil der Belegschaft entlassen. Die Großanbieter, wie TUI, Neckermann und Thomas Cook nahmen Israel aus ihren Katalogen. Michael Doll, Stellvertretender Geschäftsführer von «Biblische Reisen» in Stuttgart, beklagt in dem Zusammenhang, dass es lange dauere, den während der Tourismusflaute verlorenen Mitarbeiterstamm wieder aufzubauen. «Deutsche Israelbesucher haben hohe Ansprüche und dafür brauchen wir gutes Personal», erklärt Doll. «Wir haben jetzt eine Weile gesucht, bis wir wieder gutes Personal finden konnten.»

Individuell oder in der Gruppe

Eine andere Entwicklung nahm das Unternehmen von Yael Frankfurt. «Als ich im Jahr 2003, mitten in der Intifada, mein Büro eröffnete, hielten mich alle für verrückt», erzählt die Besitzerin von «TuS Reisen», einem von drei großen Israelanbietern in Berlin. Sie konzentrierte sich am Anfang auf Gruppenreisen für Russischsprachige. Im Jahr 2008 sind aber auch ihre Kunden zu einem großen Teil Deutsche. «Jeder Mensch sollte einmal in Israel gewesen sein», sagt die religiöse Jüdin, die regelmäßig Israel-Abende veranstaltet, um das Bild des Landes in der deutschen Öffentlichkeit zu verbessern. «Der große Renner ist gerade das Tote Meer. In diesem Winter waren dort alle Plätze ausgebucht.» Ein Aufenthalt am Toten Meer zu Kurzwecken ist mittlerweile auch über die Krankenkassen in Deutschland finanzierbar. «Gesundheitsreisen Wessel», ein seit 21 Jahren existierender Anbieter aus Hamburg, hat sich so beispielsweise ganz auf dieses Reiseziel spezialisiert. Die Branche verbucht außerdem eine ständig wachsende Zahl an Individualtouristen. Für die ist neben den klassischen Zielen in Israel, wie Jerusalems Altstadt und dem idyllischen See Genezareth, zunehmend Tel Aviv im Kommen. In die Mittelmeermetropole mit dem kosmopolitischen Charme gibt es mittlerweile Wochenendtrips, die sogenannten «city-breaks», bei denen sich vor allem jüngere Israelbesucher in das Nachtleben der Stadt, in die ausgeprägte Musik- und auch Schwulenszene stürzten. Für Individualtouristen wird auch der Badeort Eilat am Roten Meer, der auch zum Shoppen, Tauchen und Wandern in den Bergen der Umgebung einlädt, immer attraktiver.

Traditionell ist der Anteil der religiös oder politisch motivierter Studien- und Pilgerreisen nach Israel sehr hoch. Das Spektrum reicht von Kennlernreisen jüdischer Veranstalter bis zu Gruppenfahrten christlicher Gemeinden Deutschlands. Begegnungen mit anderen Religionen und Nationen sind dabei mal mehr, mal weniger erwünscht. Die «Jewish Agency for Israel» etwa veranstaltet auch im Sommer 2008 wieder kostenlose Entdeckungsreisen auf Deutsch und Russisch für jüdische Jugendliche zwischen 18 und 26 Jahren. Das «Bayerische Pilgerbüro» in München organisiert für katholische Gruppen den Besuch ausschließlich heiliger christlicher Stätten. Die «Biblischen Reisen» Stuttgart besuchen hingegen auch religiöse Stätten von Juden, Muslimen und verschiedenen christlichen Kirchen im «Heiligen Land». Michael Doll zum Konzept des Anbieters: «Wir sehen Israel mit den Augen eines christlichen Pilgers, als Heiliges Land, darin ist auch die Westbank integriert.»

Tourismus baut Brücken

«Israelische Guides können nicht mehr in die Westbank, palästinensische nicht auf die Seite Israels», beschreibt Doll das neue logistische Problem für den Reisenden, der neben Tel Aviv, Jerusalem und dem See Genezareth auch Bethlehem und Jericho auf dem Programm hat. Bei Führungen von Ost- nach Westjerusalem etwa, ergäben sich so praktische Schwierigkeiten. Dabei ist die

Tourismusbranche in Israel ein Berufszweig der sprichwörtlich «Brücken bauen kann». Es gibt immer schon Absprachen und enge Kooperationen zwischen jüdischen und arabischen Reiseveranstaltern, Hotelanbietern und Transportunternehmen im Land. Beide Seiten haben eine gemeinsame Tourismusbehörde. Israelisches und palästinensisches Fremdenverkehrsbüro stellen ihre Stände auf der ITB in Berlin schiedlich friedlich nebeneinander auf.

Speziell für rein deutschsprachige Touristen tun sich beim Israel- Aufenthalt im Jahr 2008 allerdings ganz neuartige Probleme auf. Es gibt nicht mehr genügend qualifizierte Guides, die des Deutschen mächtig sind. Die Jeckes, die deutschen Juden in Israel, haben sich in den Krisenjahren der Zweiten Intifada aus dem Geschäft verabschiedet. Ihre jüngeren Kollegen haben nicht selten den Beruf gewechselt oder sind ins Ausland gegangen. Deutsch als Umgangssprache ist nicht mehr selbstverständlich in Israel. Die derzeit hohe Nachfrage in Deutschland nach Reisen nach Israel im Jahr 2008 stellt die Branche auch vor einige andere Herausforderungen. Michael Doll von «Biblische Reisen» berichtet, dass die Kapazitäten an Flügen nach und Hotels in Israel nicht ausreichten. Die Pressesprecherin des Israelischen Fremdenverkehrsbüros Eva Schumacher-Wulf sieht aber auch hier die Lösung: «Das Potential für den Tourismus in Israel ist noch nicht ausgeschöpft. Deshalb wird viel geplant und gebaut.»

Noch fliegt keiner mit Wasser

Derzeit teilen sich sechs Fluggesellschaften den Markt für die Flüge zum Mittelmeeranrainer. «El-Al», die dienstälteste davon, fliegt seit 1957 deutsche Reisende nach Israel. Niederlassungsleiter Benzi Malka erwartet für das Jahr 2008 eine Steigerung der Fluggastzahlen um 35 Prozent. «El-Al» arbeitet mit allen wichtigen Israelreiseanbietern zusammen und fliegt Berlin, München, Frankfurt/Main und Stuttgart an. Laut Malka würde das Unternehmen die Zahl der Flüge noch erhöhen, dies scheitere bisher jedoch an den Kapazitäten deutscher Flughäfen. «El-Al» ist noch Marktführer, doch der Flugreisemarkt nach Israel erfährt eine schrittweise Öffnung. Lufthansa, Hapag Lloyd, TUI Fly, und Israir rangeln sich ums Geschäft. Konkurrenz belebt. Noch gibt es keine Billigflieger nach Israel, die Barrieren sollen aber bald fallen. Die Air Germania plant für den Sommer 2008 Israelflüge. «Mit Wasser fliegt niemand», warnt jedoch der Generalvertreter der Israir in Deutschland, Michael Leiserowitz, vor übersteigerten Erwartungen. Wirklich billig könnten die etwa vierstündigen Flüge nach Israel nie werden. Auf preiswerte Flugangebote sollte der Israelinteressant im Jahr 2008 dennoch ständig achten. In die Vergünstigung verbilligter Flugtickets können einzig Besucher der Westbank und des Gaza-Streifens, meist Familienangehörige, nicht geraten, informiert Heide Wentzel von «Diesenhaus». Aufgrund der instabilen politischen Lage in den Besetzten Gebieten müssten diese Kunden immer ein teures, umbuchfähiges Langzeitticket kaufen. Mit «El-Al» flögen auch sie meistens, so Wentzel: «Jeder will schließlich sicher ankommen.»

Auf der Internationalen Tourismusbörse in Berlin wird der Israelinteressierte ausgiebig Gelegenheit zu tiefgehender Information und einer individuellen Beratung bekommen. Neben rund 11.000 Ausstellern aus 180 Ländern wird sich Israel dort dem Gast präsentieren. Schwerpunktthemen der ITB werden in diesem Jahr Konzepte für besseren Umweltschutz im Tourismus und die Entwicklung von Billighotels sein. Auch in diesen Bereichen genügt das Land den westlichen Standards. Die Gelegenheit ist gut, sich seinen Traum von der Reise nach Israel zu erfüllen.

 

Von Miriam E. Fried

 

 

 

 

 

 

 


«Jüdische Zeitung», März 2008